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Mitten in Ebersberg:Zahlenteufel in geheimer Mission

Geheimzahlen tragen ihren Namen, weil sie eigentlich geheim bleiben soll. Manchmal aber kommt es anders.

Glosse von Franziska Langhammer

Technik hat so ihre Tücken, im Großen wie im Kleinen. Und manchmal tückt sie so gemein, dass das Kleine plötzlich ganz groß raus kommt. So geschehen vor einigen Tagen in einem großräumigen Laden im nördlichen Landkreis.

Das Weihnachtsgeschäft nimmt langsam seinen Lauf, es werden Adventskalender gekauft, schönes Briefpapier, Holz für die Krippe. An der Kasse staut es sich, natürlich mit Abstand. Brett für Brett scannt der Verkäufer ein, wurstelt an der Kasse herum und verlangt hundert Euro und 80 Cent. "Bitte mit Karte", verlangt der Bretter-Käufer, etwa Anfang Sechzig. Der Verkäufer, selbes Alter, reicht ihm nach einigem Getippe das Kartenlesegerät. Tipp Tipp, macht auch der Kunde, nimmt seine Karte und reicht das Gerät zurück.

Nun starrt der Verkäufer auf den Kartenleser, kratzt sich ratlos am Hinterkopf. Er drückt hier und da noch eine Taste, dann kommt der EC-Beleg herausgeknattert. "Siebenundachtzig fünfundfünfzig", murmelt er vor sich hin, erst leise, dann lauter. Dann wendet er sich wieder an den Kunden, der bemundschutzt und geduldig wartet. "Haben Sie den Betrag da eingegeben?", fragt der Verkäufer. "Da fehlt doch noch was!"

Beide beugen sich, soweit es geht mit der Plastikscheibe dazwischen, über den EC-Beleg und grummeln vor sich hin. Da hat der Verkäufer seinen Heureka-Moment. Laut, so laut, dass es auch die anderen Kunden in der Schlange ganz hinten hören können, ruft er: "Ist des am End Ihre Geheimzahl, siebenundachtzig fünfundfünfzig?" Dem Kunden, der ebenso überrascht ist wie alle anderen im Raum, bleibt nichts anderes übrig, als kleinlaut diese Frage zu bejahen. Nun hat auch der letzte Mensch im Laden die eigentlich geheime Zahl zum Geldabheben vernommen; rasch steckt der Kunde seine EC-Karte mit der Geheimzahl 8755 wieder ein. Den ausstehenden Rest (Gesamtbetrag minus Geheimzahl) gibt er cash und beeilt sich, den Laden zu verlassen. Sehr wahrscheinlich ist, dass er danach zum nächsten Geldautomaten marschiert, sich ein paar Scheine holt, seine Geldkarte unter dem Bett versteckt und auf den Wunschzettel fürs Christkind "Neue Geheimnummer" schreibt.

Die richtige Geheimzahl ist der Redaktion übrigens bekannt, wurde aber aus Gründen des Personen- beziehungsweise Zahlenschutzes geändert.

© SZ vom 20.11.2020

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