Porträt:Ohren vor Noten

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Der Jazzpianist Claus Raible ist für Virtuosität und Ideenreichtum bekannt. Besonders großen Wert legt der Baldhamer auf einen emotionalen, spirituellen Zugang zur Musik.

Von Anja Blum

Beim Ebersberger Jazzfestival, das an diesem Freitag beginnt, wird unter anderem "The Thelonious Monk Story" erzählt. Der Kulturjournalist Marcus A. Woelfle hat sein Hörbuch über den Wegbereiter des modernen Jazzpianos umgearbeitet zu einer Lesung mit Musik. Zuvor kann man aber auch noch eine andere Geschichte erzählen, die Story von Claus Raible nämlich, der, neben Woelfle, den großen Monk am Klavier lebendig werden lässt. Denn Raible ist einer der renommiertesten Jazzer des Landkreises Ebersberg, der Baldhamer wird als "Europas Bebop-Pianist Nr. 1" gehandelt.

So unfassbar flink und traumwandlerisch Raible mit seinen Fingern über die Tasten flitzt, eine musikalische Idee nach der nächsten in Sekundenbruchteilen entwickelnd, so entschleunigt wirkt er im Gespräch. Wenn er über Musik und seinen damit untrennbar verbundenen Lebensweg redet, wägt der 53-Jährige seine Worte stets ab. Denkt erst mal nach, bevor er eine Antwort gibt. Nimmt sich viel Zeit, seine Gedanken erklärend auszuführen. Ja, das Thema Jazz ist ihm wichtig, wichtiger als alles andere vermutlich.

Ihren Anfang nimmt die Claus-Raible-Story 1975, denn da stößt der Grundschulbub auf eine Rundfunksendung, die ihn so schnell nicht mehr loslassen wird. Das Radio gehört zwar zum Alltag im Baldhamer Elternhaus, "aber meine Eltern hörten vor allem die damals gängige Unterhaltungsmusik". Von Jazz also keine Spur, dieses Genre erobert der junge Claus auf eigene Faust. "Sonntags um 21.05 Uhr" lief jene Sendung, die Raible sofort elektrisierte, "ich weiß sogar noch die ersten Stücke, die ich da gehört habe". Fortan wuchs er mit Duke Ellington, Earl Hines und Art Tatum auf, konservierte sie auf Kassette, hörte Themen und Soli immer und immer wieder, bis er sie auswendig kannte, und erforschte so die Wurzeln von Jazz, Stride Piano und Blues. Als die Grundschule dann vorbei war, wusste er vermutlich mehr über Jazz als die meisten Musikstudenten.

Doch seine unstillbare Neugier führte Raible weiter, in den modernen Jazz und die Avantgarde. Vor allem Charles Mingus, Ornette Coleman und Cecil Taylor hatten starken Einfluss auf seine Entwicklung. Mit elf begann er, vom Big-Band-Sound inspiriert, Trompete zu spielen, drei Jahre später kam noch das Klavier hinzu. "Mich hat dann nämlich zunehmend die Harmonik fasziniert, und da ist ein Melodieinstrument eben nicht ideal. Das Klavier hingegen bietet ein ganzes Orchester für sich", erklärt Raible. Außerdem sei er damals den musikalischen Universen der beiden Pianisten Thelonious Monk und Bud Powell begegnet: Sie sollten die Leuchttürme seines Musikerlebens werden.

Glücklich am Klavier: Claus Raible aus Vaterstetten ist einer der renommiertesten Jazzer des Landkreises, er gilt vor allem als Experte für Bebop. Beim Ebersberger Festival präsentiert er nun an der Seite von Autor Marcus A. Woelfle "The Thelonious Monk Story". (Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit sechzehn hatte Raible seine ersten Engagements als Pianist und Trompeter, zwei Jahre später formte er sein erstes Piano-Trio. Als es dann aber darum ging, den Jazz tatsächlich zum Beruf zu machen, "waren meine Eltern nur mäßig erfreut", erzählt Raible. Doch sein Musiklehrer vom Gymnasium habe ihn sehr bestärkt - "und obendrein meine Mutter besänftigt". Also zog Raible nach dem Abitur nach Graz, um dort Jazzklavier zu studieren. Bald hatte er Auftritte mit herausragenden Kollegen wie Mark Murphy, Art Farmer, Ack van Rooyen oder Vincent Herring.

Doch im Laufe dieser akademischen Zeit wurde Raible etwas bewusst, das für ihn heute noch unbedingt gilt: Er will Musik nicht nur analytisch, sondern vor allem emotional begegnen. "Es gibt ja eine Hörerfahrung ohne intellektuellen Prozess - wenn einen etwas berührt, ohne dass man erklären könnte, weshalb. Und solche Momente sind essenziell." Insofern sei es eigentlich auch völlig egal, ob sich jemand "mit Jazz auskennt", er wolle auch mitnichten nur für Experten spielen. Ganz in diesem Sinne beschloss Raible 1995, als er sein Studium beendet hatte, nach New York City zu ziehen - um dem Jazz dort so nah wie möglich zu kommen, ihn mit allen Sinnen zu erfahren.

In den USA besuchte Raible unermüdlich Konzerte, bei denen er Größen wie Hank Jones, Frank Hewitt, Ahmad Jamal oder Barry Harris hören, sehen und studieren konnte. "Ich wollte die Musik in jenem Moment erleben, in dem sie geschaffen wird. Ich wollte das in physischer Präsenz aufnehmen, richtig eintauchen in Klänge und Atmosphären." Bald fing er an, bei Jam-Sessions mitzuspielen - wo seine Virtuosität und Intensität nicht lange unbemerkt blieben: Schon bald bekam der Baldhamer Engagements in den Jazzclubs der Stadt mit Musikern wie Manny Duran, Jimmy Lovelace, Valery Ponomarev, John Faddis, Derrick Gardner oder Ben Dixon. 1996 gründete er sein eigenes Sextett. "Ich hatte die Ehre und das Glück, mit vielen Meistern spielen zu dürfen, und bei ihnen allen spürt man diese spirituelle Tiefe, die ja eine der Wurzeln des Jazz ist", erzählt er. Schließlich stamme dieser ja aus der afroamerikanischen Kultur, sei eng verwandt mit Blues, Gospel und Spirituals.

Andererseits waren die Jahre in New York City alles andere als ein Zuckerschlecken. Damals hätten manche Stadtteile ausgesehen wie Kriegsgebiete, mit zerschossenen Mauern, ausgebrannten Autos und finsteren Gangs, erzählt Raible. "Einmal bin ich sogar ausgeraubt worden." Außerdem sei es schier unmöglich gewesen, seinen Lebensunterhalt mit Jazz zu verdienen, obwohl er viel gespielt habe. "Aber ich habe halt nichts Kommerzielles gemacht, keine Hochzeiten oder so, und auch keinen anderen Job." Trotzdem sei New York "das Beste gewesen, das ich habe machen können". Denn sich eine Welt wie den Jazz zu erschließen, sei wie eine fremde Sprache zu lernen: "Man muss dorthin gehen, wo die Nativspeaker leben."

Ende der Neunziger kehrte Raible dann nach Vaterstetten zurück und begann, zwischen den USA und Europa hin und her zu pendeln. "Das war zwar auch nicht einfach, aber hier hat sich dann doch so etwas wie ein Netz entwickelt." Auch für die Jazzer im Landkreis findet Raible lobende Worte: Regelmäßige Sessions, Konzerte sowie ein Festival zu organisieren sei eine tolle Leistung und sehr erfreulich, sagt er. Aber sich nur auf eine Szene wie die in und um München zu konzentrieren, sei ihm unmöglich. "Professionelle Musiker wie ich müssen immer weit reisen. Überall auf der Welt." Selbst dass er an der Hochschule in München lehrt, ändert an diesem Zwang offenbar nichts.

Auch im Unterricht übrigens hinterlässt Raibles Einstellung zur Musik deutliche Spuren - die man unter dem Motto "Ohren vor Noten" zusammenfassen könnte. Doch was ist das Geheimnis eines eigenen Stils, wie kann es gelingen, einen solchen zu entwickeln? Für Raible müssen dafür vor allem drei Dinge zusammenkommen: "die tiefen Wurzeln der Tradition, die Spontanität der musikalischen Inspiration sowie Lebenserfahrung". Sein Spiel sei "geprägt von einer sehr farbigen Harmonik, klaren Melodielinien und einer kraftvollen Rhythmik", hieß es bereits 2006, als dem Studenten der bayerische Kunstförderpreis verliehen wurde. Und weiter: "Er geht damit jenseits modischer Strömungen des heutigen Jazzklaviers einen eigenen Weg, der ihm auch international schon viel Anerkennung eingebracht hat."

In den vergangenen zehn Jahren hat Raible unablässig für seine verschiedenen Ensembles komponiert und arrangiert - wobei dies eigentlich nichts wesentlich Anderes sei, als live zu spielen. "So wie beim Improvisieren versuche ich, starke Melodien zu entwickeln. Der Unterschied ist nur, dass sie fixiert und in Form gebracht werden, anstatt gleich wieder im Äther zu verschwinden." Nach vielen Projekten mit großen Ensembles hat Raible dann beschlossen, zum Trio-Format zurückzukehren: Mit Bassist Giorgos Antoniou und Schlagzeuger Alvin Queen mischt er Eigenes mit neuen Arrangements von Standards. 2018 waren die Drei im Alten Kino zu Gast, und Claus Regnault, der kürzlich verstorbene Jazzkritiker der Ebersberger SZ, schwärmte von Raible wie eh und je: Das Konzert sei ein "Carnegie-Hall-reifes Exempel grandiosen Bebop- und Blues-Spiels" gewesen. Hoffen wir also, dass die Claus-Raible-Story noch lange nicht zu Ende ist.

© SZ vom 08.10.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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