Süddeutsche Zeitung

Ebersberger Jazzfestival:Meilenstein für die Ewigkeit

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Ebersberg spielt Ellington: Nach drei umjubelten Konzerten gibt es nun eine CD der "Sacred Concerts" - für die Bigband und den Jugendchor des Jazzfestivals, die aus hauptsächlich ambitionierten Laien bestehen, ein herausragendes Projekt.

Von Anja Blum

Eigentlich war diese CD gar nicht geplant. Wie auch, bei dem riesigen Aufwand, den das Projekt ohnehin schon verursacht hat. Rund 60 Musiker auf der Bühne, Instrumentalisten wie Sänger, die wenig Zeit hatten für gemeinsame Proben, sowie obendrein ein Werk, das in seiner Komplexität eine echte Herausforderung ist. Das waren die Bedingungen, als die Bigband und der Chor des Ebersberger Jazzfestivals 2019 Duke Ellingtons "Sacred Concerts" zur Aufführung brachten. Dass in solch einem Fall nicht auch noch ein Mitschnitt auf der To-do-Liste stand: mehr als verständlich. Und trotzdem gibt es nun einen solchen. Wer das Konzert verpasst hat, oder noch einmal davon überwältigt werden will, darf sich also freuen.

Zu verdanken ist die CD Peter Chatchaturian: Der in Aufnahmetechnik geschulte Saxofonist hatte eine ganz einfache Anlage aufgebaut, dabei nur geringsten Aufwand betrieben - mit bemerkenswertem Ergebnis: All die Leidenschaft, all der Fleiß, die in dem Projekt stecken, macht diese Aufnahme hör- und spürbar. "Als wir den Mitschnitt das erste Mal gehört haben, hat es uns richtig umgehauen", erzählt Josef Ametsbichler, der Kopf des Ganzen. "Da stand nur eine Frage im Raum: Sind das wirklich wir?" Insofern war der Entschluss, die Aufnahme zu veröffentlichen, schnell gefällt. Chatchaturian mischte die Stimmen in ihrer Lautstärke noch ein wenig ab - fertig war die CD. "Da ist also gar nichts gefälscht", betont Ametsbichler, der immer noch ganz begeistert ist von der "verschwindend geringen Fehlerquote" seiner großen Ebersberger Combo. "Es gibt ja von diesem Arrangement auch eine Aufnahme mit lauter Top-Profis", sagt er. "Aber davon sind wir gar nicht so weit weg - das ist der Hammer!"

Entstanden ist die CD bei der letzten von drei Aufführungen, am 19. Januar 2020 im Münchner Kulturzentrum Einstein, weitere geplante Konzerte mussten dann wegen der Pandemie leider abgesagt werden. Premiere gefeiert hatte das Ellington-Programm zum Abschluss des Jazzfestivals in der Grafinger Pfarrkirche am 20. Oktober - und das Interesse war groß. Da war Sankt Ägidius schnell so voll, dass keine Zuhörer mehr eingelassen werden konnten, es gab minutenlangen, stehenden Applaus und laut Ametsbichler jede Menge begeisterte Reaktionen.

Kein Wunder, denn die "Sacred Concerts" von Duke Ellington sind ein musikalisches Juwel - den die Ebersberger mit großer Begeisterung und bemerkenswertem Können zum Leuchten brachten. Der Komponist selbst bezeichnete das Werk einmal als das Wichtigste, das er jemals geschaffen habe: Inspiriert von Martin Luther Kings berühmter Rede von 1963 ("I have a dream") schrieb er Stücke für Bigband, gemischten Chor und Solisten, die Jazzelemente und die kirchenmusikalische Tradition Europas verbinden. So sind die "Sacred Concerts" ein sakral-groovender Hybrid, anspruchsvoll alterierte Harmonik und schwierige Gesangslinien stehen im Kontrast zu eingängigen Swing- und Latin-Arrangements. Auch die Texte stammen aus Ellingtons Feder, sie unterstreichen die Botschaft Luther Kings, Leitmotive sind Heimat und Freiheit.

Bassist Ametsbichler, eine der Säulen der Jazzszene im Landkreis, spricht von dem Projekt als einem "echten Meilenstein". In dem liebevoll gestalteten CD-Booklet schreibt er gleich auf der ersten Seite: "Wenn man das Unmögliche versucht, erreicht man das Mögliche." Ein Satz, der sozusagen als Motto gelten kann für das Projekt "Ebersberg spielt Ellington". Angesichts der Herausforderung, dieses anspruchsvolle Werk mit hauptsächlich ambitionierten Laien aufzuführen, habe es durchaus Skepsis gegeben, berichtet Ametsbichler, und sogar er selbst sei nach der ersten gemeinsamen Probe von Band und Chor "etwas zerknirscht" gewesen. "Aber wenn ich mal einen Entschluss gefasst habe, kann mich nichts mehr bremsen, dann beißen sich alle Bedenkenträger die Zähne an mir aus."

Gott sei Dank, denn schon bei der zweiten Probe lief es viel besser, und die drei ausverkauften Konzerte waren alle ein voller Erfolg. "Das war wie ein leidenschaftlicher Sog, der uns alle mitgenommen hat." Deshalb, so Ametsbichler, seien auch unbedingt Wiederholungen geplant, sobald die Corona-Krise mit ihren Einschränkungen gerade auch im Kulturbetrieb überwunden sei. "Wir haben die Latte zwar selbst ziemlich hoch gehängt", sagt der Bandleader mit Blick auf die CD und schmunzelt, "aber ich bin zuversichtlich, dass wir da ganz schnell wieder reinkommen." Schließlich sei die Begeisterung für das Projekt bei den Beteiligten ungebrochen groß.

Die Truppe, das sind erstens die Mitglieder einer regionalen Bigband, die Ametsbichler bereits für das Jazzfestival 2017 zusammengestellt und damit eine Erfolgsgeschichte begründet hat. Kein Wunder, konnte der Jazzbassist und Musikpädagoge dank seiner jahrelangen Konzert- und Lehrtätigkeit dabei doch aus dem Vollen schöpfen. Hinzu kommt, zweitens, ein etwa 45-köpfiger Jazzchor unter der bravourösen Leitung von Martin Danes, ein Ensemble, das sich hauptsächlich aus den Jugendchören der Ebersberger Musikschule speist. Gibt es einen besseren Beweis für den Wert der so professionellen wie engagierten Nachwuchsarbeit dieser Institution? Wohl kaum. Als Solistin konnte obendrein die Sopranistin Alma Naidu gewonnen werden, die das Publikum mit ihrer Stimmfarbe, Präsenz, Präzision und Professionalität begeistern konnte.

"Ich bin wahnsinnig stolz auf die Moral, die in unserer Truppe herrscht, musikalisch und vor allem menschlich", schrieb Ametsbichler kurz nach der Grafinger Premiere in einer Mail an alle Mitwirkenden. Und: "Wir machen so weiter, weil es sich so gut anfühlt. Besten Dank, euer Capo". Nachzulesen im Booklet. Und was hatte SZ-Rezensent Daniel Fritz so prophetisch geschrieben? Neben anderen Klassikern des Jazz seien Ellingtons "Sacred Concerts" sicherlich Stücke, die man sich - ganz egal, wie gläubig - sehr gut auch mal zuhause anhören könne. "Und sei es nur alleine wegen des meisterlichen Umgangs mit den verfügbaren Klangfarben." Nun ist dieser Genuss ganz unverhofft möglich - und die Ebersberger Aufnahme sei hiermit allen Jazzfans, Chorfreunden, Soundfreaks und Gläubigen ans Herz gelegt.

Die CD mit der Ebersberger Version der "Sacred Concerts" von Duke Ellington kostet 15 Euro und kann bestellt werden per Mail an josef-ametsbichler@t-online.de.

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Quelle:
SZ vom 06.03.2021
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