Süddeutsche Zeitung

Ebersberger Garten-Guru:Franz Jauds Idyll ist in Gefahr

Lesezeit: 4 min

Der 75-Jährige hat am Stadtrand von Ebersberg ein Biotop für seltene Pflanzen und Insekten geschaffen. Für seine Expertise besuchen ihn Menschen aus ganz Deutschland. Die Frage ist, wie lange noch.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Franz Jaud hat einen Platz, den er seinen Kraftsitz nennt, und wenn seine Kräfte schwinden, hockt er sich hin und tankt Kraft nach. Auch jetzt sitzt er da, allerdings lädt er in diesem Moment eher etwas ab. "Ich musste mich gerade wieder so aufregen", sagt er und deutet auf einen Strauch. Ein sieben Jahre altes Pfirsichgewächs, selten und schwer zu kriegen. "Eine Art, die nahezu überhaupt nicht bekannt ist", sagt Jaud. Für diese Pfirsichpflanze ist der 75-Jährige vor acht Jahren von Oberbayern nach Dresden gefahren, dort hat er sie abgeholt und dann am Stadtrand von Ebersberg eingepflanzt. Sieben Jahre wuchs und gedieh dieser Pfirsich. Und nun? Jaud deutet auf die letzte verbliebene Knospe. "Der ist ratzeputz abgefressen."

Franz Jaud ist in Ebersberg so etwas wie der Pflanzenflüsterer, der Guru des Gartelns, zu dem Menschen aus ganz Deutschland kommen, um ihn nach seiner Expertise zu fragen. Im Landschaftsschutzgebiet am Ortsrand hat Jaud ein Naturparadies geschaffen. Seit zwei Jahrzehnten verwandelt er einen Moränenhügel aus der Eiszeit immer weiter hin zu einem Biotop für Pflanzen und Insekten, die in Bayern sonst nur in botanischen Gärten zu finden sind. Hier aber wächst alles unter dem Himmel in freier Natur; vom westeuropäischen Scheinmond bis zum römischen Urpfirsich. Eine Sammlung an einem Südhang, die sich weit über die Landkreisgrenzen herumgesprochen hat. Und nun vor einer Bewährungsprobe steht.

Denn Franz Jauds Biotop ist gefährdet. Sein Problem, und das seiner Pflanzen: Seit diesem Frühjahr haben hungrige Rehe die Seltenheiten in Jauds Garten offenbar auf ihren Speiseplan gesetzt. Rehkühe, Böcke und ihre Jungtiere sind in Bayerns Wäldern vor allem für den Verbiss von jungen Nadelbäumen gefürchtet. "Für meine Pfirsiche haben sie sich nie interessiert", sagt Jaud. Bisher war das so. Jetzt aber hat sich offenbar etwas verändert: Jauds Biotop läuft Gefahr, zum tierischen Feinschmecker-Lokal zu werden.

Es ist Mitte März und Jaud führt über den Hügel, wo er sonst Hobbygärtner, Botaniker und Professoren empfängt. Er stützt sich auf einen Stock, vorsichtig setzt er einen Fuß vor den anderen, weil am Rand des Pfades der Frühling Knospen zum Erwachen bringt. Jaud trägt eine dicke Jacke, Leberblümchen zittern im Wind. Doch der Wind ist nicht sein Thema, sondern der Appetit der Waldbewohner. "Sie fressen mittlerweile Aprikosen, edelste Wildbrombeeren und sogar die Weinreben verbeißen sie", sagt er. Jaud deutet an den Waldrand, wo die Bäume im unteren Bereich kahl sind. "Den Efeu fressen sie nun auch."

"Es ist alles im Ungleichgewicht"

Franz Jaud wurde überrascht von der kulinarischen Auswahl der Tiere, sonst hätte er sich wohl schon längst einen Zaun gebaut. Wobei das bei einem in die Natur integrierten Biotop gar nicht so einfach ist. Und Jaud es gerne hat, wenn die Menschen ihn besuchen. Zumindest jene, die ihm nicht die Blümchen ausrupfen, um sie in eine Vase zu stellen. Es war schon immer eine Gratwanderung zwischen Artenschutz und Attraktion, die Jaud hier bewältigte. Nun stößt er an seine Grenzen.

Eine Hummel surrt durch die Luft, sehr früh im Jahr - selbst für dieses kälterobuste Insekt. "Es ist alles im Ungleichgewicht", sagt Jaud. Der warme, in Ebersberg quasi nicht existente Winter war für ihn und seine Gewächse eher schädlich. "Die Pflanzen brauchen den Frost", sagt er. Nun treiben sie früher aus als sonst - und gehen kaputt, wenn es den kommenden Wochen doch noch einmal gefriert. Dass Jauds Auswahl nun gerade in diesen Tagen für Rehe so interessant ist, erschwert die Entwicklung des Biotops. Denn: Rehe haben Schonzeit - bis 1. Mai dürfen sie nicht gejagt werden.

Wie geht es weiter mit dem Guru des Gartelns und seinem Reich unweit vom Ufer der Ebrach? Von der Jagd darf Jaud sich keine Schützenhilfe erhoffen. Max Schauberger, der bis zum Fuß des Hügels zuständige Revierjäger, erklärt, dass es in diesem Bereich nur schwer möglich sei, zu jagen. "Da sind zig Spaziergänger unterwegs, von früh um fünf bis elf Uhr Nachts", sagt er. "Da läuft dir fast immer einer zwischen der Kugel rum." Jährlich schieße er dort zwei bis drei Rehe, nicht mehr. "Mir ist auch neu, dass es dort ein Problem mit Verbiss gibt", sagt er. Seine Empfehlung für Jauds Problem: Umzäunen, oder spezielle Duftstoffe zu Abschreckung aufhängen.

Jaud bleibt an einem Baumstumpf stehen, wo er zwei Bratpfannen hängen hat. Diese dienen ihm nicht zum Zweck der Ernährung, sondern um das Vertilgen zu verhindern. "Ich hab verschiedene Pfannen ausprobiert, bis der Klang gepasst hat", sagt er. Gepasst, damit meint er: Dass es den Rehen nicht passt. Wenn er die Pfannen wie Schlagzeuger-Becken zusammenschlägt, verscheucht er die Rehe aus seinem Garten. Problem: Jaud muss auch mal zum Schlafen nach Hause, dann ist seine Anlage dem Appetit der Waldbewohner ausgesetzt.

Jaud würde nicht seit 20 Jahre im Garten stehen, wenn er nun aufgeben würde. Im Gegenteil. "Ich möchte hier ein Juwel schaffen", sagt er. Franz Jaud hat die Hand auf ein Bäumchen gelegt, wo die Knospen noch nicht ausgetrieben sind. "15 Jahre lang war ich auf Recherche, bis ich den aufgetrieben habe", sagt er: Ein Waldpfirsich, den er in einem Ort in Westfalen entdeckt hat. Dort, so Jaud, erkläre man sich die Herkunft des Pfirsichbaumes so: Während der Varusschlacht im 9. Jahrhundert nach Christus spuckten die Römischen Legionäre vor ihrer Niederschlagung durch das germanische Heer dort Pfirsichkerne aus - und so wuchsen nun mitten in Westdeutschland Pfirsichbäume.

Ob das so stimmt? Franz Jaud kann sich nicht sicher sein. Eines aber sei ganz sicher, sagt er. "So leicht gebe ich mich den Rehen nicht geschlagen." Einige Pflanzen haben mittlerweile Drahtzäune bekommen. Nun hat er angefangen, einen Zaun zu bauen.

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Quelle:
SZ vom 01.04.2020
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