Vortrag beim Historischen Verein:Rebellische Ordensgründerin

Vortrag beim Historischen Verein: Franziska Lechner (1833 bis 1894) hat in Ebersberg eine "Kinderbewahranstalt" gegründet und danach in Wien die Kongregation der Töchter der göttlichen Liebe.

Franziska Lechner (1833 bis 1894) hat in Ebersberg eine "Kinderbewahranstalt" gegründet und danach in Wien die Kongregation der Töchter der göttlichen Liebe.

(Foto: privat)

Franziska Lechner aus Edling könnte selig gesprochen werden. Heimatforscher Erich Schechner allerdings zeichnet ein wenig frommes Bild jener Frau, die einst die erste "Kinderbewahranstalt" Ebersbergs initiierte.

Von Anja Blum, Ebersberg

Für die aus Edling bei Wasserburg stammende Ordensgründerin Franziska Lechner läuft derzeit ein kirchliches Seligsprechungsverfahren. Wenn allerdings der Ebersberger Heimatforscher Erich Schechner von ihr erzählt, entsteht vor dem inneren Auge nicht gerade das Bild einer allzu heiligen, bescheiden-frommen Frau. Ganz im Gegenteil. Zumindest die Kreisstadt scheint Lechner damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, ziemlich aufgemischt zu haben.

"Franziska Lechner - Heilige oder Kupplerin?" So lautet denn auch der etwas provokante Titel eines Vortrags, den Schechner am Mittwoch, 28. Februar, auf Einladung des Historischen Vereins für den Landkreis in Ebersberg hält. Franziska Lechner - geboren am 1. Januar 1833 in Edling, gestorben am 14. April 1894 in Breitenfurt bei Wien - war die Gründerin einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft, nämlich der Kongregation der "Töchter der göttlichen Liebe". Da es keine staatliche Fürsorgestelle gab, wollte sie jungen, mittellosen Frauen beistehen und ihnen ein Dach über dem Kopf, Verpflegung und eine Ausbildung bieten. Heute gehören der Kongregation mehr als 1000 Schwestern an, die in 19 Ländern von Amerika bis Afrika aktiv sind.

Gegen den Willen der Eltern tritt die junge Franziska den Armen Schulschwestern bei

Keine schlechte Bilanz für ein "einstiges Bauernmadl", wie Schechner Franziska Lechner nennt. Sie wird geboren als fünftes von zehn Kindern. Da es an einem Bruder fehlt, soll sie den elterlichen Betrieb übernehmen - hat jedoch andere Pläne: Gegen den Willen der Eltern tritt sie mit bereits 16 Jahren in München bei den Armen Schulschwestern ein. Doch nach elf Jahren reicht es ihr offenbar. "Es scheint, als habe sie ein Kontaktverbot gehabt und sei im ersten Stock eingesperrt gewesen, aber über den Gärtner kam sie wohl nach draußen", erzählt Schechner. In Zivilkleidung und festen Schuhen, was ihr den Vorwurf eingebracht habe, die Mitschwestern beklaut zu haben.

Nach einem ebenfalls rebellischen Zwischenstopp in Pirmasens - "da hat sie wohl auch versucht, einen Aufstand anzuzetteln" - kehrt Lechner dem Ordensleben den Rücken und nach München zurück. Dort lernt sie einen Priester aus der Schweiz kennen, einen Ex-Jesuiten, und gründet mit diesem in Ilanz die "Wohltätige Gesellschaft von der göttlichen Liebe" und eine "Kinderbewahranstalt, also einen Kindergarten, in dem die Kleinen auch umsonst verköstigt werden", wie Schechner erzählt. Doch wieder kommt es zu einem Zerwürfnis. Und wieder macht sich Lechner auf einen ihr noch unbekannten Weg - der sie dieses Mal nach Ebersberg führt.

In Ebersberg legt sich Lechner offen mit den damaligen schulischen Instanzen an

In der Kreisstadt eröffnet Lechner zusammen mit einer Mitstreiterin aus der Schweiz 1868 eine eigene Kinderbewahranstalt. Sie ist in Ebersberg die erste ihrer Art, befindet sich im Haus des Schreinermeisters Joseph Kerschl in der Eberhardstraße und beherbergt gleich zu Beginn 40 Kinder. Obwohl sie keine Nonne mehr ist, trägt Lechner eine Art Ordenstracht und sammelt in dieser auch Spenden für ihr Projekt. Der Marktgemeinderat und viele andere unterstützen sie.

"Doch dann eskaliert die Situation", sagt Schechner, "Franziska Lechner war auf ihre Art einfach eine Rebellin." In Ebersberg habe sie sich von Beginn an offen mit den schulischen Instanzen angelegt: mit Lehrer Joseph Schwab, der angesichts einer von Lechner geplanten Privatschule um seine Pfründe gefürchtet habe, und mit Pfarrer Martin Greimel. Diesem habe sie laut eigenen Angaben ins Gesicht gesagt: "Ist nur einmal das neue Schulgesetz eingeführt, dann sey sie unabhängig und die Ebersberger werden Aufklärung lernen." In den Augen des damaligen Ortsgeistlichen jedenfalls sei Lechner "eine der geschwätzigsten Schwindlerinnen" gewesen. Und sogar gewerbsmäßige Kuppelei habe Greimel ihr unterstellt: "In Wien, wo sie ihre Ordensgemeinschaft gründete, soll sie ein Bordell betrieben haben."

Über eine mögliche Seligsprechung wird nun in Rom entschieden

Dank alter Pfarrakten aus Ebersberg ist Schechner auf die Geschichte der ersten Kinderbewahranstalt der Stadt gestoßen - und auf den Streit um deren Gründerin, der damals zwischen kirchlichen Wortführern in Freising, der Schweiz und Wien tobte, teils auch über die Presse. Viele Rivalitäten und Vertuschung: "Da ist schon jede Menge dreckiger Wäsche gewaschen worden", sagt der 74-jährige Heimatforscher und lacht. Deswegen sei er auch zunehmend fasziniert gewesen von dem Thema.

Schechner selbst hält Franziska Lechner angesichts seiner eigenen Recherchen für eine sehr eigenwillige, strenge, wahnsinnig geschäftstüchtige und selbstbewusste Frau. "Und fest steht, dass das damals wilde Jahre waren." Dass allerdings die alten Akten aus Ebersberg Eingang finden in das Verfahren der Seligsprechung, das glaubt der Geschichtsforscher eher nicht. 2021 seien die Koffer mit den ganzen Unterlagen aus Wien nach Rom geschickt worden, erklärt er mit Blick auf die noch laufende Prüfung. "Und jetzt warten wir alle auf ein Wunder."

"Franziska Lechner - Heilige oder Kupplerin?" Vortag von Geschichtsforscher Erich Schechner am Mittwoch, 28. Februar, im Sitzungssaal des Rathauses Ebersberg, Marienplatz 1. Beginn ist um 19.30 Uhr, der Eintritt frei.

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