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Ebersberg:Höchste Zeit

Im Landkreis gibt es derzeit mehr Lehrstellen als Bewerber - das ist gut für Schulabgänger und schlecht für die Unternehmen. Vor allem der Einzelhandel, das Handwerk und das Gastrogewerbe suchen Auszubildende

Kaum ist die Tinte unter dem einen Ausbildungsvertrag trocken, eilt mancher Jugendlicher schon wieder zum nächsten Vorstellungsgespräch. Zu einem Arbeitgeber, der möglicherweise mehr Geld, mehr Fortbildung, mehr Work-Life-Balance und eine bessere Zukunft bietet. Im Landkreis Ebersberg gibt es momentan mehr Lehrstellen als potenzielle Lehrlinge - gut für die Schulabgänger, schlecht für die Unternehmen. "Diesen Trend gibt es leider immer mehr, dass eine Firma ihren Lehrling am ersten Tag des Ausbildungsjahres erwartet, der dann aber gar nicht erscheint, weil er woanders eine Lehrstelle angetreten hat", sagt Kreishandwerksmeister Johann Schwaiger, um schnell hinzuzufügen: Den schlechten Stil mit Mehrfachvertragsabschlüssen gebe es mittlerweile auch auf Seiten der Betriebe. Denn: Ausbildungsvereinbarungen können meistens innerhalb der ersten vier Monate fristlos gelöst werden.

Wer im Landkreis Ebersberg eine Ausbildung sucht, der hat wohl so gute Aussichten wie noch nie. Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres sind laut aktuellen Zahlen der Agentur für Arbeit in München 180 Stellen unbesetzt, und 122 Ebersberger Jugendliche noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Viele Betriebe benötigen offenbar dringend Verstärkung. Insgesamt 662 Ausbildungsstellen waren Ende Juli gemeldet - 52,9 Prozent (229) mehr als im Vorjahr. Dem gegenüber stehen 627 Bewerber, 6,6 Prozent (39) mehr als 2011. Zum Vergleich: In der Landeshauptstadt München stieg die Zahl der angebotenen Ausbildungsstellen innerhalb eines Jahres um 3,5 Prozent an.

Den Unternehmen im Landkreis fehlen die Lehrlinge", sagt Arbeitsagentur-Sprecherin Silke Schuppler. "Rein rechnerisch könnte jede Stelle besetzt werden, das Stellenangebot und die Berufswünsche der Jugendlichen passen aber nicht immer zusammen." 265 der Bewerber hatten einen Hauptschulabschluss, 268 einen Realschulabschluss, 36 ein Fachabitur und 33 die Allgemeine Hochschulreife. Das Ranking der beliebtesten Jobs hat sich nur marginal verändert: Bürokauffrau, Medizinische Fachangestellte, Kauffrau im Einzelhandel, Gestalterin für visuelles Marketing und Kauffrau für Bürokommunikation sind die Berufe, die sich die meisten Mädchen gewünscht haben. Nicht mehr unter den Top 5 im Vergleich zum Vorjahr: die zahnmedizinische Fachangestellte.

Bei den Jungen stehen Jobs als Kaufmann im Einzelhandel, Kfz-Mechatroniker, Bürokaufmann, Kaufmann Groß-/Außenhandel, Elektroniker und Bürokaufmann ganz oben auf der Wunschliste. Im Handwerksbereich müssen Arbeitgeber hingegen lange nach Bewerbern suchen, wie auch Kreishandwerksmeister Schwaiger weiß. Bäcker und Metzger zum Beispiel. "Das Image ist schlecht: Die Arbeitszeiten sind lang und unbequem, und man wird schmutzig." Jugendliche wollen lieber im Büro arbeiten. Auch der Kontakt zu Kunden schrecke viele ab. Die meisten offenen Stellen sind laut Arbeitsagentur hier zu finden: im Einzelhandel, im Handwerk sowie im Hotel- und Gaststättenbereich. Und eines ist jetzt schon klar: Viele Stellen werden unbesetzt bleiben.

Für Berufseinsteiger hat die geringe Nachfrage dagegen noch einen netten Nebeneffekt: Die Ausbildung selbst hat an Qualität gewonnen, konstatiert Katharina Toparkus von der Industrie- und Handelskammer München. "Es ist im Interesse des Unternehmens, dass es eine gute Ausbildung anbietet. Viele stehen vor dem Problem, dass in fünf oder zehn Jahren die Hälfte der Belegschaft in Rente geht und viele Fachkräfte fehlen werden. Und jetzt ist es höchste Zeit, guten Nachwuchs heranzuziehen."

Auch die Zeiten, als Azubis als billige Arbeitskräfte angesehen wurden, sind vorbei. 3733 Vertragsauflösungen gab es 2011 in Oberbayern bei rund 45 000 Nachwuchskräften, "und Ausbeutung hat dort nach unseren Statistiken nie eine Rolle gespielt". Die Gründe seien stattdessen hauptsächlich andere gewesen: eine andere Berufsvorstellung, persönliche Gründe, insolvente Betriebe oder Mehrfachabschlüsse. "Einen schlechten Ruf", sagt Toparkus, "den kann sich heute kein Unternehmen mehr leisten, denn sonst kommt nie wieder jemand."

© SZ vom 13.09.2012

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