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Ebersberg:Der letzte Lauf von Georgina Schneid

  • Georgina Schneid gewann Silber bei der Gehörlosen-Europameisterschaft im hundert Meter Staffellauf. Mit 28 beendet die Leichtathletin nun ihre Karriere.
  • Angefangen hat sie damals als einzige Gehörlose im Team beim TSV Vaterstetten.
  • Dass etwas mit ihr anders ist, habe man sie immer spüren lassen, so Schneid. In der Schule, auf der Straße oder im Beruf. Nur im Sport war es meistens anders.

Hier sollte alles enden: Auf einer Laufbahn in Bochum-Wattenscheid ging es für Georgina Schneid aus Zorneding ein letztes Mal um Medaillen: Das Finale der Gehörlosen-Europameisterschaft, vier mal hundert Meter Staffellauf der Frauen. Georgina Schneid erzählt: "Beim Aufwärmen hatte ich ein gutes Gefühl, am Start dann plötzlich nicht mehr." Der Grund: Ein technisches Problem beim Startsignal. Gehörlosen-Leichtathleten müssen nicht auf einen Schuss reagieren, sondern auf eine Ampel. Und die war nun defekt. Georgina Schneid sagt: "Ich fühlte mich auf einmal total zerbrechlich."

Georgina Schneid vom TSV Vaterstetten wird als eine der erfolgreichsten deutschen Gehörlosen-Athletinnen in die Geschichte eingehen. Das war schon vor ihrem letzten Rennen klar. Und trotzdem ging es bei dieser EM noch mal um sehr viel. Ein letztes Mal wollte sie zeigen, dass sie und ihre Teamkolleginnen mit den großen Nationen mithalten können. Mit Weißrussland, der Ukraine und Russland. "Meine Familie war im Stadion", erzählt sie. Und dann funktionierte die Ampel doch. Und Schneid, die Startläuferin, rannte. Die Russinnen waren zwar nicht zu schlagen. Alle anderen schon. Schlussläuferin Nadine Brutscher vom Gehörlosen-Sportverein München kam mit zwei Hundertstel Sekunden Vorsprung vor der ukrainischen Athletin ins Ziel. Eine Silbermedaille, "die sich wie Gold anfühlt", sagt Schneid.

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Einige Wochen sind seither vergangen. Auf dem Wittelsbacher Platz in München sitzt nun eine Ex-Athletin, die gleich um die Ecke im Controlling eines Konzerns arbeitet, gerade hat sie Mittagspause. "Am liebsten würde ich dieses Rennen noch mal erleben", sagt sie. Warum dann aufhören? Gerade mit ihrer Spezialdisziplin, dem Siebenkampf, mit Speerwurf, hundert Meter Hürden, 200 Meterlauf, Hoch- und Weitsprung? Der Sport, erzählt sie, habe ihr über zwei Jahrzehnte viel beigebracht "auch für den Alltag", sagt sie. Erst beim TSV Zorneding, dann in Vaterstetten und mit dem deutschen Nationalteam. Irgendwann aber kommt der Punkt, da kann man als Sportler nicht mehr besser werden. Hinzu kamen zuletzt mehrere Verletzungen - Wade, Oberschenkel. Jetzt, mit 28, sagt sie, sei der Punkt erreicht.

Schneid sitzt auf einer Bank und blinzelt im Sonnenlicht. Es könnte schwierig werden mit der Kommunikation, hat sie vor diesem Treffen in einer E-Mail erklärt. Und dann ist es leichter als gedacht. Wenn sie spricht, geht sie bei Vokalen mit der Stimme hoch, was für Hörende ungewöhnlich klingt, aber durchaus verständlich. Die Fragen kann sie von den Lippen ablesen. Warum sie so gut spricht? "Sieben Jahre Sprechtraining."

Georgina Schneids Geschichte erzählt viel über den Gehörlosen-Sport, dessen Widrigkeiten und die Entbehrungen für den Erfolg. Es ist aber auch eine Geschichte über das Leben. Dass etwas an ihr anders ist, sagt Schneid, das hat man sie immer wieder spüren lassen. In der Schule, auf der Straße oder im Beruf. Und im Sport? "Da war es meistens anders."

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Anruf bei einem, der Georgina Schneid kennt, seit sie zwölf ist. Florian Cucu aus Vaterstetten hat Schneid 17 Jahre lang beim dortigen TSV trainiert, zusammen mit Hörenden. "In unserer Gruppe hatte sie die Harmonie, die ihr sonst fehlte", sagt der 78-Jährige. Zwischen 2002 und 2009 coachte er jede Saison bis zu 15 junge Athleten im Team, und Schneid war stets dabei. Cucu erklärt, dass es im Team nur eine Sache zu beachten galt. "Wer mit Georgina spricht, muss sie anschauen und den Augenkontakt mit ihr herstellen", sagt er. Daran war nicht zu rütteln. Und so wurde das Team beim TSV Vaterstetten zu der Oase, in der Schneid zur international erfolgreichen Leistungssportlerin reifte.

Die Sonne ist hinter einem Häuserblock verschwunden, der Platz neben dem Bankerl leert sich, die Stimmen sind verschwunden, nur noch das monotone Rauschen der Stadt. So ungefähr müsse man sich das vorstellen, sagt Schneid. Es kommen schon Geräusche bei ihr an, aber eben ohne Sinn und Ton. Bis sie volljährig wurde, trainierte die Zornedingerin stets mit Gleichaltrigen, deren Ohren funktionierten. Dann kam der Punkt, an dem sie sich für die Wettkampfszene der Gehörlosen entschied. Warum sie nicht bei den Hörendengeblieben ist? Wo es doch um Muskeln und Schnelligkeit geht, nicht um einen Hörtest? Fragen, die ihr schon öfter gestellt wurden, sagt sie. Weil nur wer Worte verstehen kann, nicht automatisch auch das Dasein eines Gehörlosen versteht.

Auch ihm ging es lange so, erzählt Coach Cucu. Bis er vor Jahren ein "Schlüsselerlebnis" hatte. Athletin und Coach erinnern sich, als wäre es gestern gewesen: Bei einer Lauftrainingseinheit im Vaterstettener Gemeindestadion hatte es plötzlich zu regnen begonnen. "Also sind wir in die Katakomben ausgewichen", sagt Cucu. Knapp 30 Meter lange Gänge, die von den Umkleiden hinaus auf die Laufbahn des Vaterstettener Stadions führen. Auf dem engen Korridor ging das Lauftraining nun zwischen Betonwänden weiter. Und das erwies sich als großes Glück: Der Hall der Wände war so laut, dass das Geräusch der Schuhsohle auf dem Boden bis in Schneids Gehirn durchdrang. "Es war das erste Mal, dass ich meine Schritte hören konnte."

Der Moment in den Stadionkatakomben veränderte vieles am Training mit ihrem Coach. Seit sie sich einmal beim Laufen zuhören konnte, habe Schneid ein besseres Gefühl für die Schritttechnik bekommen. Cucu ist überzeugt: "Wer sich beim Laufen zuhören kann, hat ein geringeres Verletzungsrisiko". Bis heute hört sich Schneid nur in den Katakomben, außerhalb des Vaterstettener Stadions aber hat sie internationale Erfolge gefeiert: Mit der EM-Silbermedaille in der Vier-mal-Hundert-Meter-Staffel 2007 fing alles an, es folgten EM-Bronze im Einzel über 60 Meter Hürden, EM-Bronze im Speerwurf - und ihr größter Erfolg: Vizeweltmeisterin im Siebenkampf 2008. Die Goldmedaille fehlt zwar in ihrer internationalen Sammlung. Mit der zweiten Staffel-Silbermedaille im letzten Wettkampf aber schließt sich ein Kreis aus Silber und Bronze.

Eine Windböe lässt die Herbstblätter über den Wittelsbacher Platz wehen. Nach ihrem Silberlauf in Bochum weinte sie vor Rührung, nun sitzt sie mit wehenden Haaren da. Mit dem Rücktritt vom Leistungssport soll jetzt mehr Zeit für das Leben außerhalb von Stadien und Trainingsplätzen sein, sagt sie. Eine Kehrmaschine fährt mit Getöse vorbei und verschluckt ihre Worte. Georgina Schneid, die Lippenleserin, ist in diesem Moment die einzige, die auf dieser Holzbank noch etwas versteht.

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