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Ebersberg:Goethe am Klostersee

Hellmuth Karasek, Literarisches Colloquium 1971

Hellmuth Karasek als Junglehrer im Jahr 1971.

(Foto: dpa)

Der jüngst verstorbene Literaturkritiker Hellmuth Karasek hat in Ebersberg gelehrt und geheiratet.

Auf der Karteikarte des Melderegisters sind alle wichtigen Daten in akkurater Schreibschrift vermerkt. Karasek, Hellmuth, Dr. der Philosophie, Lehrer, geboren 4. 1. 34, zugezogen von Brilon am 26. 1. 59, wohnhaft Am Priel Nummer 3, weggezogen am 1. 10. 59 nach Stuttgart. Soweit die nüchternen Angaben zur Person des jüngst verstorbenen Literatur- und Theaterkritikers, Romanciers und Journalisten, der einem breiten Publikum vor allem als Sparring-Partner von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett" bekannt wurde.

Was dagegen nur wenige wissen: Neun Monate hat Karasek als Junglehrer in Ebersberg gelebt und in der romantisch oberhalb des Klostersees gelegenen Dependance des Grafinger Goethe-Instituts Deutsch unterrichtet. Die Ebersberger Geschäftsstelle war laut Peter Hauch, in dessen Hotel das Institut seinen Sitz hatte, "Aushängeschild" aller Institute in der Region. Die Wohn- und Unterrichtsräume für die Schüler aus aller Welt befanden sich im Gästehaus, die Lehrer waren bei Familien untergebracht.

Im Lehrerzimmer des Gästehauses fand im kleinsten Kreis auch die Hochzeitsfeier Karaseks mit seiner ersten, aus Venezuela stammenden Frau, der Musikstudentin Marvela Ines Mejia-Perez, statt. Peter Hauch, 78-jähriger Besitzer des Hotels, das heute "Seeluna" heißt, erinnert sich gut an den jungen Pädagogen. "Wir haben das Hochzeitsessen gekocht, und ich hab serviert", erzählt Hauch, der damals gerade frisch von der Hotelfachschule kam .

"Karasek war witzig, wir hatten einen guten Draht", berichtet er. Abends sei man öfter zusammengesessen. "Wir waren ja beide jung und haben mit den hübschen Schülerinnen geflirtet." In späteren Jahren ist er dann mal zu einer Lesung Karaseks nach München gefahren und hat sich ein Buch des mittlerweile prominenten Literaturkritikers signieren lassen. Es sei eine schöne Zeit gewesen damals in Ebersberg, habe Karasek zu ihm gesagt.

Dass Karasek kurzzeitig Ebersberger war, hat die Stadtarchivarin zufällig entdeckt

Stadtarchivarin Antje Berberich ist auf Karaseks Zeit in Ebersberg beim Einscannen der Melderegister gestoßen. Da hatte sie die Idee, den Kritiker demnächst als Überraschungsgast zur Premiere einer Kulturveranstaltung einzuladen und nahm Kontakt zu ihm auf. Dabei erfuhr sie, dass Karasek Ebersberg als Sprungbrett seiner Karriere ansah, weil er von hier aus den ersten Schritt ins deutsche Kulturleben tat. Hier beschloss er, den Lehrerberuf an den Nagel zu hängen, um ein Angebot in Stuttgart anzunehmen, wo er sich seinem Steckenpferd, der Dramaturgie, widmen konnte. "Leider konnte aus terminlichen und gesundheitlichen Gründen ein Datum für seinen Auftritt nicht vereinbart werden", sagt Berberich. Nun ist es zu spät.

© SZ vom 10.10.2015
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