Bis März 2022, so lautete einmal der Zeitplan. Im Januar 2020 hatten die Mitglieder des Ebersberger Kreistags einstimmig beschlossen, bis dahin eigene Strukturen aufzubauen, um Frauen zu helfen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Dann nämlich wäre der Kooperationsvertrag zwischen den Landkreisen Erding und Ebersberg ausgelaufen, der die Ebersberger Mitfinanzierung des Erdinger Frauenhauses regelt. Nun ist März 2022, ein eigenes Frauenhaus gibt es in Ebersberg allerdings nicht. Der Kooperationsvertrag aber besteht weiterhin. Klingt zunächst nach einer eher weniger erfreulichen Entwicklung. Jetzt aber gibt es gute Neuigkeiten zum Projekt zu verkünden: Womöglich ist ein geeigneter Standort im Landkreis Ebersberg gefunden, aktuell läuft dafür eine Finanzierungsplanung.
Dass der ursprüngliche Zeitplan überschritten wurde, liegt nicht daran, dass die Verantwortlichen im Ebersberger Landratsamt untätig gewesen wären. Vielmehr ist auch das eine Folge der Pandemie: Corona hat die personellen Kapazitäten so beansprucht, dass das Frauenhaus-Vorhaben nicht das einzige ist, dessen Zeitpläne nicht eingehalten werden konnten - Ressourcenmangel.
Seit der entsprechenden Beschlussfassung im Ebersberger Kreistag vor zwei Jahren gab es vom Landratsamt den öffentlichen Aufruf an Gemeinden und Pfarrgemeinden, sich mit möglichen geeigneten Grundstücken oder Gebäuden zu melden, wie es von der Pressestelle des Ebersberger Landratsamts heißt. Darüber seien auch einige Angebote zusammengekommen. Aufgrund von Größe und Objektzustand habe man jedoch vieles wieder aussortieren müssen - bis auf das Objekt, für das nun eine Finanzierungsplanung läuft. Um welchen Standort es sich dabei konkret handelt, dazu erteilt die Pressestelle keine Auskunft. Und das aus gutem Grund: Um die betroffenen Frauen vor ihren gewalttätigen Partnern oder Ex-Partnern zu schützen, soll die Öffentlichkeit den genauen Ort nicht erfahren.
Es gibt keine Zahlen, wie viele Frauen aus dem Landkreis Ebersberg im Erdinger Frauenhaus unterkommen
Im Moment finanziert Ebersberg noch das Erdinger Frauenhaus zu 50 Prozent mit. Wie vielen Ebersberger Frauen diese Kooperation in den vergangenen drei Jahren etwas gebracht hat, ist allerdings ungewiss: 2019 sei der Abrechnungsmodus geändert worden, so die Ebersberger Pressestelle, deshalb liegen keine dementsprechenden Zahlen mehr vor. Aber auch die Jahre zuvor, in denen eine solche Aufschlüsselung noch stattgefunden hat, zeigen: Der Nutzen für die betroffenen Frauen in Ebersberg hielt sich in Grenzen. 2018 kam von insgesamt sechs Frauen, die im Erdinger Frauenhaus Zuflucht gefunden haben, nur eine aus dem Ebersberger Kreis. Die Jahre zuvor finanzierten die Kreise Ebersberg, Erding und Freising gemeinsam zwei Frauenhäuser. 2017 stammten zwei von 37 Frauen, die in einem der Häuser untergebracht waren, aus Ebersberg, 2016 waren es vier von 31.
Genau daran wurde von den Mitgliedern im Kreistag auch immer wieder Kritik laut: Warum soll der Landkreis für etwas zahlen, das für kaum eine von Gewalt betroffene Frau in Ebersberg eine Hilfe ist? Deshalb forderten insbesondere die Fraktionen der SPD und Grünen in mehreren Anträgen ein eigenes Frauenhaus für Ebersberg.
Hinzu kommt eine Änderung der gesetzlichen Bedarfsgrundlage, die das bayerische Familienministerium im Jahr 2019 erarbeitet hat: Laut dieser soll ein Frauenhausplatz pro 10 327 Einwohnerinnen im Alter von 18 bis 80 Jahren zur Verfügung stehen. Für Ebersberg bedeutete das damals 5,25 Plätze bei 54 234 Einwohnerinnen, für den Erdinger Kreis 5,05 Plätze bei 52 309 Einwohnerinnen. Insgesamt kamen die beiden Kreise also bereits 2019 auf einen Bedarf von 10,31 Plätzen, im Verbund gab und gibt es aber nur fünf.
Wie wird es nun weitergehen mit einem Frauenhaus für die Ebersberger Frauen? Darüber ist vom Ebersberger Landratsamt wenig zu erfahren. Man beruft sich auf die derzeit laufende Finanzierungsplanung - genauere Auskünfte darüber, bis wann diese voraussichtlich abgeschlossen sein wird, für wie realistisch der aktuell mögliche Standort eingeschätzt wird oder wann mit einer mögliche Eröffnung des Frauenhauses zu rechnen ist, gibt es keine. Tatsache ist, dass über das weitere Vorgehen letztlich die Mitglieder der Ebersberger Kreisgremien beraten und entscheiden müssen. Wann das Projekt zum nächsten Mal auf die Tagesordnung einer Sitzung der zuständigen Gremien gesetzt wird, ist derzeit nicht bekannt.
