Süddeutsche Zeitung

Ebersberg:Humorvoller Gypsy-Swing

"Café Caravan" eröffnen die Gitarrentage

Von Sandra Langmann, Ebersberg

Männer in Nadelstreifanzügen, darunter die ersten Knöpfe des Hemdes lässig geöffnet und die schwarzen Schuhe aufpoliert. Fehlen nur noch Zigarrenrauch und Bilder in schwarz-weiß. Wenn das Münchner Quartett Café Caravan die Bühne betritt, scheint die Zeit für einen Moment still zu stehen und die Zuhörer in das Paris der 30er Jahre zu entführen. Sie greifen zu akustischen Gitarren, Bass und Klarinette und schmettern gleich zu Beginn den klassischen "Lulu Swing" ins Publikum. Damit machen sie Donnerstagabend den Auftakt zu den "Gitarrentagen" auf der Kleinkunstbühne im Alten Kino Ebersberg.

An diesem Abend spielten sie auf Angriff, verkündet Knud Mensing, einer der Gitarristen, denn trotz fleißigem Proben wisse man nie, was dabei rum komme. An Klassiker von Django Reinhardt und Eigenkompositionen reihen sich dann auch italienische Lieder. Laut Marketingagentur käme das beim Publikum besser an und die CDs gingen weg wie warme Semmeln, scherzt Mensing. Gesagt, getan: Mit "The Godfather" aus "Der Pate" kommt italienisches Flair auf die Bühne. Ein Klassiker der Filmmusik, der von Café Caravan auf ganz eigene Art und Weise in Gypsy-Swing verwandelt wird. Der Refrain ist zwar sofort zu erkennen, doch wird der Song mit gefühlvollem Swing und souligem Jazz uminterpretiert. Am Anfang sei er den italienischen Melodien noch skeptisch gegenübergestanden, sagt Michael Vochezer, ebenfalls an der Gitarre. Doch mittlerweile könne er sich damit gut arrangieren.

Es folgen weitere Django Reinhardt-Interpretationen. Das Hosenbein von Mensing rutscht weit nach oben, wenn sein Bein zur Musik mitswingt. Jurek Zimmermann wechselt laufend zwischen Saxofon und Klarinette, je nachdem, welches Instrument sich besser in die eher ruhigen Jazz- oder schnellen Swing-Nummern einfügt. Rasch lassen Mensing und Vochezer die Finger über die Saiten ihrer akustischen Gitarren flitzen und auch Manolo Diaz sorgt für beeindruckende Bass-Soli, ganz zum Erstaunen von Mensing, der seine Bandkollegen gerne auf die Schippe nimmt. Frech grinsen sie sich gegenseitig auf der Bühne an, wenn ein Fehler des anderen bemerkt wird. Dabei steht ihnen die Freude an der Musik ins Gesicht geschrieben.

"Gypsy-Swing ist einfach ehrlich", sagt Mensing. Man habe nur die Gitarre und sein Plektrum - dai könne man sich nicht verstellen. Viele Musikstile würden dabei aufeinandertreffen, ergänzt Vocherz. Vom New-Orleans-Jazz bis hin zu Swing- und "Gypsy-Songs" seien viele Elemente vorhanden. Und mit ihren Eigenkompositionen und Italiano-Liedern sorgen sie für eine gute Mischung und reichlich Abwechslung. Wenn man allerdings einen echten Star der Gypsy-Szene erleben wolle, führe am Samstagabend, 19. November, kein Weg am Alten Kino vorbei, so Mensing: Denn Joscho Stephan schaffe ihre Nummern in dreifacher Geschwindigkeit. Er beendet die Gitarrentage mit einem Mix aus Swing, Latin, Klassik und Pop.

Für einen verregneten kalten Novemberabend sind Café Caravan wohl die beste Therapie. Statt zur Tablette gegen die Herbstdepression greifen zu müssen, sei ein Gypsy-Swing-Konzert definitiv die bessere Wahl, sagt Knud Mensing, dessen Fuß derweil schon wieder im Takt mitwippt.

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Quelle:
SZ vom 19.11.2016
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