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Ebersberg:Hotspot unter der Eiche

Per Internet können Asylbewerber nach Hause schreiben oder Deutsch lernen. Doch in den Unterkünften haben sie keinen Zugang. Ehrenamtliche schaffen Alternativen

Von Christian Endt, Ebersberg

Sie sitzen an der Ecke Eberhard- und Ulrichstraße, auf Bänken unter einer Eiche. Manchmal allein, mal zu zweit, zu dritt oder auch zu sechst. Keiner spricht. Jeder ist still über sein Smartphone gebeugt.

Dass sich neuerdings viele Asylbewerber ausgerechnet dort vor dem Alten Kino treffen, hat einen Grund: Dort haben sie Zugang zum Internet. Die Inhaberin des gegenüberliegenden Spielwarenladens "Drachenstube", Petra Behounek, stellt einen Zugangspunkt bereit. Über diesen Hotspot können sich die Flüchtlinge und alle anderen kostenlos mit dem Internet verbinden. Dazu brauchen sie nur ein Smartphone mit Wlan-Funktion.

Am Dienstagvormittag sitzen drei Nigerianer unter dem Baum, um sie verstreut liegen die ersten abgefallenen Eicheln. Alexander sagt, er nutze das Netz vor allem, um Musik zu hören. Das sei seine Art,

Gott zu verehren. Roland schaut gerade Fußballergebnisse nach. Vor allem aber chatte und telefoniere er mit seinen Brüdern in der Heimat. Ratty dagegen chattet nicht: "Weil ich keine Familie mehr habe." Völlig allein sei er. Auch er hört Musik, amerikanischen Hip-Hop, das halte ihn vom Grübeln ab.

So etwas wie ein Internetcafé im Freien: Vor dem Alten Kino in Ebersberg pflegen Flüchtlinge Kontakte zu ihren Lieben daheim oder hören Musik.

(Foto: Christian Edt)

Eingerichtet hat den Zugangspunkt, der die Freifunk-Technik nutzt, der Mann von Drachenstuben-Chefin Behounek. Thomas Schmidt-Behounek ist der ideale Mann für das Projekt: Als IT-Ingenieur bringt er das technische Wissen mit. Aus seinem Engagement im Helferkreis kennt er das Bedürfnis der Flüchtlinge: "Alle fragen immer wieder nach Wlan." Und als Vorsitzender der Ebersberger Piraten gehört der freie Zugang zu Informationen zu seinen politischen Zielen.

Zunächst wollte Schmidt-Behounek über die Unterkünfte der Asylbewerber einen Zugang bereitstellen. Das ist so einfach jedoch nicht möglich. Der Laden seiner Frau bot sich an. "Ich dachte mir: Fangen wir doch einfach mal an." Das nötige Gerät kostet nur 20 Euro. An laufenden Kosten würden zwei bis drei Euro pro Jahr für den Strom anfallen. Voraussetzung ist, dass ohnehin ein Internet-Anschluss vorhanden ist, der mitgenutzt werden kann. Schmidt-Behounek möchte weitere Geschäftsleute in Ebersberg für die Bereitstellung eines Hotspots gewinnen. Erste Gespräche würden bereits laufen. Für die Anschaffungskosten stellt der Kreisverband der Piraten 420 Euro bereit.

Öffentliches Wlan

Bei der Verbreitung von öffentlich zugänglichem Internet hinkt Deutschland international hinterher. Ein Grund dafür ist die Rechtslage: Nach der sogenannten Störerhaftung ist der Betreiber eines Zugangspunktes mithaftbar, wenn ein Nutzer darüber Straftaten begeht. Dazu kann das Verbreiten illegaler Inhalte gehören oder Verstöße gegen das Urheberrecht. Bei vielen Hotspots, etwa in Cafés, ist daher eine Registrierung oder zumindest das aktive Akzeptieren der Nutzungsbedingungen notwendig. Einen anderen Weg geht die Freifunk-Bewegung. Dabei werden die Daten über virtuelle Netzwerke (VPN) weitergeleitet. Auf diesem Wege gelangen sie entweder ins Ausland, wo keine Störerhaftung gilt. Oder sie laufen über einen Server, der als Provider anerkannt und daher von der Störerhaftung befreit ist. Viele der knapp 19 000 Freifunk-Zugänge in Deutschland betreiben Privatpersonen über ihren Internetzugang. Im Landkreis Ebersberg gibt es Freifunk in Anzing, Ebersberg, Eglharting, Hohenlinden, Markt Schwaben, Oberpframmern und Pliening. In München trifft sich eine Freifunk-Gruppe regelmäßig zu Stammtischen. Nähere Informationen zur Initiative gibt es unter www.freifunk.net. chen

Schon jetzt gibt es weitere Freifunk-Zugänge in vielen Gemeinden des Landkreises. Einen davon hat Jürgen Friedrichs installiert. Friedrichs wohnt in der Nähe des Ebersberger Bahnhofs, so dass das Signal auch dort empfangbar ist. Auch der Netzwerkadministrator einer Versicherung will damit Flüchtlingen helfen: "Mir würde was fehlen ohne Internetanschluss. Und für die Flüchtlinge ist es noch wichtiger." Es gebe beispielsweise auf Youtube Lernmaterial, mit dem die Asylbewerber Deutsch lernen könnten - wenn sie die nötige Verbindung haben.

Die Vorteile digitaler Sprachkurse hat mittlerweile auch das Landratsamt erkannt. Es plant die Bereitstellung einer Online-Plattform. Gemeinsam mit den Gemeinden soll überlegt werden, wo sich Räume für "Lernzentren" einrichten lassen und ob es alte Laptops gibt, die keiner mehr braucht.

Wäre es nicht das einfachste, wenn der Landkreis die Flüchtlingsunterkünfte mit Hotspots ausrüstet? Selbst Pirat Schmidt-Behounek versteht, dass die Behörde das nicht macht: "Die müssten als erstes einen Juristen fragen." Grund ist die komplizierte Rechtslage zur sogenannten Störerhaftung (siehe Infokasten). Das Landratsamt selbst argumentiert mit Geld: "Die Einrichtung von Internet-Zugängen ist im Asylbewerberleistungsgesetz nicht vorgesehen", teilt Pressesprecherin Evelyn Schwaiger mit, "Die dafür entstehenden Kosten würden dem Landkreis Ebersberg nicht erstattet werden."

Spätestens wenn auf den Herbst der Winter folgt, wird es auf den Bänken vor dem Alten Kino ungemütlich. Ob dann eine bessere Lösung gefunden ist? Roland aus Nigeria nimmt es gelassen: "Ich ziehe eine dicke Jacke an. Damit kann ich immerhin in fünf Minuten das Wichtigste abrufen."

© SZ vom 16.09.2015
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