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Ebersberg:Harlekin in Öl

Im Rathaus sind noch bis Ende März Werke des Malers und Grafikers Georg Koschinski zu sehen. Die Ausstellung zeigt das große Repertoire des vor 101 Jahren geborenen Künstlers

Der Artist, der, halb hinter dem Bühnenvorhang verborgen, mit von Scheinwerfern angestrahltem weißem Gesicht und roter Schminke in die Manege schaut, zieht den Blick des Betrachters immer wieder auf sich. Intensiv ist der Ausdruck seiner Augen. Schaut er versonnen, nachdenklich? Ist er traurig, vielleicht weil er, alt geworden, Abschied nimmt vom Zirkus? Oder ist er bloß neugierig und guckt, wer da so alles kommt zur nächsten Vorstellung - oder, wie vergangenen Mittwoch, zur Vernissage?

Dieses Bild, eines aus dem umfangreichen Nachlass des Malers und Grafikers Georg Koschinski, hängt gleich neben der Tür zur Galerie im Ebersberger Rathaus, wo Siegfried Koschinski bis Ende März mehr als achtzig Arbeiten seines Vaters zeigt. Anlass für diese sehenswerte Ausstellung ist der 100. Geburtstag des Künstlers. Zur Eröffnung wurden auf Bistrotischen liebevoll Knabbereien und Süßigkeiten angerichtet. Aus dem Off erklingt Musik von Quadro Nuevo, ein Ensemble, das die Koschinskis besonders schätzen, und dessen Musik wunderbar zur Ausstellung passt, weil auch die hier gezeigte Kunst reich ist an Klängen, vielfältig, farbig und geprägt von feinem Humor.

Rathaus EBE Koschinski Ausstellung

Auch das Bild "Theaterszene" zeugt von der Begeisterung des Malers und Grafikers für die Bühnenwelt.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

1916 in Leipzig geboren, absolvierte Georg Koschinski eine Ausbildung zum Reprofotografen. Anschließend studierte er an der Leipziger Akademie für grafische Künste und an der Kunstakademie Dresden. Mit seinem Talent und der doppelten Ausbildung konnte er aus dem gesamten Kanon künstlerischer Arbeit schöpfen von Aquarell und Airbrush bis Ölmalerei, von Kreide, Tusche und Bleistift bis Linol- und Siebdruck. Die Stilformen, derer Koschinski sich bediente, reichen von der (eher seltenen) gegenständlichen Landschaft bis zum kalligrafischen Minimalismus, von Strichmännchen und Karikatur bis zur grafisch-plakativen Illustration.

Hinzugekommen sei bei ihm ein kritischer, zum Sarkasmus neigender Geist, sagt der Sohn, und eine gigantische Schaffenskraft. Etliche der Bilder befinden sich bei Georg Koschinskis Tochter, die in Norwegen lebt, ein kleiner Teil ist im Besitz der Stadt Esslingen, wo Koschinski fast sein ganzes Leben verbrachte und wo er, hoch geachtet und mit der Bürgermedaille ausgezeichnet, 2013 starb. Seine Handschrift prägte das grafische Gesicht zahlreicher kultureller Esslinger Institutionen wie Literaturtage, Kulturtreff, Krimi-Nacht, Theater und Lyrik-Bühne. Kurze Zeit lebte er in München, sein Sohn, der als Lehrer am Gymnasium Vaterstetten tätig war, ist in Zorneding ansässig.

Rathaus EBE Koschinski Ausstellung

Siegfried Koschinski zeigt bis Ende März mehr als achtzig Arbeiten seines Vaters im Ebersberger Rathaus.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Etliche dieser Arbeiten sind auch in Ebersberg zu sehen. Etwa der schwarze Siebdruck namens "Theaterszene", offenbar wird auf der Bühne ein Krimi gegeben, in dem gerade scharf geschossen wird. Als Sinnbild für die Welt der Bühne malte Koschinski den "Stuhl des Regisseurs", ein Möbelstück, dynamisch bewegt, so als habe dieses sich die Macht und das Temperament seines Besitzers einverleibt.

Stühle waren ein beliebtes Motiv des Malers. Anlässlich seines 80. Geburtstages hat Hanna Diem, damals stellvertretende Leiterin der Stadtbibliothek Esslingen, eine Rede zu den "Stuhlbildern" verfasst und dabei Christian Morgenstern zitiert: "Wenn ich sitze, will ich nicht / sitzen, wie mein Sitz-Fleisch möchte, / sondern wie mein Sitz-Geist sich, /säße er, den Stuhl sich flöchte. . . " Dazu passt das kleine Bild "Der Kobold", ein sich an der Stuhllehne festklammerndes freundliches Teufelchen. In Ebersberg zu bewundern ist auch der in Siegellack gemalte Stuhl mit Gesicht und dem Titel "noch frei". Koschinski war häufig als Karikaturist tätig, zuweilen brach sich sein schwarzer Humor Bahn wie bei den beiden als Skelette dargestellten Porträts von "Maler" und "Musiker".

Jedes der Bilder ist eine Entdeckung. So wie das Ölbild "Freigehege". Es zeigt einen von einer hohen, mit eisernen Spitzen bewehrten Mauer begrenzten Hof. Dahinter türmt sich ein Industriebau oder Kraftwerk auf. Drei Pferde sind darin auf engstem Raum eingepfercht, ihre Körper scheinen zu einem Organismus mit acht Beinen zu verschmelzen. Hälse und Köpfe allerdings streben mit vitaler Kraft in verschiedene Richtungen, als wollten sie ausbrechen, unsichtbare Ketten sprengen.

Rathaus EBE Koschinski Ausstellung

Georg Koschinski setzte sich als Künstler häufig mit der Welt der Bühne auseinander.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Beispiele von Koschinskis grafischer Kunst in Ebersberg sind auch Motive wie "Roter Mais" und "norwegische Felder", beide auf die Grundformen von Pflanze und Acker-Landschaft reduziert und zu Flächen und Konturen verdichtet. Romantisch und frühexpressionistisch à la August Macke mutet das Bild "In der Natur" an, eine Ode an buntes, vom Licht der Sonne durchtränktes Blattwerk.

Neben allerlei Stühlen gehörte Koschinskis besonderes Interesse der Darstellung von Schatten. Die waren ein zentrales Gestaltungselement seiner Bildarchitektur, seiner Raumkompositionen und seiner Strichbilder; sie führen ein geisterhaftes Eigenleben, tauschen den Platz auch mal mit dem Körper, der sie wirft, und gewinnen Substanz. Georg Koschinski glich einem Schattenspieler, der die Magie des Schattens nutzte, um zu verzerren, zu verfremden und zu parodieren. Harald Vogel, Professor für deutsche Sprache und Literatur, beschrieb es einmal so: "Koschinskis Schatten leben, durchdringen uns mit Augen, traurigen und heiteren, einsamen und gesprächigen, verlorenen und findenden, schalkhaften und clownesken. . .". So wie der Artist, der in die Manege blickt.

Die Ausstellung von Arbeiten des Grafikers und Malers Georg Koschinski in den beiden Stockwerken der Rathausgalerie Ebersberg ist bis 31. März zu sehen. Die Bilder stehen auch zum Verkauf. Geöffnet ist Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr, Freitag von 8 bis 12 Uhr.