Süddeutsche Zeitung

Naturschutz:Sorge um ein Ebersberger Idyll

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Das extrem starke Algenwachstum im Egglburger See hatte mit einem besonderen Wetterphänomen in diesem Sommer zu tun und wird auch wieder enden. Doch langfristig wird sich die Weiherkette wohl massiv verändern.

Die Ebersberger lieben ihn. Und nicht nur sie: Auch Ausflügler aus der Landeshauptstadt, denen der Sinn nach Naturidyll steht, drehen gern ihre Runden um den Egglburger See, durch uralte Alleen, über federnde Wiesen, an stolzen Bauernhöfen vorbei. Ornithologen kommen ebenfalls auf ihre Kosten, viele seltene Vögel haben hier ihre Brutplätze. Doch das Idyll ist gefährdet, was in diesem Sommer niemandem mehr entgehen konnte: Ein gewaltiger Algenteppich zog sich über die Wasserfläche, die Ufer werden mehr und mehr von Wasserpflanzen zugewuchert. "Der See hat an Kraft verloren", sagt eine Ebersbergerin, die in der Nähe wohnt und bei ihren Spaziergängen die Entwicklung sehr beunruhigt verfolgt. "Ich bin keine Biologin und keine Fachfrau - aber da muss man doch was machen!"

Auch bei Roswitha Holzmann, stellvertretende Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, haben sich in diesem Jahr etliche Ebersberger gemeldet, die sich Sorgen um den See machen, mit der Eigentümerin des Naturschutzgebiets am Ebersberger Stadtrand war sie ebenfalls im Kontakt- denn der Stadt selbst gehört das Juwel gar nicht. Doch selbst wenn man Biologin und Fachfrau ist wie Holzmann - eine Patentlösung lässt sich nicht herbeizaubern.

Das Algenwachstum kam nach einem Sturm in Gang

Zwei Phänomene waren in diesem Jahr dafür verantwortlich, dass der See in einem schlechteren Zustand war als früher. Zum einen wälzte ein Sturm laut Holzmann den flachen See komplett um, die abgelagerten Sedimente wurden nach oben gewirbelt, darin Nährstoffe aus Jahrzehnten, die in Kombination mit dem Sauerstoff der oberen Schichten und der ausdauernd scheinenden Sonne das massive Algenwachstum produzierten. Zum anderen war der Sommer auch sehr niederschlagsarm, der Wasserspiegel war nach Schätzungen Holzmanns 20 bis 30 Zentimeter niedriger als sonst im Sommer - deshalb verlandeten auch größere Teile des Seeufers.

Die Verlandung ist freilich am Egglburger See kein Prozess, der gerade erst in Gang gesetzt wurde, im Prinzip hat er vor Jahrhunderten begonnen. Denn große Zuläufe, die den See speisen, hat er nicht, wie Holzmann erläutert, das Wasser stammt von ein paar Quellen, die aus dem Wald herausfließen und auch von Niederschlägen, die sich in dem Becken sammeln. Und wenn weniger nachkommt, wird der See eben kleiner. Wer den See, wie Ebersbergs Bürgermeister Ulrich Proske, gut kennt, konnte das Phänomen schon in den vergangenen Jahrzehnten beobachten: "In meiner Kindheit war der See größer als jetzt", erinnert er sich, "wo damals das Schilfufer war, wächst jetzt Wald."

Doch was kann man tun? Kann man überhaupt etwas tun? Schwierig, sagt Roswitha Holzmann. Ausbaggern wäre eine Möglichkeit, aber auch "ein Fass ohne Boden", wie die stellvertretende Leiterin der Naturschutzbehörde erläutert. Hunderte Lastwagen Schlamm müsste man abtransportieren, das würde nicht nur eine Menge Geld kosten, sondern auch die Frage aufwerfen, ob so eine Maßnahme in einem wertvollen Naturschutz- und Flora-Fauna-Habitat-Gebiet überhaupt angezeigt ist. Ein Naturschutzgebiet habe ja gerade den Sinn, dass man die Natur Natur sein lässt, nicht eingreift - auch wenn das Ergebnis den Menschen vielleicht nicht unbedingt gefällt.

Der Bürgermeister würde gern ein Gutachten zur Weiherkette machen lassen

Auch mit einer Möglichkeit, das Algenwachstum im See unter Kontrolle zu halten, hat sich Holzmann befasst. Eine Firma vom Simssee hat eine Technik entwickelt, bei der die Algen mit speziell behandeltem Quarzsand gebunden werden können und sie zur Anwendung im Egglburger See und Klostersee vorgeschlagen. Zwar berichten einige Kommunen, die dies bereits erprobt haben, von einer erfolgreichen Therapie gegen das exzessive Wasserpflanzenwachstum, doch einen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass diese Methode wirksam sei, gebe es bisher nicht, so Holzmann. Für eine Anwendung in einem so wertvollen Naturschutzgebiet wie dem Egglburger See würde sie sich daher nicht aussprechen: "Ich kann mir eher vorstellen, dass man so etwas erst einmal bei einem kleinen Dorfweiher ausprobiert."

Im Klostersee will der Bürgermeister ebenfalls erst einmal auf diese Technik verzichten, auch wenn er insgesamt die Situation an der Weiherkette mit Sorge betrachtet. Um sicherzustellen, dass im Klostersee sauberes Wasser ankomme, sei bereits ein Absetzbecken gebaut worden, erläutert er, ein schlimmes Algenproblem habe es im Klostersee - dem beliebten Badeweiher in der Kreisstadt - in diesem Jahr auch nicht gegeben. Doch der Klostersee ist, wie die gesamte Weiherkette, von dem Wasser abhängig, das aus dem Egglburger See kommt. Geht es dem Egglburger See schlecht, leidet auch die Weiherkette. Er wolle deshalb, so Proske, ein Gutachten erstellen lassen, wie sich die Situation hier voraussichtlich entwickeln werde - ob in zehn Jahren oder in 100 Jahren noch genügend Wasser aus dem Egglburger See Richtung Klostersee fließen wird. "In Zeiten des Klimawandels ist ja alles möglich", sagt der Bürgermeister, er wolle jedenfalls wissen, was auf die Stadt zukommen könnte.

Prognosen dazu findet auch die Expertin in der Naturschutzbehörde schwierig. Die Verlandung des Sees werde sicher weiter fortschreiten, sagt Holzmann, es könnte dem Egglburger See also irgendwann auch so gehen wie dem See in Kirchseeon, der dem Ort zwar den Namen gegeben hat, aber bekanntlich längst verschwunden ist. Am Egglburger See werde das aber sicher noch lange dauern, davon ist Holzmann überzeugt: Mindestens die nächsten zwei Generationen werden ihn weiter als schönen großen See erleben können

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