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Vom 1. Advent bis Heiligdreikönig:Vater, Mutter, Jesuskind

Neue Ställe, Landschaften und originelle Figuren: Der Ebersberger Krippenweg bietet von diesem Sonntag an ganze 55 Stationen.

Von Michaela Pelz

In einer Zeit, in der so vieles notgedrungen anders ist als früher, freut man sich über jede vertraute Konstante. Vor allem rund um Weihnachten. Wie gut also, dass es ab dem ersten Advent zum nunmehr sechsten Mal einen Ebersberger Krippenweg gibt. Wenn auch, das ist der Wermutstropfen, vorerst ohne die kundige Begleitung von Thomas Warg und seinen Stadtführerkollegen, denn solcherlei ist derzeit leider untersagt. Glücklicherweise kann man die 55 Stationen, die sich vor allem auf Geschäfte und andere Einrichtungen in der Innenstadt konzentrieren, aber auch allein erkunden. Am besten mit dem an alle Haushalte verteilten Faltplan, der auch in den Läden ausliegt oder sich im Netz herunterladen lässt.

Was man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte, ist das Schaufenster von "Haar-Reif". Über seine gesamte Breite erstreckt sich unter einer von der Besitzerin selbst gemalten "Landschaft von Bethlehem" ein liebevolles Arrangement von Figuren, das viele kleine Geschichten erzählt. Den Grundstock erwarben Eva Reif und ihr damaliger Verlobter auf dem Münchner Christkindlmarkt, obwohl sie ursprünglich losgezogen waren, um die Aussteuer zu besorgen. "Mein Mann meint, ich solle bitte dazusagen, dass wir die im Frühjahr doch noch gekauft haben, sonst denken alle, wir hätten keine Teller und Tassen gehabt", sagt die Friseurin und lacht. Ihre Krippensammlung ergänzt sie um immer neue, witzige Details. Die Kunden sind begeistert, Kinder jubeln vor allem beim Anblick des Buben mit Ranzen: "Ein Schulschwänzer!" Allerdings beklagte eine junge Passantin unlängst mangelnde Gleichberechtigung, als sie die Accessoires eines alten Ehepaars auf einer Bank sah - sie mit Nähkästchen, er mit Brotzeit. In dieser Hinsicht durchaus fortschrittlich zeigt sich hingegen Reifs Lieblingsfigur: eine stillende Mutter mit blanker Brust. So ist für alle etwas dabei und die Inhaberin des Friseursalons hochzufrieden. Einzig, dass sie eine vor kurzem gesehene Nachbildung von Papst Benedikt nicht gleich gekauft hat, bereut sie.

Stefan Kühnlein, Krippenexperte und Familienvater:

"Die Schnitzeljagd für Kinder bietet Eltern einen zusätzlichen Anreiz für einen Spaziergang an der frischen Luft."

Ein Hingucker ist auch die 60er-Jahre-Papierkrippe (Café Schweiger) mit bestimmt mehr als 70 Figuren. "Drei Tage lang haben Franz Kisters und seine Frau gebraucht, um mit der Nagelschere alle aus den Bögen auszuschneiden und auf diesen Berg zu kleben, damit sie richtig zur Geltung kommen", erzählt Stefan Kühnlein, seit 2018 Organisator des Krippenwegs und damit Nachfolger von Kisters, auf den die Idee zurückgeht.

Selbst wenn der "Krippenpapst" nicht mehr in der Kreisstadt lebt, ist er doch weiterhin sehr präsent. Einerseits durch die zahlreichen von ihm selbst gefertigten Werke - allen voran die fünf Meter lange Stadtkrippe (Einkaufszentrum), aber auch durch das, was er im Lauf der Jahre zusammengetragen hat. Dazu gehören 20 bis 30 Exponate einer Augsburgerin, die in ihrem Haus bis zu 1000 Miniaturkrippen hatte. Einige davon sind auch 2020 im Einsatz - etwa die in einer Gartenlaterne (Wirtshaus zur Gass), eine im Geigenkasten (Drucker-Tankstation) oder im "Schnapskasterl" (Raumausstattung Pohn).

Krippenweg Ebersberg

Auch aus Kieselsteinen lassen sich Krippenfiguren bauen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Deutlich größer dimensioniert sind die Egli-Figuren, heuer vertreten nicht nur in Sankt Sebastian, wo man außerdem die Osterrieder Krippe besichtigen kann, sondern auch in der Schneiderei Ilze. Wer genau hinschaut, erkennt, dass Maria dort einen Mundschutz trägt. Inhaberin Ilze Rismane hat darin bereits genügend Übung: "In den letzten Monaten habe ich Tausende von Masken für ganz Ebersberg gemacht." Die Figuren selbst haben unter anderem Barbara Breuer und Diana Kühnlein hergestellt. Die Religionspädagogin Kühnlein hat darüberhinaus heuer auch wieder die beliebte Kinder-Schnitzeljagd konzipiert. Dabei gilt es herauszufinden, in welche Krippen diverse Gegenstände wie Pinsel, Auto oder Bierkiste "hineingemogelt" wurden. Diese stammen von weiteren Mitgliedern des BDS (Bund der Selbstständigen), der die Initiative Krippenweg durch die Präsentation in den Schaufenstern und auch finanziell unterstützt: Unter allen richtigen Einsendungen werden Gutscheine verlost. Das freut die 150 bis 200 teilnehmenden Buben und Mädchen, deren Eltern wiederum "den zusätzlichen Anreiz für einen Spaziergang an der frischen Luft" schätzen, erzählt Stefan Kühnlein und schmunzelt, als Familienvater mit dieser Thematik wohlvertraut.

Krippenweg Ebersberg

Eine Station beweist, dass die Heilige Familie sogar in eine Gartenlaterne passt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wollte man allerdings sämtlichen Variationen des Motivs "Vater-Mutter-Jesuskind" einen Besuch abstatten, wären stolze 7,5 Kilometer zurückzulegen. Das liegt an den neuen Außenstellen, zu denen nun auch Oberndorf gehört. Was man dort im Turmkammerl von Sankt Georg bewundern kann, ist Maria Rabe zu verdanken. 1989 setzte sie das von einer Tante geerbte Geld ein, um eine Krippe für ihren Heimatort anzuschaffen und kümmerte sich viele Jahre um den Aufbau. Die beweglichen, "klassisch" gekleideten Figuren stammen aus Oberammergau, der Stall sowie diverse Häuser aber wurden von Anton Häuslmann aus dem 500 Jahre alten Eichenholz des früheren Glockenstuhls von Sankt Anna in Traxl geschnitzt.

Starken lokalen Bezug findet man auch im Modehaus Schug. Neben einer traditionellen, alpenländischen Krippe im Schaufenster zur Hauptstraße stehen seitlich, wo es ruhiger ist und mehr Muße zur Betrachtung bleibt, drei mannshohe Perchten-Figuren. Diese furchteinflößenden Gestalten sowie zwei Kollegen im Inneren des Geschäfts kommen aus dem Kirchseeoner "Maskeum", dessen geplante Eröffnung ebenso der Pandemie zum Opfer fiel wie der beliebten Perchtenlauf. "Deswegen wollten wir sie unbedingt in den Krippenweg integrieren," erklärt Stadtführer Warg. Die Halterungen für sechs Masken im Laden hat Martin Schug kurzerhand selbst gebaut. Damit "Frau Percht" sowohl ihr Sonnengesicht als auch die Teufelsfratze zeigen kann, werde man sie öfter einmal drehen, kündigt Marion Schug an. Dann fügt sie hinzu, ihr Mann habe als Kind gehörigen Respekt vor den Perchten gehabt. "Wenn sie auf den Marktplatz kamen, bin ich immer unter die Kleiderständer gesprungen", sagt der Einzelhändler und lacht. Den Krippenweg bezeichnet er als "sensationelle Aktion": Man könne ja kaum besser Abstand halten als vor einer Scheibe.

Dem pflichtet Warg bei, dennoch ist zu spüren, dass der Kreisheimatpfleger nur zu gern möglichst vielen Menschen die zahlreichen Geschichten erzählt hätte, die sich um die Krippen ranken. So weiß er etwa zu berichten, dass diese im 18. Jahrhundert gar keine sein durften, als Kaiser Joseph II. meinte, "den ganzen Glauben braucht's nicht". Woraufhin die findigen Bauern den Gendarmen bei deren Kontrollgängen erklärten, selbstverständlich handle es sich bei den geschnitzten Gebilden in ihren Stuben "um meinen Hof und meine Familie". Dass es neben Warg und Kühnlein weitere Krippenbewanderte in Ebersberg gibt, merkt man, als sich am Marktplatz spontan Wilfried Seidelmann dazugesellt. Der Arzt verrät, dass er die "kleinen Dachbodenkrippen" (Allianz) vor fünf Jahren von seinem Onkel geerbt hat. Der kam ursprünglich aus Landskron in Böhmen und wurde nach dem Krieg Volksschullehrer im Bayerischen Wald. In Greising habe er mit seinen Schülern diese Krippen aus Holz ausgesägt, mit Bildern beklebt und die Dächer mit Stroh gedeckt. Als man beim Stichwort "Böhmen" die Grulicher Krippen erwähnt, meint der Arzt lebhaft: "Klar, das ist ja ums Eck!", und ergänzt, dass viele Flüchtlinge sehr an ihren Krippen gehangen hätten. Eine solche muss wohl auch der Ursprung des Fragments sein, das nun in der Sparkasse ausgestellt ist. "Die war sicher mal fünf Meter lang, bevor man große Teile davon verbrannt hat," weiß Kühnlein. Ein Segment aber habe man glücklicherweise retten können.

Weitere Infos: www.ebersberger-krippenweg.de

© SZ vom 28.11.2020
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