bedeckt München

Landkreis Ebersberg:Allein gelassen bei der häuslichen Pflege

Häusliche Pflege in München, 2017

Wer einen Angehörigen daheim pflegt, muss meist andere soziale Kontakte vernachlässigen.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Drei Monate waren Menschen, die in den eigenen vier Wänden einen Angehörigen pflegen, auf sich gestellt. Nicht einmal Notbetreuung gab es. Das hat Spuren hinterlassen.

Von Johanna Feckl

Der Zuspruch der Gruppe. Das sei es, was so enorm wichtig ist. Thomas Mayer, der seinen echten Namen lieber nicht in der Zeitung stehen sehen möchte - zu persönlich sei das, was er erzählt -, hält kurz inne, bevor er weiter spricht. "Du weißt ja gar nicht, ob du das gerade richtig machst!" Ratlosigkeit sei bei jedem ein treuer Begleiter, der einen Angehörigen zu Hause pflegt oder auf andere Weise in die Pflege eines Familienmitglieds eingebunden ist, zum Beispiel bei einer stationären Unterbringung in einem Heim. Mayer ist einer ist einer von diesen Angehörigen.

Während der strikten Corona-bedingten Beschränkungen waren Menschen wie er gut drei Monate auf sich alleine gestellt: Gesprächskreise mit Sozialpädagogen und anderen pflegenden Angehörigen fanden nicht statt. Tageseinrichtungen, in denen Pflegepersonal die Pflegebedürftigen tagsüber betreuen und fördern, hatten geschlossen. Ebenso wie andere Formen von Betreuungsgruppen. Eine Notbetreuung in der Gruppe, wie sie für Kindergarten- und Schulkinder im Landkreis Ebersberg angeboten wurde, gab es für pflegebedürftige Menschen nicht. Das hat Spuren hinterlassen - sowohl bei den pflegenden Angehörigen, als auch bei den Frauen und Männern, die von ihnen zu Hause gepflegt werden.

Martina Watzlaw koordiniert und leitet die zwei Caritas-Treffpunkte für pflegende Angehörige, die es im Kreis Ebersberg gibt. Einmal im Monat treffen sich die Gruppen, jedes Mal am zweiten Mittwoch; Markt Schwaben vormittags, Grafing am frühen Abend. Jeweils fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen im Durchschnitt zu den Treffen - Thomas Mayer ist einer von ihnen. Überwiegend sind es aber Frauen, die an den Gesprächskreisen teilnehmen. Die meisten von ihnen pflegen ihre Ehemänner in den eigenen vier Wänden und sind zwischen 55 und 75 Jahre alt. Mitte Juni fand nach vier Monaten Pause wieder das erste analoge Treffen statt. Das Thema Isolation sei durch die lange Pause noch einmal gefördert worden, sagt die Sozialpädagogin. Sie ergänzt: "Leider."

Soziale Isolation beschreibt in der Forschung den objektiven Zustand von Menschen, die weniger soziale Kontakte haben als es durchschnittlich in ihrem Alter der Fall ist. In der Wissenschaft gibt es verschiedene Kriterien, anhand derer Aussagen über den Zustand der sozialen Isolation getroffen werden; eines davon ist die Quote von Single-Haushalten. Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2015 lebte 2014 ein Drittel der Menschen, die mindestens 65 Jahre alt waren, allein in einem Einpersonenhaushalt.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen steigt der Anteil der Alleinlebenden mit dem Alter - bei Frauen aufgrund der höheren Lebenserwartung stärker als bei Männern. Also: Soziale Isolation im Alter ist ohnehin weit verbreitet. Zwar leben pflegende Angehörige aus Watzlaws Treffpunkten nicht alleine, sondern zumeist mit ihren Ehepartnern oder -partnerinnen. Aber Corona hat es geschafft, dass sie außerhalb dieser Mini-Gemeinschaft kaum Kontakte haben.

Bei pflegebedürftigen Menschen kann eine solche soziale Isolation langfristige Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten haben, wie ein Gespräch mit Marion Reger zeigt. Sie ist die Leiterin der Tagespflege-Einrichtung der Nachbarschaftshilfe in Vaterstetten. Dort waren die Pforten von Mitte März bis Anfang Juni geschlossen. Es gab zwar eine Notbetreuung in Form von ambulanten Pflegediensten, deren Personal die bisherigen Gäste der Tagespflege zu Hause besuchte. Trotzdem sagt Reger über die Zeit der Schließung: "Unsere Gäste haben kognitiv alle sehr gelitten."

Der Großteil der Gäste, von denen Reger spricht, ist dement. Die spezielle Förderung der kognitiven Fähigkeiten unter solchen Bedingungen gehört laut Reger zu den Grundtätigkeiten der Pflegekräfte ihrer Einrichtung. Als die Tagespflege unter angepassten Schutzbedingungen, wie der Aufnahme anstatt bislang bis zu 24 jetzt nur noch bis zu 15 Gästen pro Tag, wieder öffnete, haben sie und ihr Team Gäste erlebt, "da haben wir wieder bei Null angefangen". Jetzt, nach einigen Wochen, die sie nun wieder regelmäßig die Einrichtung besuchen, merkt man laut Reger eine Besserung. "Aber ob wir da jemals wieder den Status von vor Corona erreichen werden - das weiß niemand."

Die Folgen der sozialen Isolation bei den Pflegenden sind anders gelagert. Allgemein gilt: "In den Fällen pflegender Angehöriger steckt eine besondere Krux", so Watzlaw von der Caritas. "Der Angehörige muss für jemand anderen mitentscheiden", nämlich für einen pflegebedürftigen Menschen. In Corona-Zeiten führt das zu ganz neuen Abwägungen, die getroffen werden müssen, wie zum Beispiel: Kann ich überhaupt verantworten, im Supermarkt einkaufen zu gehen? Watzlaw erklärt, dass es schließlich nicht nur um das Infektionsrisiko für den Angehörigen geht, sondern gleichzeitig auch immer um das für den pflegebedürftigen Partner zu Hause.

Über solche Abwägungen hat die Sozialpädagogin mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Gruppen während der Treffen gesprochen, die im April und Mai per Telefonkonferenz stattgefunden haben. Über solche Weg habe sich vieles von dem auffangen lassen, was ansonsten komplett weggefallen wäre. Zum Beispiel eben der Austausch darüber, ob ein Einkauf im Supermarkt vertretbar ist oder nicht. Das habe gut funktioniert, so Watzlaw. Selbst der Älteste aus ihren zwei Gruppen war mit dabei, wie die Sozialpädagogin erzählt. Die Person ist über 90 Jahre alt.

Trotz diesem Zugeständnis folgt in den Ausführungen von Watzlaw ein "Aber": Ein Austausch am Telefon kann, ja, sollte nicht die einzige Möglichkeit bleiben, wie man pflegenden Angehörigen ein Gesprächs- und Austauschangebot an die Seite stellt. Für die Sozialpädagogin kommen solche oder ähnliche Formate nämlich nie allein, sondern immer mit einem Schwung von Problemen oder zumindest ungünstigen Begleiterscheinungen, die bei analogen Treffen eben nicht vorkommen.

Gerade bei emotionalen Themen wie der Pflege des Partners, der Partnerin oder der Eltern ist es laut Watzlaw ohnehin für die Teilnehmer oft schwierig, etwas zu sagen. Wenn dann aber auch noch Mimik und Gestik wegfallen, anhand derer sie als Moderatorin der Gesprächskreise einige Bedürfnisse ablesen kann, sei die Hürde noch größer. Es brauche dann eine gezielte Aufforderung: "Frau XY, was sagen Sie denn dazu", so erklärt es Watzlaw. Ja, das funktioniere schon. Irgendwie. "Aber den persönlichen Kontakt, den braucht es einfach auch!"

Der Meinung ist auch Michael Münch. Er leitet den Treffpunkt für pflegende Männer der Caritas, mittlerweile ehrenamtlich. Treffen in einem nicht-persönlichen Rahmen, also nicht von Angesicht zu Angesicht, "das geht nicht", sagt Münch. "Ich glaube, da wären meine Männer nicht glücklich geworden." Im Juli fand das erste Mal in diesem Jahr ein Treffen seiner Gruppe statt. Davor habe Münch zwar mit seinen Teilnehmern auch in Kontakt gestanden - mal per E-Mail, mal per Telefonanruf, "aber nicht viel".

Wie wichtig der Austausch unter den Männern ist, wie beliebt die monatlichen Treffen sind, die eigentlich zwischen März und November stattfinden, das beweist ein Blick auf die Zahl der Teilnehmer: 2014, als Münch den Treffpunkt ins Leben gerufen hat, kamen im Durchschnitt etwa drei Teilnehmer. Mittlerweile sind es meistens zehn pro Treffen, knapp 20 Männer erhalten jedes Mal eine Einladung von Münch.

"Das war schon toll, als wir uns alle wieder gesehen haben", sagt Thomas Mayer, einer der Angehörigen aus den Gruppen von Martina Watzlaw. Mayer erzählt, dass in seiner Gruppe auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien, die zu Hause stark demente Partnerinnen oder Partner pflegen. Wie fühle man sich wohl, wenn man keine Nacht mehr richtig durschlafen kann, weil der Ehepartner neben einem Remmidemmi macht? Solche und ähnliche Szenarien sind laut Mayer nicht ungewöhnlich bei Demenzkranken. "Die Angehörigen wollen sich dann auch einfach mal aussprechen", so Mayer. "Da geht es manchmal gar nicht so sehr um einen Tipp, sondern einfach ums Aussprechen und Zuhören."

Eine persönliche Beratung und Anmeldung zu einem der Gesprächskreise von Martina Watzlaw ist telefonisch unter (08092) 23241-20 möglich. Michael Münch vom Treffpunkt für pflegende Männer ist erreichbar per E-Mail an michael.muench@caritasmuenchen.de oder telefonisch dienstags von 14 bis 16 Uhr oder freitags von 9 bis 12 Uhr unter der Telefonnummer (08092) 23241-21.

© SZ vom 17.08.2020/koei
Wildschweinjagd mit Nachtsichgerät; Jagd

SZ PlusAuf der Jagd
:Auge in Auge mit der Beute

"Jedes Viech hat verdient, dass es ganz schnell geht", sagt Emmeran Königer. Um punktgenau zu treffen, verwendet er ein Nachtsichtgerät, was unter Jägern höchst umstritten ist. Zwei Nächte auf Pirsch und Hochsitz.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite