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Sauschütt im Ebersberger Forst:Der Wirt ohne Wirtshaus

In einem Ordner hat Dieter Häuslmann alle Dokumente zum Fall zusammengetragen.

(Foto: Christian Endt)

Der Vertrag war bereits unterschrieben, viel Geld investiert. Dieter Häuslmann fühlte sich wie der sichere Betreiber der Hohenlindener Sauschütt - doch dann kam alles anders.

Von Korbinian Eisenberger

Diese beiden Unterschriften wird er so schnell nicht vergessen: Zwei Unterschriften, die für ihn und seine Familie zukunftsweisend werden sollten. Allerdings nicht so, wie er sich das vorstellte. Im ersten Vertrag ging es um die Übernahme des Betriebs, dem folgte die zweite Unterzeichnung: 25 000 Euro Ablöse für das Inventar, also etwa die Tische, die Bar oder die Schließanlage. "Ich hätte sofort anfangen können", sagt der Mann, der sich damals in Sicherheit wähnte. Er machte Kellnern Zusagen für eine Arbeit. Und er kündigte seine Wohnung, um mit der Familie in den Räumen über dem Wirtshaus zu ziehen. Doch dazu sollte es nie kommen.

Dieter Häuslmann hatte große Pläne. Der Ebersberger wollte einen der größten Biergärten in der Region übernehmen, die Waldgaststätte Hohenlindener Sauschütt im Ebersberger Forst. Häuslmann wollte das Traditionslokal nach der Schließung weiterführen. Doch daraus wurde nichts. Weil sich der Eigentümer und der Pächter nicht einigten, ist der Vertrag zur Übernahme hinfällig. Der zweite Vertrag über die Einrichtung des Wirtshaus hingegen besteht. Deswegen hat Dieter Häuslmann ein Problem. Ein 25 000-Euro-Problem.

Mittagsstunde in Ebersberg. Dieter Häuslmann trägt eine Handwerkerhose, er kommt gerade vom Marktplatz, dort hilft er bei den Vorbereitungen für den Faschingszug. "Ich fühle mich komplett verarscht", sagt er. Häuslmanns Vermutung: Ihm ist Unrecht geschehen. Deswegen liegt der Fall nun bei seinem Anwalt. Womöglich kommt es zum Prozess.

Klar ist: Was sich zuletzt im Dunstkreis der Waldgaststätte abgespielt hat, ist an Kuriosität schwer zu überbieten. Nachdem die bisherigen Wirte im Sommer ihren Abschied zu Silvester ankündigten, begann die Suche nach einem Nachfolger. Fündig wurde nicht der Forstbetrieb als Eigentümer, sondern die Grafinger Brauerei Wildbräu, seit Jahrzehnten Zwischenpächter. An einem Sonntag im Winter kam es zur Vertragsunterzeichnung mit Häuslmann in der Brauerei. "Sie machten Druck, damit es schnell geht", sagt Häuslmann. Das Problem: Der Forstbetrieb hatte etwas gegen diesen Kontrakt und kündigte so nach 36 Jahren seinerseits den Vertrag mit dem Zwischenpächter. Seither ist Häuslmanns Vertrag mit der Brauerei pulverisiert. Deswegen hat das Wirtshaus bis heute keinen Wirt, und Häuslmann kein Wirtshaus.

Die Brauerei lässt Fragen zur Angelegenheit unbeantwortet, Aufschlüsse gibt ein Blick in den Aktenordner, den Häuslmann unterm Arm trägt. Daraus geht hervor, dass er Vergleichsangebote von Wildbräu vorliegen hat: Entweder ein anderes leer stehendes Wirtshaus, renoviert und für ein Jahr pachtzinsfrei. Oder eine Zahlung von 5000 Euro. Optionen? Häuslmann verneint. Der Standort dieser Gaststätte sei ungünstig, "nicht vergleichbar mit der Sauschütt", sagt er. Und die Geldsumme zu gering, um den Schaden zu tilgen.

Warum das Ganze? Vom Forstbetrieb ist zu erfahren, dass man mit dem Konzept Häuslmanns nicht einverstanden war, unter anderem störte das Vorhaben Häuslmanns, die renovierungsbedürftige Wohnung über der Wirtschaft mit seiner Familie zu bewohnen, der Forstbetrieb äußerte hier auch rechtliche Bedenken. Und so steht das Lokal seit zwei Monaten leer. Und der Wirt ohne Wirtshaus schlägt sich mit Gelegenheitsaufträge durch.

Häuslmann hatte sich als Betreiber des Oberwirts einen Namen gemacht, und ihm ist zu verdanken, dass die Kreisstadt einmal eine Diskothek hatte. Solange, bis es zum Eklat kam. Häuslmann kann nur den Kopf schütteln, wenn er davon erzählt: Eines Abends wies sein Türsteher eine Gruppe von Eishockeyspielern eines unweit von Ebersberg gelegenen Klubs ab. "Das war natürlich total unklug", sagt Häuslmann. Doch der Türsteher hatte ästhetische Einwände, "weil sie Schlapperl und Jogginghosen anhatten". Für Häuslmanns Disko "der Anfang vom Ende".

Es kann kompliziert werden in der Gastronomie-Branche, das hat Dieter Häuslmann mehr als einmal erfahren. Bedienungen, die sich aus der Kasse bedienten, Partner, die sich als Streithanseln herausstellen, Arbeitszeiten, bei denen man selbst droht, zum Streithansel zu werden. Oder Personal, das Gäste vergrault. Klar, sagt Häuslmann, habe er über die Jahrzehnte Fehler gemacht. Der Fall Sauschütt aber, sagt er, sei von anderer Qualität.

Dieter Häuslmann sitzt jetzt im Oberwirt, wo mittlerweile ein griechisches Lokal untergebracht ist. Jahrelang hat Häuslmann hier selbst hinter dem Tresen gestanden, er war der Oberwirt, ein Wirt, den so gut wie jeder im Ort kannte. Und der nun mit Anwälten zu tun hat. Deswegen hat er den Aktenordner mitgebracht, der die Entwicklungen im Fall dokumentiert. Kein Faschingsscherz: Die Wirtshaus-Einrichtung, für die er 25 000 Euro zahlen muss, wurde nun auch noch aus dem Wirtshaus entfernt und verfrachtet. Nicht von ihm, "ich hatte keine Ahnung", so Häuslmann. "Eigentlich ist das alles nicht zu glauben."

Wie real das alles ist, zeigt ein weiterer Blick in die Akten. Aus einem Schriftwechsel geht hervor, dass die Einrichtung im Auftrag der Brauerei abgeholt und verwahrt wurde. Nun solle geprüft werden, welche der Gegenstände Häuslmann überhaupt zustehen. Die Herausgabe stehe unter der Bedingung, dass dieser die Kosten für das Ausräumen und Einlagern dieser Gegenstände bezahle.

Zurück im Oberwirt, wo Häuslmann vom Tisch aufsteht, die Kinder abholen. Früher hatte er hier ein Tablett in der Hand, jetzt verlässt er das Lokal mit einem Aktenordner unterm Arm.

© SZ vom 26.02.2020/vewo
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