Wer gut gebildet ist, der kann es als Einwanderer in Deutschland relativ leicht zu etwas bringen. Solche Menschen nämlich haben Anspruch auf die Blaue Karte EU, die nicht nur Annehmlichkeiten wie das Reisen innerhalb Europas ermöglicht, sondern auch den Familiennachzug vereinfacht – sogar für Eltern und Schwiegereltern. Voraussetzung dafür ist eine akademische Ausbildung und ein Jahresbruttolohn von mindestens 45 300 Euro. Auch im Landkreis Ebersberg leben einige Inhaber dieses zunächst befristeten Aufenthaltstitels, laut Martin Thurnhuber dürfte es sich um eine dreistellige Zahl handeln. „Viele sind aus Indien, China und Russland“, sagte der Leiter des Ausländeramtes in der jüngsten Sitzung des Kreis- und Strategieausschusses, als es um die Integration von Zuwanderern in den hiesigen Arbeitsmarkt ging.
Die Besitzer der Blauen Karte EU sind es verständlicherweise nicht, die den Behörden bei dem Thema Sorgen bereiten. Deutlich herausfordernder ist es, Menschen den Weg ins Berufsleben zu ermöglichen, die vor Krieg und Vertreibung nach Deutschland geflohen sind. Dabei wären die Voraussetzungen dafür eigentlich gar nicht so schlecht: Viele der Geflüchteten würden hierzulande gerne einer Arbeit nachgehen. Auf der anderen Seite suchen Betriebe händeringend nach Mitarbeitern – auch im Landkreis Ebersberg.
Ein Gremium hat nach Lösungen gesucht, wie die berufliche Integration besser gelingen kann
So geht es unter anderem Grünen-Kreisrat Johannes Rumpfinger, der in dritter Generation eine Schreinerei in Hohenlinden führt und wie viele seiner Handwerkskollegen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen hat. Er sieht die Migration in den Arbeitsmarkt als ein „Geschenk“, kritisiert zugleich aber die Bürokratie, mit der sich Mitarbeitende und Betriebe herumschlagen müssen. Zusammen mit seiner Fraktion hat Rumpfinger deshalb bereits vor einem Jahr einen Antrag in den Ebersberger Kreistag eingebracht, aus dem sich die Idee eines Runden Tisches mit Vertretern von Industrie, Jobcenter, Politik und Ausländeramt entwickelte. Nach der Zusammenkunft dieses Gremiums im Sommer liegen nun die Ergebnisse vor.
Diese sind vom Inhalt her zwar wenig überraschend, dennoch zeigen sie, dass die Integration von Geflüchteten in den regionalen Arbeitsmarkt ein Kraftakt ist – in gleich mehreren Bereichen. „Das Hauptproblem sind die mangelnden Sprachkenntnisse“, wie Cornelia Gütermann vom Landratsamt sagte, als sie die Ergebnisse im Kreis- und Strategieausschuss vorstellte. Um in Deutschland beruflich Fuß fassen zu können, seien Kenntnisse auf dem B2-Niveau erforderlich – ungefähr ein solches Niveau haben beispielsweise Schülerinnen und Schüler, die ihr Abitur in Englisch abgelegt haben. Für viele Menschen sei diese Hürde aber zu hoch, manche seien auch gar nicht motiviert genug, die Sprache zu lernen. Auch Analphabetismus komme bei Geflüchteten immer wieder vor. „Da muss man dann erst bei den Grundlagen anfangen“, sagte der Ebersberger Jobcenter-Leiter Benedikt Hoigt, der im engen Austausch mit den Anbietern von Sprachkursen steht.
In Sprachkursen sollen künftig Menschen unterschiedlicher Herkunft gemischt werden
Gemeinsam habe man bereits eine Umstellung vorgenommen, von der man sich einen schnelleren Lernfortschritt verspreche: Künftig sollen in den Kursen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Dadurch, so Hoigt, könne man verhindern, dass die Teilnehmer sofort im Anschluss an den Unterricht wieder in ihre Muttersprache verfallen, sondern sich stattdessen auf Deutsch austauschen. Der Jobcenter-Chef stellt das Prinzip, dass Sprache als Voraussetzung für Arbeit gilt, allerdings grundsätzlich infrage – zumindest in manchen Bereichen. „Warum muss jemand, der im Supermarkt Regale einräumt, unbedingt auf B2-Niveau sprechen?“, so Hoigt, der auch die anderen Schwierigkeiten bei der Integration in den Arbeitsmarkt nicht außer Acht lassen will. Manchmal seien es die Arbeitgeber selbst, die keine Geflüchteten einstellen wollen. Hinzu kämen weitere Hürden, wie fehlender Wohnraum oder zu wenige Plätze bei der Kinderbetreuung.
Etwa 900 Geflüchtete sind beim Ebersberger Jobcenter als arbeitssuchend gemeldet, 600 davon stammen aus der Ukraine, der Rest aus anderen Nicht-EU-Staaten. Um diese Menschen an den Arbeitsmarkt heranzuführen, soll es künftig ortsnahe, termingebundene Jobmessen unter Einbeziehung der Gemeinden geben. Diese Idee haben die Teilnehmer des Runden Tisches vorgeschlagen. Der Vorschlag, eine zentrale Anlaufstelle einzurichten, ist dagegen eher kritisch gesehen worden, wie es aus dem Landratsamt heißt, denn die entsprechenden kompetenten Ansprechpartner und Fachleute sind bereits vorhanden.
Dem Ebersberger Jobcenter wurden die finanziellen Mittel massiv gekürzt
Zu ihnen zählen eigentlich Benedikt Hoigt und seine Kolleginnen und Kollegen im Jobcenter. Doch die Behörde hat selbst mit Problemen zu kämpfen. Bei der Finanzierung der Jobcenter in ganz Deutschland sei zuletzt massiv gekürzt worden, sagte Hoigt. Die Ebersberger Anlaufstelle etwa müsse mit elf Prozent weniger Mittel auskommen – ein fatales Signal seitens der Politik, wie der Behördenchef findet. „Nichts kostet mehr als die Nicht-Integration der Kundinnen und Kunden“, sagte Hoigt über die Arbeit mit Geflüchteten. Es gehe dabei um mehr, als den Menschen einfach nur einen Job zu vermitteln. „Es geht auch um die soziale Integration im Landkreis“, so der Jobcenter-Leiter.
Auch am Ebersberger Landratsamt würde man es begrüßen, wenn Geflüchtete schneller in einen Broterwerb gebracht würden. „Wenn Menschen in Arbeit kommen, sinken für uns die Kosten für die Unterkünfte“, rechnete Landrat Robert Niedergesäß (CSU) vor. Brigitte Keller, Leiterin Zentrales im Landratsamt, ergänzte, dass der Landkreis zumindest in Sachen Finanzierung wenig Handhabe besitzt – und schob mit freundlichen Grüßen an Bundes- und Landesregierung nach: „Wenn man will, dass Leute im Arbeitsmarkt unterkommen, dann muss man halt auch Geld dafür ausgeben.“


