Süddeutsche Zeitung

Kulturpolitik:Kirchturm statt Leuchtturm

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Der Landkreis hat die mobile Bühne des "Ebersberger Kultursommers" an die Stadt Grafing verkauft. Das ist jammerschade.

Kommentar von Anja Blum, Ebersberg

Die Stadt Grafing hat wahrscheinlich ein schönes Schnäppchen gemacht und ist nun Besitzerin einer topmodernen mobilen Bühne, die bei allen Open-Air-Festen zum Einsatz kommen kann. Das ist aus Sicht der Stadt wunderbar.

Weitet man den Blick allerdings ein wenig, so sieht die Sache schon anders aus. Angesichts der Corona-Not gab es im vergangenen Jahr einen bislang einmaligen, breiten Schulterschluss von Kulturschaffenden aus dem Landkreis - der auch bei der Politik auf große Unterstützung gestoßen ist. Die Idee war, allen Veranstaltern eine kostengünstige Lösung für Konzerte, Kabarett oder andere Formate unter freiem Himmel zu bieten - und sie konkretisierte sich in Form einer mobilen Bühne. Der "Ebersberger Kultursommer" war geboren.

Nun aber, als Eigentum einer Stadt, hat der Bühnen-Anhänger jede Form der Förderung eingebüßt und ist damit für die meisten Veranstalter vermutlich unerschwinglich geworden. Und das kann man nur bedauern. Damit nämlich erfüllt die teure Anschaffung ihren ursprünglichen Zweck überhaupt nicht mehr. Und so ist ein interkommunales Leuchtturmprojekt der Kirchturmpolitik eines Bürgermeisters zum Opfer gefallen.

Doch wer trägt die Schuld daran? Hier mit dem Finger auf den Veranstaltungstechniker zu zeigen, greift zu kurz. Auch er wird unter Corona gelitten haben, auch er muss sehen, dass seine Arbeit ordentlich vergütet wird. Und dass die Stadt ihre Bühne in professionellen Händen wissen will, ist ebenfalls verständlich. Allerdings hat die Klausi-Klausel im Mietvertrag durchaus einen Beigeschmack: Hier hat das Rathaus einem Unternehmen sozusagen ein Monopol verschafft - und das offenbar ohne eine Gegenleistung, etwa in Form eines vergünstigten Preises für alle Nutzer der mobilen Bühne.

Letztendlich muss man sagen: Es hätte hier einer wohlüberlegten gemeinsamen politischen Lösung bedurft, statt eines Grafinger Schnellschusses. Der passende Besitzer und Vermieter für ein eigentlich stark nachgefragtes Teil wie diese Open-Air-Bühne wäre wohl der Landkreis gewesen - in Analogie zum Spielgeräteverleih des Kreisjugendamtes. Denn dann wäre der Rest der Förderung nicht in Richtung Bund verloren gegangen. Eine solche Lösung hätte außerdem die interkommunale Bedeutung dieses Vorzeigeprojekts unterstrichen. Und dann hätte man vielleicht auch weitere Sponsoren aus dem Landkreis gewinnen können, um die Bühne weiter zu subventionieren. So aber ist es, als hätte es den gemeinsamen Kultursommer nie gegeben: Jeder schaut halt allein, wo er bleibt. Das aber ist jammerschade.

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