Holocaustgedenken in EbersbergErinnerung an die Namenlosen

Lesezeit: 3 Min.

An der Südseite der Kapelle auf dem alten Friedhof erinnert künftig eine rostrote Metallstele, gestaltet von Bildhauer Matthias Larasser-Bergmeister, an das Schicksal von sechs getöteten KZ-Häftlingen und eines ukrainischen Zwangsarbeiters in Ebersberg.
An der Südseite der Kapelle auf dem alten Friedhof erinnert künftig eine rostrote Metallstele, gestaltet von Bildhauer Matthias Larasser-Bergmeister, an das Schicksal von sechs getöteten KZ-Häftlingen und eines ukrainischen Zwangsarbeiters in Ebersberg. Peter Hinz-Rosin
  • Auf dem alten Ebersberger Friedhof wurde eine neue Metallstele eingeweiht, die an sechs namenlose NS-Opfer erinnert.
  • Darunter fünf KZ-Häftlinge, die am 22. August 1945 im Wald gefesselt und mit Kopfschuss hingerichtet aufgefunden wurden.
  • Das Mahnmal wurde durch Bürgerspenden finanziert und von dem früheren Stadtrat Robert Schurer initiiert.
Von der Redaktion überprüft

Dieser Text wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Auf dem alten Ebersberger Friedhof entsteht ein neuer Erinnerungsort: Eine Metallstele nennt sechs Menschen, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen. Recherchiert und initiiert hat das Projekt der frühere Stadtrat Robert Schurer, gestaltet wurde es von Bildhauer Matthias Larasser‑Bergmeister.

Von Alexandra Leuthner, Ebersberg

Bis heute kennt niemand ihre Namen. Niemand weiß, wer die fünf Toten waren, zu deren Andenken sich in der späten Sonne eines Januarnachmittags, mehr als acht Jahrzehnte nach Kriegsende, um die 60 Menschen auf dem alten Ebersberger Friedhof versammelt haben. Auch ihre Stimme „kennen wir nicht“, sagt Ebersbergs katholischer Stadtpfarrer Josef Riedl. Doch aus der Erinnerung wachse die Zukunft, sekundiert sein evangelischer Kollege Edzard Everts. „Das sei tiefste Überzeugung des jüdischen und des christlichen Glaubens.“ So wird die Schaffung dieses Erinnerungsorts am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zu dem Versuch, den im Namen eines unmenschlichen Regimes Ermordeten ihre Stimme zurückzugeben.

Ob die fünf namenlosen Toten, die am 22. August 1945, drei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Wald nahe der Hubertuskapelle gefunden wurden, Juden waren, Christen, oder einer anderen Religion angehörten, auch das weiß niemand. Sicher ist nur die Art ihres Todes: gebunden an Händen und Füßen, je ein Schuss in den Hinterkopf.  Wie Robert Schurer, früherer Stadtrat und engagierter Geschichtsforscher nach langer Suche herausgefunden hat, waren es wohl KZ-Häftlinge, die aus dem Poinger Todeszug geflohen und noch bis Ebersberg gekommen waren. Die Leichen, kaum verscharrt, waren bereits verwest, als man sie fand.

Der Geistliche Rat Martin Guggetzer ließ sie am 27. August 1945 auf dem Ebersberger Friedhof bestatten. 1951 veranlasste der damalige Bürgermeister Otto Meyer, zu ihrer Erinnerung ein Ehrengrab zu errichten. Ganz in der Nähe jener Stelle, wo jetzt eine rostrote Metallstele im Boden verankert ist, deren Oberfläche die transparent hervorgehobenen Worte „Gedenken“, „Erinnerung“ und „Verantwortung“ dominieren.

Dazwischen hat Bildhauer Matthias Larasser-Bergmeister das Wenige ins Metall geschrieben, was über jene fünf Menschen und auch über den ukrainischen Zwangsarbeiter Gabriel Poselenyk bekannt ist, an den dieses Mahnmal ebenfalls erinnert. Am 16. Oktober 1944 war er in einer Ebersberger Kiesgrube hingerichtet worden, auf Anordnung der Gestapo. Ohne Gerichtsverfahren. Er soll „Kontakt mit einer deutschen Frau gehabt haben“, so steht es ins Metall gestanzt, „nach der rassistischen NS-Ideologie war das ein Verbrechen“.

Robert Schurer ist der Geschichte der Ebersberger Opfer nachgegangen und hat eine Spendenaktion  für den Erinnerungsort ins Leben gerufen.
Robert Schurer ist der Geschichte der Ebersberger Opfer nachgegangen und hat eine Spendenaktion  für den Erinnerungsort ins Leben gerufen. Peter Hinz-Rosin

Ebersberger Bürger haben das Mahnmal gestiftet, das an der Rückseite der Aussegnungshalle nicht nur an die genannten Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnern soll, deren Tod, zufällig oder nicht, mit der Geschichte der Stadt verbunden ist. Sie seien die eigentlichen „Möglichmacher“, hat Robert Schurer zuvor im Innern der Kapelle erklärt und erläutert, warum er auf gar keinen Fall wollte, dass dieses Mahnmal über ein Gremium wie den Stadtrat finanziert werden sollte. Nur der Anflug einer Debatte über Finanzierbarkeit oder das Angebrachtsein „wäre dem Thema und den Menschen nicht angemessen gewesen“, sagte Schurer.

Von einem Tag, der ein Bewusstsein dafür schaffe, dass die Gräuel unserer Geschichte nicht irgendwo, sondern in der eigenen Heimat stattgefunden haben, sprach Ebersbergs Bürgermeister Uli Proske (parteifrei). Und weil neben Vertretern der lokalen Politik und Schülern der Mittelschule Ebersberg, die mit szenischen Lesungen an Schicksale von ehemaligen Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen erinnerten, so viele Menschen gekommen waren, dass im Innern der Kapelle nicht alle einen Platz fanden, standen etliche vor der Tür um einen Lautsprecher herum, der draußen aufgestellt worden war.

Dort hörten sie, wie Schurer und auch Proske Bezug darauf nahmen, dass es schon einmal einen solchen Erinnerungsort in Ebersberg gegeben hatte. Warum und wann er aufgelöst worden war, darauf gibt es bisher keine endgültige Antwort. Auch Nachforschungen im Stadtarchiv hätten ihn nicht weitergebracht, erklärte Schurer. Ein 55 Quadratmeter großes Gelände mit einer Vierkantsäule und Inschriften, einem Schindeldach, Hecken und Blumenbeeten – „und plötzlich war es verschwunden“.

„Vermutlich war der Wunsch zu vergessen, größer als der zu erinnern.“

Vielleicht sei die Verlegung der Toten nach Flossenbürg zur gemeinsamen Bestattung mit anderen Opfern des Todesmarschs der Anlass gewesen, die Gedenkstätte abzutragen. Vielleicht aber habe man auch Mitte der Fünfzigerjahre, als mit den Pariser Verträgen Deutschland wieder teilsouverän wurde und Entschädigungszahlungen für Israel beschlossen worden waren, das Gefühl gehabt, es sei jetzt genug mit dem Gedenken. „Vermutlich war der Wunsch zu vergessen, größer als der zu erinnern.“

Gemeinsam segnen die Pfarrer Edzard Everts und Josef Riedl die Metallstele durch das Entzünden einer Kerze.
Gemeinsam segnen die Pfarrer Edzard Everts und Josef Riedl die Metallstele durch das Entzünden einer Kerze. Peter Hinz-Rosin

Doch das Geschehene gehöre ebenso wie die Erinnerung daran zur Identität unserer Nation, erklärte Proske. Er hatte gemeinsam mit Bildhauer Larasser-Bergmeister die Recherche und die Bestrebungen Schurers von Anfang an unterstützt und den jetzigen Standort der Stele vorgeschlagen. Dass dieses Gedenken gerade jetzt nötig sei, zeige sich darin, wie sich die Welt entwickle, wie autoritäre Kräfte in vielen Ländern zur Macht strebten, wie auch bei uns antidemokratische Tendenzen zu spüren seien, wie die Sprache verrohe, wie immer wieder der Holocaust geleugnet werde.

Knapp 7000 Euro an Spenden hatte Schurer für das Projekt gesammelt, Kunstschmied und Bildhauer Matthias Larasser-Bergmeister, der Entwurf und Stele gestaltet hat, ist auch verantwortlich für die Konzeption des Erinnerungsorts.  Im Frühjahr folgen zwei Bänke und eine Bepflanzung; darum kümmern sich der städtische Bauhof und die Friedhofsgärtnerei. Ein QR-Code neben der Stele soll direkt in die Bayern History App führen, die über den digitalen Weg Informationen vermittelt.

Draußen, wo sich die Menschen zur Segnung der Stele versammelt haben, bittet Pfarrer Riedl kurz um Ruhe, bevor er und Pfarrer Evertz sprechen. Ein paar Meter entfernt findet eine Beerdigung statt. Er möchte die Trauergäste nicht stören. Jene Trauernden stehen nicht am Grab eines Unbekannten, sie wissen um den Namen ihres Verstorbenen. Dann zünden die beiden Geistlichen eine Kerze an und stellen sie zu Füßen des Mahnmals auf.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Buch Otter in Ebersberg
:Hilferuf eines Buchhändlers

Der Betreiber der einzigen Buchhandlung in Ebersberg teilt seinen Kunden mit, dass er nach einem katastrophalen Weihnachtsgeschäft kurz vor der Pleite steht. Und tatsächlich läuft der Laden plötzlich besser. Die Frage ist nur: Wie lange hält die Unterstützung an?

Von Anja Blum

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: