Im Nieselregen fährt der Laster langsam an den Container heran, öffnet seine orangefarbene Luke und beginnt, seine Trommel zu kippen. In einem konstanten Strom übergibt sie ihren Inhalt in den Container, gut neun Tonnen Hausmüll, eine graue und übelriechende Masse. Nachdem der Mülllaster den Container gefüllt hat, kommt ein Bagger und presst mit seinem schweren, gelben Arm den Müll zusammen. Dann fährt ein anderer Bagger heran und schiebt den Container beiseite, um Platz für die nächste Fuhre zu machen. Die kommt bestimmt, am Entsorgungszentrum Schafweide.
Die mehr als 15 000 Tonnen Hausmüll und 4000 Tonnen Sperrmüll, die Jahr für Jahr im Landkreis Ebersberg anfallen, werden in dem nördlich der Kreisstadt liegenden Zentrum umgeladen. „Die vollen Container werden zwei- oder dreimal am Tag geleert. Lkw bringen den Müll zur thermischen Verwertung nach Burgkirchen.“ Das erklärt Roland Ackermann, der Sachgebietsleiter für Abfallwirtschaft im Landratsamt Ebersberg.


Thermische Verwertung, das heißt Verbrennung. Es herrscht eine saubere Sprache am Entsorgungszentrum. Diese Art Mülllaster ist ein Drehtrommelfahrzeug, in einem Container stapeln sich Nichtverpackungskunststoffe, es ist die Rede von hausmüllähnlichem Gewerbeabfall. Der Umgangston unter den Mitarbeitern ist ebenfalls freundlich, man duzt sich, kennt sich lange. Die, die „tatsächlich was arbeiten“, wie Ackermann sagt, also auf dem Hof den Müll entladen und bewegen, sind alle seit mindestens zehn Jahren da.
Früher war die Schafweide eine Mülldeponie, der verrottende Müll will weiterhin umsorgt werden
Ackermann und sein Team sind dagegen Neulinge. Vor anderthalb Jahren konstituierte sich das Sachgebiet 16 im Landratsamt neu und zog in das frisch renovierte Verwaltungsgebäude an der Schafweide um. Die erste Amtshandlung: eine Steigerung der Müllgebühren um mehr als 100 Prozent. „Wir stehen und fallen mit den Preisen der Verbrennungsanlagen“, erklärt Ackermann. Da durch Verbrennung von Müll CO₂ entsteht, wird sie seit etwa zwei Jahren durch das Brennstoffemissionshandelsgesetz bepreist. Die Preise für die Verbrennung werden jedes Jahr weiter steigen. Außerdem stiegen die Kosten für Energie, Transport und Personal, was die Preise im Bereich Abfallentsorgung ebenfalls in die Höhe treibe.
Nirgends werden die Widersprüche einer Konsum- und Überflussgesellschaft und einer Gesellschaft, die Umwelt und Klima schonen will, so deutlich wie an den Orten, wo sie ihren Müll verarbeitet. Das Entsorgungszentrum liegt im Schatten zweier künstlicher Hügel, Teile der Schafweide waren bis 2005 eine Deponie. Der alltägliche Müll wurde seit den 1950er-Jahren dorthin gebracht, aufgeschüttet und mit großen Kompaktern plattgefahren, um ihn zu verdichten und Platz für mehr Müll zu schaffen.


Damit das Regenwasser, das durch den Müll kontaminiert wird, nicht ins Grundwasser sickert, liegt eine dicke Kunststoffplane unter den Hügeln. Als die Deponie eingestampft wurde, wurde eine solche Plane auch über den Müll gelegt, mit Wiese bepflanzt und Solarpaneele darauf platziert. Durch die PV-Anlagen produzieren die Deponien jetzt etwa drei Millionen Kilowattstunden Strom im Jahr – genug für etwa 900 Haushalte.
Ein kompliziertes System aus Drainagen und Gasrohren durchzieht die Deponie außerdem. Der Müll verrottet unter den Planen und gibt dabei Gas ab, das in Strom umgewandelt werden kann. Damit dieser Prozess aufrechterhalten werden kann, muss der Müll allerdings feucht gehalten werden.
Ein neues Transportsystem für den Müll soll die Effizienz des Entsorgungszentrums steigern
Zu den Altlasten der Vergangenheit gesellen sich die Herausforderungen der Zukunft. So soll ein Unterstand errichtet werden, damit der neue Müll, der in die Verbrennungsanlage gefahren wird, nicht nass wird – Nässe bedeutet zusätzliches Gewicht. Dazu kommt die Brandgefahr neuer Technologien. Ackermann deutet auf ein paar in einer Pfütze liegenden Lithium-Batterien. „Es passiert oft, dass Vapes falsch im Hausmüll entsorgt werden“, so Ackermann. Diese könnten sich dann in Mülllastern entzünden und diese abbrennen – ein teurer Fehlwurf.
Mike Schmeißer, Ackermanns Kollege und Betriebsleiter am Entsorgungszentrum, deutet auf ein paar schwarze Boxen, die in einer Halle lagern. „Das sind Bergeboxen“, sagt er. Sie sind innen so ausgestattet, dass ein Lithiumakku in ihr explodieren könnte, ohne dass die Box selbst in Flammen aufgeht. Noch ist im Landkreis kein Mülltransport durch einen Lithium-Akku zerstört worden, aber man bereitet sich vor. Ein größeres Problem stellen Lachgaskartuschen und -flaschen dar. Wenn diese in die Verbrennungsanlage gelangen, stehen sie oft noch unter hohem Druck. Wenn sie explodieren, können sie die Anlage beschädigen und den Betrieb aufhalten.


Auch verfügt das Entsorgungszentrum nur über geringe Zwischenspeichermöglichkeiten. Diese sollen ausgeweitet werden, etwa, um auf Naturkatastrophen besser vorbereitet zu sein. Als es vergangenes Jahr in der Nähe von Ingolstadt zu Überschwemmungen kam, wurde viel zerstört und somit fiel auch jede Menge Müll an. „Die Anlage dort ist immer noch dabei, das Zeug zu verbrennen“, sagt Ackermann.
Die bedeutendste Neuerung wird jedoch die Einführung von sogenannten Walking-Floor-Transportern sein. Im Gegensatz zu den Rollcontainern, in die derzeit der Müll geladen wird, steigern ihre beweglichen Bodenplatten die Effizienz des Verladens erheblich. Damit sollen auch Kosten gespart werden.
„Der beste Müll ist der, der nicht anfällt“, sagt Roland Ackermann
In der sogenannten Abfall-Hierarchie rangiert Effizienz bei der thermischen Verwertung oder Beseitigung indes immer noch auf den unteren Plätzen. Ganz oben auf der Prioritätenliste steht die Vermeidung, darunter die Vorbereitung auf Wiederverwertung und Recycling. Ackermann bringt es so auf den Punkt: „Der beste Müll ist der, der nicht anfällt.“ Deswegen möchte das neue Team vermehrt auf Öffentlichkeitsarbeit setzen und beispielsweise Aufklärungsarbeit in den Schulen leisten. Außerdem soll bald eine neue Abfall-App gestartet werden, die dazu dienen soll, Termine übersichtlich anzuzeigen, die ein Abfall-ABC für die richtige Trennung enthält und auch einen Tauschmarkt, bevor etwas endgültig weggeschmissen wird.
Besonderes Augenmerk soll auf die Aufklärung im Bereich Biomüll gerichtet werden. „Wir wollen die Menge an Biomüll steigern und die Menge an Fremdstoffen im Biomüll reduzieren“, sagt die Müllberaterin Antje Remler. Dafür habe man Proben von allen Komposthöfen entnommen, um zu überprüfen, wo die Verunreinigung am stärksten ist. „Wir können jetzt gezielt in bestimmte Kommunen und Wohngebiete gehen und über richtige Entsorgung aufklären.“ Die beliebten Kompostbeutel seien beispielsweise schädlich, da sie sich nicht schnell genug zersetzen. Plakate, Präsenzinitiativen und die Social-Media-Kampagne #wirfuerbio sollen helfen, auf kommunaler Ebene den Stoffkreislauf des Biomülls zu schließen.

Bis es so weit ist, muss sich das Entsorgungszentrum noch mit 19 000 Tonnen Müll pro Jahr herumschlagen. Während Ackermann, Schmeißer und Demler über den Hof führen, führt der Bagger filigrane Arbeiten an einem Müllcontainer aus. „Nicht überall sind die Fahrer so gut“, sagt Ackermann. Dann reißt eine Gummileine und katapultiert einen Plastiksack durch die Luft. Doch der Fahrer ist erfinderisch: Er greift zwei Matratzen aus dem Sperrmüll und wischt den Asphalt wieder sauber – auch eine Form des Recyclings.

