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Von Berlin nach Ebersberg:Ein Mann zeigt seine Kampfkunst

Kunstverein Ebersberg
Ausstellung: Maskenball für Alle! von und mit Mike Spike Froidl.
Malerei in Zeiten von Corona - Climate Change

Anarchist mit Schlagstock und Pinsel: Mike "Spike" Froidl.

(Foto: Christian Endt)

Mike "Spike" Froidl, einst Meisterschüler der Fluxus-Ikone Robin Page, stellt beim Ebersberger Kunstverein aus.

Von Anja Blum, Ebersberg

Alles andere als konventionell: So lässt sich das anarchisch-kritische Sein und Schaffen von Mike "Spike" Froidl wohl am besten auf den Punkt bringen. Er lebt als klassischer Punk in Berlin, inklusiver allerhand subversiver Aktionen, etwa gegen die Gentrifizierung, außerdem hat er sich der Kampfkunst verschrieben. Bei Froidl allerdings ist dieser Begriff doppeldeutig zu verstehen: Der sehnige 55-Jährige trägt diverse schwarze Gürtel, doch auch sein Kreativität ist in gewisser Weise aggressiv, insofern sie stets ein Ziel, eine gesellschaftlich-politische Botschaft hat. Die Gelegenheit, tief einzutauchen in diese ganze, gegen den Strich gebürstete Froidlsche Welt, bietet nun der Kunstverein Ebersberg. Hier nämlich stellt der Berliner Künstler jetzt aus, inklusive Performances und Filmvorführungen. Los geht's am Samstag, 18. Juli, mit einer Vernissage.

"Ich kenne Spike nun schon seit 1991 - und er wird immer besser", sagt Thomas Hager, beim Kunstverein verantwortlich für die Froidl-Ausstellung. Da der Künstler selbst erst am Donnerstag aus Berlin anreist, hat er ein Päckchen vorausgeschickt, darin acht Rollen dünnes Reispapier, aus denen eine Installation entstehen soll. Hager packt sie aus, während er erzählt und schwärmt. "Spike arbeitet immer auf dem Boden seiner Wohnung, ein Atelier braucht er nicht, und zu seinen Ausstellungen reist er oft mit dem Flixbus." Ein Rucksack genüge schließlich, um seine Papierrollen zu transportieren. Auf jenen, die Hager gerade ausbreitet, sind vier historisch anmutende, wild voranstürmende Soldaten und Wachtürme zu sehen, gekonnt mit Kohle hingeworfen. Die Arbeit heißt "Europa ohne Europa" - "dann bestünde unser Kontinent nur noch aus Grenzen und Krieg", erklärt Froidl später am Telefon.

Krieg ist eines der Themen, denen sich der gerne seriell arbeitende Künstler immer wieder widmet, die Pickelhaube ein wiederkehrendes Motiv. "Wenn man als Niederbayer bei den Preußen lebt, kommt man daran ja fast nicht vorbei", sagt Froidl und lacht. Geboren ist er 1964 in Regen im Bayerischen Wald, ab 1970 wuchs er in München auf, wo er später an der Kunstakademie Meisterschüler des großen Robin Page war, genannt "Bluebeard". Tatsächlich trug der Professor seinen weißen Bart blau - ein Werk von Spike Froidl. Page war eine Ikone der Kunstrichtung Fluxus, bei der es nur auf die schöpferische Idee ankommt, nicht auf der Kunstwerk, das als bürgerlicher Fetisch gilt.

Mike Froidl ist dem Fluxus bis heute verpflichtet, hinzu kommt bei ihm allerdings noch ein anderes Genre, denn parallel zur Akademie studierte er bei dem japanischen Zenmönch K. Kuwahara acht Jahre lang die Kunst der fernöstlichen Kalligrafie. In Froidls Rollbildern im Stile der japanischen Kakemono vereinigen sich daher heute östliche und westliche Kunstströmungen. Ästhetisch ausgerichtet an der japanischen Kunst, verbindet er das feinsinnige Mysterium des ostasiatischen Shodō mit politischer Gesellschaftskritik im Sinne der Aufklärung und ihren Idealen wie Emanzipation, Toleranz, Verantwortung, Befreiung von Willkür und Ignoranz. "So ist Mike Spike Froidls zeitnah-zeitlose, radikal verstörend schöne Kunst immer eine Stellungnahme zu den Ungeheuerlichkeiten der Welt", heißt es in der Ankündigung. Doch dieser Punk ist nicht nur ein Kritiker, ein Aufrührer, sondern auch technisch höchst versiert: Bei seiner gegenständlichen Maltechnik mit ihrer luziden Leichtigkeit müssen Bildkomposition und Farbgebung in einem Wurf glücken. Sprich: Der Künstler muss genau wissen, wie sein Bild später auszusehen hat, bevor er den Pinsel in die Farbe taucht. Doch seine Energie, Stringenz und Reife ließen ihn ein mehrere Hundert Bilder umfassendes Oeuvre schaffen.

Nun also gewährt Froidl in Ebersberg Einblick in die Wunderkammer seiner Bilderwut. "Maskenball für Alle! Malerei in Zeiten von Corona - Climate Change" ist die Ausstellung beim Kunstverein überschrieben, denn es wird nicht nur um die Pandemie gehen, sondern "um viele Themen, an denen wir trotz Pandemie dranbleiben sollten", sagt Froidl. "Vom Klima über die Flüchtlinge bis hin zum Rechtsradikalismus in der Polizei". Bereits 2016 war Froidl schon einmal Gast beim Ebersberger Kunstverein, damals allerdings als Teil einer Gruppenausstellung zum ersten Todestag von Robin Page - einer Hommage seiner Schüler an den Meister. Nun ist Froidl die Vorfreude über sein zweites Gastspiel in der Kreisstadt deutlich anzumerken: "Das wird eine tolle Kiste, so viel große und kleine Bilder von mir wurden noch nie in Bayern gezeigt." Er habe vor, die Alte Brennerei in eine große barock-asiatische "Froidl-Pinakothek" zu verwandeln. "Außerdem gibt es an drei Samstagen Veranstaltungen, zu denen ich von Berlin runterkomme und persönlich anwesend bin." An der Vernissage wird er eine Kalligrafie-Performance zelebrieren, in der Galerie kann man in Zeitraffer-Filmen den Meister beim Erschaffen seiner Werke beobachten, obendrein gibt es Froidls eigenwillig-historische Sach- und Spielfilme zu sehen.

"Maskenball für Alle!": Ausstellung von Mike "Spike" Froidl in der Alten Brennerei des Ebersberger Kunstvereins (Klosterbauhof). Vernissage mit Performance und Film am Samstag, 18. Juli, 17 Uhr. Infos unter www.kunstvereinebersberg.de

© SZ vom 16.07.2020/koei
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