Bereitschafspflegeeltern:Wenn's schnell gehen muss

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Bereitschafspflegeeltern: Bereitschaftseltern kümmern sich um Kinder, die in ihrer Familie von Vernachlässigung oder Gewalt bedroht sind.

Bereitschaftseltern kümmern sich um Kinder, die in ihrer Familie von Vernachlässigung oder Gewalt bedroht sind.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Sind Kinder in ihren Familien akut gefährdet, dann bringt das Jugendamt sie vorübergehend zu Bereitschaftspflegeeltern. Doch was sind das für Menschen, die fremde Kinder bei sich zu Hause aufnehmen? Ein Besuch.

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Peter A. steigt die Stufen in den ersten Stock hinauf, er öffnet die Tür zu einem der fünf Zimmer. "Das ist es", sagt er und blickt in den Raum. Ein Schreibtisch mit einem Stuhl davor, ein Bett mit ordentlich aufgeschüttelter Zudecke und Kopfkissen, gegenüber eine Schlafcouch. Etwas versetzt zwischen Schlafcouch und Bett liegt ein Teppich. Er ist grau mit ein paar weißen Sprenklern versetzt und ziemlich groß, das Garn ist lang und dicht, wie bei einem Flokati. Peter A. erzählt, dass er erst wenige Tage zuvor den neuen Schreibtisch zusammengebaut hat. Dabei sei ihm eine Schraube aus der Hand geglitten und auf dem Teppich gelandet. Jetzt lacht er. "Ich hab sie einfach nicht mehr wiedergefunden!" Verschluckt von der flauschigen Wohligkeit des Teppichs.

Peter A. und seine Frau Susanne A. sind Bereitschaftspflegeeltern, insgesamt gibt es zehn im Landkreis Ebersberg. Sie stehen parat, wenn es einmal schnell gehen muss: Droht einem Kind oder Jugendlichen eine akute Gefährdung, sollte es bei den eigenen Eltern bleiben, müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kreisjugendamts (KJA) eine Inobhutnahme vornehmen, um das Kindeswohl vorläufig zu sichern. Das bedeutet: Das Kind wird erst einmal aus seiner Familie genommen, bis die Situation zu Hause entschärft ist. In der Zwischenzeit lebt das Kind zum Beispiel bei einem nahen Angehörigen oder eben bei einer Bereitschaftspflegefamilie.

Wo genau die A.s im Landkreis leben sowie ihre echten Namen sollen nicht in der Zeitung stehen - das wäre zu gefährlich für die Pflegekinder und auch für sie selbst. Denn es kommt schon einmal vor, dass Erziehungsberechtigte Drohungen aussprechen, wenn das zuständige Jugendamt eine Inobhutnahme ihres Kindes in die Wege leitet.

Eine Inobhutnahme ist das letzte Mittel und kommt vergleichsweise selten vor

"Eine Inobhutnahme kann von einem Tag bis zu einem Jahr dauern", erklärt Florian Robida. Er ist Leiter des Ebersberger Kreisjugendamts. "Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich." Er betont, dass eine Inobhutnahme immer das letzte Mittel bleibe und im Vergleich zur Gesamtzahl aller Fälle, in denen das KJA eingeschaltet wird, äußerst selten vorkomme.

Dass die A.s Bereitschaftspflegeeltern geworden sind, könnte man Zufall nennen - es klingt auf jeden Fall nach einer ungewöhnlichen Geschichte. Damals suchten die beiden als Eltern eines Kindes im Jugendalter selbst Rat beim Jugendamt. Nach einiger Zeit fragte sie ihre zuständige Familientherapeutin, ob sie sich vorstellen könnten, Pflegeeltern zu werden. Die beiden lehnten ohne groß zu überlegen ab. Vom Tisch war das Thema damit aber noch nicht. Zu Hause fand vor allem ihr eigenes Kind die Idee super, wie Susanne A. erzählt. Sie hätten sich lange innerhalb der Familie beraten, irgendwann seien sie dann doch zu neugierig geworden. Schließlich bewarb sich das Paar.

Der Pflegekinderdienst kümmert sich um die Pflegeeltern

Es folgte ein erstes Informationsgespräch mit zwei Mitarbeitern des Pflegekinderdienstes - eine Organisationseinheit innerhalb des Jugendamts, in der sich ausschließlich um Pflegefamilien gekümmert wird. Danach besuchten die A.s ein zweitägiges Vorbereitungsseminar mit anderen möglichen Pflegeeltern. "Da waren wir die Einzigen, die von vornherein gesagt haben, dass für uns nur eine Bereitschaftspflege in Frage kommt", sagt Susanne A.

Für eine Vollzeitpflege interessierten sich häufig Paare, die einen unerfüllten Kinderwunsch hegen, so Susanne Müller-Hertling. Sie ist Mitarbeiterin im Pflegekinderdienst und betreut Familie A. Vollzeitpflegeeltern betreuen, im Gegensatz zu Bereitschaftspflegeeltern, betroffene Kinder über einen längeren Zeitraum hinweg. Solche Vollzeitpflegeeltern sucht das KJA übrigens immer, wie Robida ergänzt - denn dazu, die Pflege für ein Kind nur über einen kürzeren Zeitraum hinweg zu übernehmen, seien Eltern öfter bereit, als für eine langfristige Aufnahme. Jede Pflegefamilie, egal ob Vollzeit oder Bereitschaft, erhält einen finanziellen Ausgleich, die Summe bestimmt das zuständige Jugendamt. In Ebersberg bewegt sich der Tagessatz bei der Bereitschaftspflege um die 75 Euro, bei der Vollzeitpflege ist es etwas weniger.

Der Weg ist lang bis ein Paar Bereitschaftspflegeeltern ist

Nach dem Vorbereitungsseminar gab es fünf weitere Überprüfungsgespräche für die A.s und eine Menge Dokumente zum Ausfüllen und Einreichen, wie beispielsweise eine ärztliche Bescheinigung oder ein erweitertes Führungszeugnis. "Das ist ein langer Prozess", sagt Müller-Hertling. Aber aus gutem Grund: Es sei wichtig, dass sich die Eltern absolut sicher in ihrem Vorhaben sind, denn gerade nach dem Erlebten, das zur Inobhutnahme geführt hat, benötigten die Kinder ein stabiles Umfeld mit gefestigten Ansprechpartnern. Nur so kann sich Nähe und Geborgenheit ergeben. Wenn die Pflegeeltern da nach zwei Tagen Pflegekind auf einmal wieder abspringen, sei das freilich alles andere als zielführend.

Die Ankunft der Kinder in den Bereitschaftspflegefamilien geschieht entweder durch die Polizei oder durch die Mitarbeiter des Kreisjugendamtes. Wenn Robida selbst nachts oder an den Wochenenden zu einem Fall wegen des Verdachts einer Kindeswohlgefährdung gerufen wird, dann kommt es schon einmal vor, dass er vorausschauend eine Bereitschaftspflegefamilie anruft und fragt, ob er in einer guten Stunde mit einem Kind bei ihnen vorbeikommen könne. Während die Pflegefamilien zu den üblichen Bürozeiten von den Mitarbeitern der beiden Fachteams kontaktiert werden, ist der Bereitschaftsdienst Aufgabe von Jugendamtsleiter Florian Robida und Martin Gansel, Leiter des Bereichs Pädagogische Jugendhilfe.

Seit 2014 sind die A.s Bereitschaftspflegeeltern

Das erste Pflegekind kam 2014 zu den A.s. Es war eines im Kita-Alter, dessen alleinerziehender Elternteil sich hilfesuchend an das Jugendamt wandte. Das Kind kam gut drei Monate lang an den Nachmittagen für ein paar Stunden zum Spielen vorbei. "Wir sind durchaus kreativ und in diesem Fall hat die angebotene Hilfe Entlastung für den überforderten Elternteil geschaffen und war somit auch für das Kind die beste Entscheidung", sagt Müller-Hertling. Seitdem kamen schon mehrere Dutzend Pflegekinder bei den A.s unter.

In der Regel sind die Fälle sehr unterschiedlich gestrickt. Es sei nun einmal so, sagt Robida, dass jedes Kind, das in eine Bereitschaftspflegefamilie gebracht wird, sein Päckchen zu tragen hat. Hinter den Fällen steckten schließlich akute Kindeswohlgefährdungen. "Das ist nicht, wenn das Kind mal keine Jacke angehabt hat." Oftmals sind die Kinder und Jugendlichen durchaus "verhaltenskreativ", wie er es nennt. In jedem Fall werden die Pflegeeltern nicht alleine gelassen, es gibt eine intensive Betreuung durch den Pflegekinderdienst und regelmäßige Supervisionen mit einem Supervisor, den das KJA zur Verfügung stellt.

Dass sich das Päckchen der Pflegekinder meistens irgendwie bemerkbar macht, das können die A.s bestätigen. Das fängt an bei Jugendlichen, die den S-Bahn-Plan nicht lesen und verstehen können, dementsprechend immer zu spät kommen. Oder dass manche Pflegekinder ein mangelndes Bewusstsein für Körperhygiene haben. Zweimal habe die Polizei sogar eine Hausdurchsuchung bei ihnen durchgeführt. "Aber die Zwergal können für all das ja nichts", sagt Peter A. Jemand müsse es ihnen halt einfach beibringen, dann würde es auch meistens klappen.

Einige Kinder halten seit Jahren Kontakt mit den Pflegeeltern

Die Herangehensweise der A.s scheint zu funktionieren, denn selbst heute, viele Jahre später, kommt ihr erstes Pflegekind ab und an zu Besuch oder ruft an. Es gibt noch andere ehemalige Pflegekinder der A.s, die sich manchmal per Telefon melden, mit zweien von ihnen haben sie sogar engeren Kontakt. "Wenn die Kinder unsere Nähe suchen, dann sind wir da, aber wir rufen niemandem aktiv hinterher", sagt Susanne A. "Man muss sie auch gehen lassen können."

Die Sache mit dem Abschied ist ein großes Thema bei der Bereitschaftspflege, schon in der Theorie bei den Vorbereitungsseminaren. Da werde nichts schöngeredet, so Müller-Hertling. "Es war einfach von Anfang an klar, dass die Kinder irgendwann auch wieder gehen müssen", sagt Peter A. Es müsse jeder für sich entscheiden, ob man damit zurechtkommt. Die A.s können es. "Sie gehen ja mit einer Perspektive", so Peter A.

Aber warum tun die A.s das? Immer flexibel sein, nie zu wissen, ob in dieser Nacht das Jugendamt anruft und um die Bereitschaftspflege für ein Kind bittet, sich jedes Mal aufs Neue auf ein Kind einlassen, das sie bald darauf wieder verabschieden müssen - warum dieser ganze Aufwand? "Sie geben einem einfach unglaublich viel zurück, das ist das Schöne", sagt Susanne A. Sie erzählt von einem ihrer Pflegekinder, das zum Abschied einen Brief schrieb und ihn heimlich für sie deponierte. Susanne und Peter A. waren unglaublich gerührt von dem, was dieses erst elfjährige Mädchen geschrieben hatte. "Wenn man so etwas sozusagen als Rückmeldung bekommt, dann ist es das einfach auf jeden Fall wert."

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