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Ebersberg:Ein Jahr länger im Kindergarten

Klenzeschule in München, 2015

Das Klassenzimmer kann warten: Auch wenn der sechste Geburtstag schon vorbei ist, bleiben viele Kinder in der Kita.

(Foto: Catherina Hess)

Der Einschulungskorridor, der es Eltern ermöglicht, ihre Kinder vom Schulbesuch zurückstellen zu lassen, beschert Kommunen zusätzliche Planungsaufgaben

Ein Großteil der Sechsjährigen wird im Herbst nicht eingeschult und geht ein Jahr länger in den Kindergarten. Das kann in der ohnehin angespannten Situation in vielen Kindertagesstätten deutliche Folgen haben. Vor allem in Markt Schwaben. 21 von insgesamt 41 Eltern schulpflichtiger Kinder nutzten dort für das kommende Schuljahr die Möglichkeit, die ihnen der sogenannte Einschulungskorridor eröffnet. Damit werden in Markt Schwaben mehr Kinder später eingeschult als anderswo im Landkreis.

Seit diesem Jahr können Eltern entscheiden, ob sie Kinder, die zwischen 1. Juli und 30. September sechs Jahre alt werden, einschulen oder zurückstellen. Bisher entschieden darüber die Schulleiter. Schulminister Michael Piazolo (Freie Wähler) hatte den Korridor zu Jahresbeginn eingeführt, um die Mitspracherechte der Eltern zu stärken. Laut Schulamt Ebersberg gibt es im Landkreis in diesem Jahr 404 Korridorkinder. 174 von ihnen werden im kommenden September noch keine Schultüte bekommen. So hatten es die Eltern bis Anfang Mai entschieden, berichtet Schulamtsleiterin Sigrid Binder. Die Beweggründe seien unterschiedlich und immer auch verständlich, sagt die Schulamtsleiterin. Durch die spätere Einschulung wollten Eltern ihren Kindern die besten Startchancen ermöglichen. Sie dürften nun selbst entscheiden, ob ihr Kind über ausreichend resiliente und kompetente Fähigkeiten verfügt, also bereit ist für das Klassenzimmer. Es gehe bei der Einschulung nicht nur um kognitive Kompetenzen, sondern ebenso um soziales Vermögen, etwa darum, wie das Kind mit Niederlagen umgehe und wie groß sein Selbstbewusstsein sei.

Die spätere Einschulung hat für Binder in diesem Jahr einen positiven Aspekt. Durchschnittlich seien 21 bis 22 Schüler in einer Eingangsklasse. "Eine schöne Zahl", findet die Schulamtsleiterin. An der Grundschule in Markt Schwaben allerdings wird die Klassengröße 25 bis 26 Kinder betragen, wie Schulleiterin Monika Seidel berichtet. Ihre Schule wird mit fünf ersten Klassen starten. Seidel habe gehofft, ausreichend Kinder zu haben, um eine sechste Klasse zu bekommen. Und doch halte sie es für sinnvoll, dass Eltern jetzt über die Einschulung ihrer Kinder mitbestimmen dürfen. Durch die bislang starre gesetzliche Regelung sei jede Zurückstellung ein bürokratischer Akt gewesen.

Die neue Regelung führt indes zu Planungsschwierigkeiten in Kindergärten. Wenn Kinder, die zur Schule gehen könnten, noch im Kindergarten bleiben, blockieren sie damit die Plätze für nachrückende Dreijährige, die einen Betreuungsplatz benötigen. Die meisten Kommunen im Landkreis aber reagierten flexibel und vor allem rasch auf die neue Situation. Markt Schwaben etwa hat laut Pressesprecherin Sabrina Biertz den Eltern der Kindergartenkinder keine Absagen schicken müssen. Man sei gut vorbereitet gewesen, sagt Biertz. In der Zuzugsgemeinde Markt Schwaben wird im kommenden Februar die neue Einrichtung Kinderland eröffnet. Für die Zeit bis dahin werde es eine Interimslösung geben. Plätze für die Korridorkinder gibt es im Schulkindergarten, den Anita Gerdes-Elm leitet. Kinder, die noch nicht schulreif sind, haben dort ausreichend Zeit, Selbstsicherheit aufzubauen. Vor allem ängstliche Kinder, sagt Gerdes-Elm, holten in dem Jahr "wahnsinnig schnell auf".

Trotz der kurzen Reaktionszeit hat auch die Großgemeinde Vaterstetten ihre 41 Korridorkinder untergebracht. In den Vorjahren waren es zwischen 30 und 35 Kinder. Sylvia Schuster, Sachgebiet Familie und Bildung, sagt, man habe befürchtet, "dass eine Welle auf sie zukommt". Um den zusätzlichen Bedarf auffangen zu können, wird es in Vaterstetten jetzt eine dritte Vorschulgruppe an der Grundschule in der Brunnenstraße geben. Diese zieht in das Gebäude der ehemaligen Pusteblume. Eine weitere Vorschulgruppe gibt es im Katharina-von-Bora-Haus. "Plätze haben wir", sagt Schuster. Allerdings mache ihnen der Personalmangel zu schaffen. Auch Grafing hat umdisponieren müssen, wie Sachgebietsleiterin Maximiliane Dierauff berichtet. Da man aber bereits mit Eltern in Kontakt gewesen sei, habe man "keine größeren Überraschungen" erlebt.

© SZ vom 19.08.2019
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