Kreis Ebersberg:"Für mich ist das ein Kulturverhinderungsprogramm"

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Kreis Ebersberg: 2021 ging die Kultur auf Reisen - quer durch den ganzen Ebersberger Landkreis. Doch von der großen Kooperation ist heute nicht mehr viel übrig.

2021 ging die Kultur auf Reisen - quer durch den ganzen Ebersberger Landkreis. Doch von der großen Kooperation ist heute nicht mehr viel übrig.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um den fahrbaren Theateranhänger ist es still geworden, seit er nicht mehr dem Landkreis gehört. Wer die mobile Bühne nutzen will, muss ziemlich tief in die Tasche greifen.

Von Anja Blum, Ebersberg

Der "Ebersberger Kultursommer" wird keine Wiederholung finden. Zumindest nicht so, wie das Projekt im vergangenen Jahr gestartet ist, nämlich als kreative Karawane durch den Landkreis. Um die mobile Bühne, die das Landratsamt 2021 dank vieler Unterstützer und unter großem Applaus angeschafft hat, ist es vielmehr sehr still geworden, erschreckend still. Denn der Anhänger steht nun nicht mehr so ohne Weiteres zur Verfügung: Wer die Bühne nutzen will, muss ziemlich tief in die Tasche greifen. Das Betreuungszentrum Steinhöring und auch die Kirchseeoner Band Schariwari haben deshalb bereits dankend abgelehnt.

Grundgedanke des Projektes war es, möglichst vielen Veranstaltern aus dem Landkreis Open-Air-Abende zu ermöglichen - zu günstigen Konditionen. Und das gelang. Im Sommer 2021 fuhr der Trailer, ausgestattet mit kompletter Bühnentechnik, quer durch die Lande, er wurde in Markt Schwaben genauso bespielt wie in Moosach. Insgesamt gab es mehr als 30 Veranstaltungen. Und dank einer Förderung der Kulturstiftung des Bundes (maximal 260 000 Euro konnten abgerufen werden), dreier regionaler Sponsoren (42 000 Euro) und einem freiwilligen Zuschuss des Landkreises (30 000 Euro) konnten alle Beteiligten ohne eigenes Risiko agieren. Initiiert und organisiert hatte die Veranstaltungsreihe Sebastian Schlagenhaufer, Künstler und Kulturmanager der Stadt Grafing.

Kreis Ebersberg: Auch die Macher der Glonner Schrottgalerie zog es angesichts der Corona-Beschränkungen nach draußen, hier bespielen "Johnny & the Yooahoos" die mobile Bühne.

Auch die Macher der Glonner Schrottgalerie zog es angesichts der Corona-Beschränkungen nach draußen, hier bespielen "Johnny & the Yooahoos" die mobile Bühne.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Natürlich ging es in erster Linie darum, den Kulturschaffenden im Landkreis Ebersberg einen Ausweg aus der Corona-Misere zu bieten und ihnen einen Neustart zu ermöglichen - aber nicht nur. Das Projekt sollte darüber hinaus die interkommunale Kooperation fördern und vor allem eine nachhaltige Anschaffung für die ganze Kulturszene sein.

Weiter nutzen - oder Geld zurück. So lauteten die Bedingungen

Anfang 2022 allerdings beschied das Ebersberger Landratsamt, dass man die Organisation der Bühnenvermietung "leider nicht dauerhaft leisten" könne. Das Budget der Kulturförderung sei ausgeschöpft. "Zusätzliche Leistungen können leider nicht übernommen werden - nicht zuletzt auch deshalb, weil für diese Aufgabe kein Personal zur Verfügung steht", hieß es aus der Behörde. Doch die Zeit drängte: Die Förderung des Bundes war auf zwei Jahre angelegt, deshalb mussten bis Ende März mögliche Nachfolgeprojekte benannt werden. Andernfalls, wenn also eine weitere Nutzung des Trailers nicht erwünscht wäre, könnte der Projektträger ihn veräußern und den Erlös der Kulturstiftung überweisen, sprich: einen Teil der Förderung zurückzahlen. So die Bedingungen.

Schnell war ein williger Käufer gefunden: die Stadt Grafing

Also fanden Gespräche statt, ob und wie die mobile Bühne weiter genutzt werden könnte - mit dem Ergebnis, dass nun die Stadt Grafing Besitzerin des Anhängers ist. Sie hat ihn zum Zeitwert von 33 000 Euro übernommen, der Landkreis seinerseits das Geld an den Bund zurückgezahlt. Eine Lösung, mit der Grafings Rathauschef sehr zufrieden ist: Man werde die Bühne häufig nutzen, sagt Christian Bauer, beim Jubiläum des Freibads etwa oder beim Bürgerfest. "Das wird sich lohnen, hoffen wir." Zumal die Stadt ihre mobile Bühne auch gerne verleihe, an andere Kommunen oder Veranstalter. Das heißt: Der Trailer kann gemietet werden - laut Bürgermeister zu einem günstigen Preis: "500 Euro für den ersten Tag, jeder weitere kostet dann nur 100." Allerdings gibt es im Rathaus niemanden, der sich um eine Akquise kümmern würde. Die Bühne wird nicht aktiv angeboten oder beworben.

Außerdem achtet die Stadt ganz dezidiert auf Sicherheit: Laut Mietvertrag müssen Lieferung, Auf- sowie Abbau der mobilen Bühne von Klaus Welm, einem Medientechniker aus Grafing, geleistet werden. "Das muss professionell gemacht werden, damit nichts kaputt geht", erklärt Bauer. Welm war bereits im Kultursommer 2021 für den Trailer verantwortlich.

Kreis Ebersberg: Marinus Greithanner vom Bauhof und Veranstaltungstechniker Klaus Welm rangieren den Anhänger in seine Garage in Grafing.

Marinus Greithanner vom Bauhof und Veranstaltungstechniker Klaus Welm rangieren den Anhänger in seine Garage in Grafing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Das klingt erstmal vernünftig - ist allerdings im Paket eine durchaus kostspielige Angelegenheit. Jeder Veranstalter muss mit dem Medientechniker einen individuellen Preis aushandeln. Welm selbst will gegenüber der Ebersberger SZ freilich keine Preisspanne nennen, betont aber, dass die Verwendung der mobilen Bühne mit erheblichem Aufwand verbunden sei. Drei Mann würden für den Auf- und Abbau benötigt, außerdem ein wetterfester Unterstand für die Technik sowie eine Nachtwache. "Das ist eben kein Heuanhänger, sondern eine Betriebsstätte, wo immer gewisse Standards eingehalten werden müssen und sich Haftungsfragen stellen", so Welm. Er unterbreite aber jedem Interessierten gerne ein schriftliches Angebot.

Rund 2000 Euro allein für die Bühne - "wer kann in dieser Gewichtsklasse schon mitspielen?"

Vorliegen hat ein solches Angebot das Betreuungszentrum Steinhöring (BZ), das die mobile Bühne gerne für sein Open-Air-Fest ausgeliehen hätte. Doch Organisator Franz Wallner winkt ab: "Rund 2000 Euro für Miete, Lieferung, Auf- und Abbau - das ist einfach viel zu teuer für uns." Zumal es damit ja noch nicht getan sei, man brauche ja außerdem noch eine Ton- und Lichtanlage sowie eine technische Betreuung des Konzerts. "Da ist man dann insgesamt schnell bei 5000 Euro", sagt Rudi Baumann aus Grafing, ehemaliger BZ-Mitarbeiter und selbst Musiker.

Aber: Eine solche Summe aufzubringen beziehungsweise mit einem Konzert zu erwirtschaften, sei vielen Veranstaltern im Landkreis nicht möglich, so Baumann. "Wer kann denn in dieser Gewichtsklasse schon mitspielen? Jedenfalls nicht die, für die diese Bühne eigentlich mal gedacht war." Selbst Schariwari, wahrscheinlich die renommierteste Band des Landkreises, sei wegen dieses großen finanziellen Aufwands zurückgeschreckt. Eigentlich hatten die bayerischen Folkpioniere ein Jubiläumskonzert am Fuße des Ebersberger Aussichtsturms geben wollen. Kein Wunder also, dass der Frust groß ist. "Für mich ist das keine Kulturförderung mehr, sondern ein Kulturverhinderungsprogramm", schimpft der Schariwari-Gitarrist und -Sänger Baumann.

"Sollte der Kultursommer ein Strohfeuer gewesen sein?", fragt ein Theatermacher ungläubig

Axel Tangerding, Chef des Meta Theaters in Moosach, erzählt, dass er zuletzt im Januar etwas in Sachen "Kultursommer" gehört habe. Damals hatte Schlagenhaufer bei diversen Veranstaltern aus dem Landkreis per Mail nachgefragt, ob denn grundsätzlich Interesse bestehe, die mobile Bühne zu günstigen Konditionen auszuleihen. Dieses "Stimmungsbild" sollte als Vorbereitung für ein Gespräch beim Landrat dienen. "Ich habe dann Interesse signalisiert, selbst bei einer möglichen Kostenbeteiligung", sagt Tangerding. "Danach herrschte aber - bis heute - Sendepause."

Das stößt bei dem engagierten Theatermacher aus Moosach auf Unverständnis, um nicht zu sagen: Ärger. Immerhin seien erhebliche Bundesmittel in das Projekt geflossen, sagt er. Auch der Landkreis habe sich mit einer großen Summe beteiligt, und sowohl der Landtagsabgeordnete Thomas Huber als auch der Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz, beide CSU, hätten sich stark gemacht - "wofür wir Kulturschaffenden dankbar waren". Und nun? "Sollte der Kultursommer ein Strohfeuer gewesen sein?", fragt Tangerding ungläubig. "Dafür war diese Anschaffung zu teuer, und das ist auch nicht im Sinne der Nachhaltigkeit!"

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