Ebersberg:Die Jahre der Nichtschwimmer

60 Jahre Wasserwacht Glonn

Das erste Rettungsboot der Glonner Wasserwacht von 1978: Ein Ruderboot.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Seit 60 Jahren beschützt die Glonner Wasserwacht Schwimmer im Kastensee. Erinnerungen an eine Zeit, wo Gewässer für viele Menschen eine große Gefahr waren.

Von Anja Blum

Was gibt es Schöneres, als den Sommer am See zu genießen? Sich einfach die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen oder im Schatten ein Buch zu lesen, ein Eis zu schlecken und sich im Wasser zu erfrischen? Doch so ein Badetag birgt auch allerhand Risiken - an Wasser wie an Land.

Ob beim Schwimmen plötzlich der Kreislauf versagt oder eine Scherbe im Fuß steckt, die Gefahren sind nicht zu unterschätzen. Dass beim Baden trotzdem vergleichsweise wenig passiert, haben die Menschen im Landkreis der Wasserwacht des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) zu verdanken, vier Ortsgruppen gibt es derzeit. Und eine davon, die aus Glonn nämlich, feiert Ende Mai bereits ihren 60. Geburtstag.

Wer meint, die Mitglieder der Wasserwacht seien halt so eine Art Bademeister, trifft die Sache nicht ganz. Zwar beobachten die Ehrenamtlichen auch das Geschehen im und am Wasser, um in Notfällen aller Art eingreifen zu können. Schließlich war Leben zu retten schon 1957 der Ansporn für vier Jugendliche, die Glonner Wasserwacht zu gründen. "Damals konnten noch sehr wenige Menschen schwimmen, da gab es viele Unfälle", erklärt Herbert Hofmayer, der selbst seit 1965 bei der Wasserwacht ist und eine dicke Chronik für die Ortsgruppe erarbeitet hat. "Freude am Retten und Spaß am Sport" laute heute wie damals das Motto.

60 Jahre Wasserwacht Glonn

Drei Burschen bei der Leistungsscheinabnahme 1957.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Doch im Laufe der Jahrzehnte hat sich das Aufgabenspektrum der Wasserwacht um viele Facetten erweitert, von denen Außenstehende wohl oft nichts ahnen. Neues kam und kommt immer wieder hinzu, weil einerseits die offiziellen Ansprüche an Kompetenzen, Ausrüstung und Bürokratie steigen, aber auch, weil die Ehrenamtlichen ihr Engagement für Mensch und Natur sehr ernst nehmen.

Jede Woche Training

Jede Woche trainieren die Glonner Wasserwachtler, um in Form zu bleiben für die anstrengenden Rettungen. Ihre drei Einsatzorte sind der Kastensee, das Freibad an der Wiesmühle und das Hallenbad. Doch nicht nur körperlich, auch geistig wird den Ehrenamtlichen einiges abverlangt: Sie müssen medizinisch bewandert sein, aber auch in Sachen Umwelt.

Denn zu ihren Aufgaben gehört nicht nur die Erste Hilfe, sondern auch die "Naturschutzstreife": Am idyllischen Kastensee geben sie zum Beispiel acht, dass niemand das Ufer gegenüber des Bades betritt, sich dort keiner niederlässt oder gar ein Lagerfeuer entzündet. Auf dem Programm der Ortsgruppe stehen daher regelmäßig Fortbildungen. Und seit einigen Jahren stellt die Jugend bei Wettbewerben auf Kreis- und Bezirksebene ihr Können unter Beweis. Auch hier sind drei Disziplinen gefragt: Rettungsschwimmen, Erste Hilfe und Naturschutz.

Dass den Rettungsschwimmern die Umwelt am Herzen liegt, wird auch in ihren Erzählungen deutlich: "Bei dem großen Hagel 1984 sind ein paar riesige Bäume in den See gestürzt, das hat richtig weh getan", sagt Hans Saummüller und erinnert daran, dass es sich bei dem Gewässer um einen Toteiskessel handelt. Der 79-Jährige, der seit 1962 bei der Wasserwacht ist, hat ohnehin noch ganz andere Erinnerungen an den Kastensee. Zwei Attraktionen habe es dort früher gegeben: ein Karussell für Wasserskifahrer und ein schwimmendes Moor. Dort, im hinteren Bereich des Sees, habe man richtige Moorbäder nehmen und von Loch zu Loch tauchen können, erzählt er, "das war toll."

60 Jahre Wasserwacht Glonn

Drei aktuell Aktive: Herbert Hofmayer, Sonja Reiser und Hans Saummüller.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Doch beides, Karussell und Moorbad, wurde später wegen zu großer Risiken verboten. "Die Jugendlichen haben irgendwann angefangen, mit Matsch um sich zu werfen, so dass es teils zu Erblindungen kam", erinnert sich Hofmayer. Durch das Betretungsverbot aber verfestigte sich das schwimmende Biotop schließlich immer mehr. "Es wurde geschützt und dadurch zerstört", sagt Saummüller voller Bedauern. Trotzdem befänden sich heute "viele seltenste Pflanzen und Tiere" am unzugänglichen Ufer des Sees, so dass das Verbot durchaus sinnvoll sei. Den Rettern ebenfalls noch sehr gut vor Augen ist das Hochwasser von 2002: "Da schwammen fette Karpfen über die Wiese."

Anfangs gab es nur zwei primitive Hütten

Im Fokus der Wasserwacht aber steht freilich der Mensch. "Ich erinnere mich an einen Streit mit dem Pfarrer", sagt Saummüller, "der hat sich beschwert, wenn wir Jungs sonntags nicht in die Messe kamen. Dabei ist das, was wir machen, ebenfalls Dienst am Menschen." Die Glonner bieten auch für Externe Schwimm- und Erste-Hilfe-Kurse an, schließlich ist es das Beste, wenn jeder sich über Wasser halten und im Notfall anderen helfen kann. Darüber hinaus veranstaltet die Wasserwacht seit zehn Jahren regelmäßig eine "Hallenbaddisco" und jeden Sommer einen Mini-Triathlon.

Die Heimat der Ortsgruppe ist und bleibt aber der Kastensee. In zwei Umkleiden hatte sie dort anfangs gehaust, "das war ganz primitiv", sagt Saummüller. Doch bis es besser wurde, dauerte es. Mal stand bei einer Überschwemmung das Heim der Retter unter Wasser, ein andermal musste die Hütte abgerissen werden, weil sie aus Versehen ein wenig auf dem falschen Grund gebaut war, dann gab es nur einen Bauwagen. Erst im Jahr 1999 konnten die Ehrenamtlichen eine ordentliche Hütte auf dem Gelände des Freibads errichten. Für ihre Schulungen nutzen sie das zum BRK-Quartier umfunktionierte Lena-Christ-Stüberl in Glonn.

Viel verändert hat sich auch bei der Ausrüstung: Zu Beginn standen den Rettern nur Schwimmbrett, Flossen und Taucherbrille für die Bergung zur Verfügung. Im Jahr 1960 dann gab es das erste Tauchgerät, mit dem man eine halbe Stunde lang bis zu zehn Meter tief unter Wasser gehen konnte. Das bis heute erste und einzige Motorboot im Landkreis kam 1987 hinzu.

Im selben Jahr begannen die Ehrenamtlichen, Kindern das Schwimmen beizubringen. "Die heutigen Vorstände haben das alle bei uns gelernt", freut sich Saummüller. Zum Beispiel auch die Ortsgruppenchefin Sonja Reiser, deren vierköpfige Familie komplett bei der Wasserwacht aktiv ist. Die Mitgliederzahl pendle bereits seit Mitte der 70er Jahre immer so um die 40, sagt Herbert Hofmayer. Seit Kurzem geht es aber steil bergauf, weil die Jugend stark vertreten sei. Derzeit zähle man deshalb sogar etwa hundert Mitglieder.

Einmal war die Ortsgruppe ernsthaft in Gefahr

Ernsthaft in Gefahr sei das Bestehen der Ortsgruppe nur einmal gewesen, so der Chronist: vor vier Jahren, als die Glonner in einem Bürgerentscheid über Schließung oder Sanierung ihres Hallenbads abstimmten. "Das war ein schwerer Schock", sagt Hofmayer, "da stand unsere Existenz auf der Kippe". Denn ohne Bad wären das regelmäßige Training und vor allem die Jugendarbeit kaum aufrecht zu erhalten gewesen. Deswegen investierten die Ehrenamtlichen viel Geld und Zeit in die Zukunft des Hallenbads - mit Erfolg. Heute erstrahlt die Sportstätte in neuem Glanz.

Ihre ureigensten Verdienste aber tragen die Wasserwachtler nicht gerne vor sich her. Auf die Frage, was es für Ehrenamtliche bedeutet, Ertrinkende aus dem Wasser zu ziehen, reagieren sie recht einsilbig. Dabei sind Situationen wie "ein Orkan, eine schwarze Wand, die plötzlich aufzog" und mehrere Menschen in Gefahr brachte, alles andere als ein Kinderspiel. Wie viele Menschenleben bereits gerettet wurden? "Das weiß man nie genau, denn wenn der Notarzt die Person mitnimmt, erfahren wir nur sehr selten, wie die Sache ausgegangen ist", sagt Hofmayr, der laut Reiser "am allermeisten gerettet" hat. Bis heute hält der 66-Jährige Wache am Wasser.

Deutlichere Worte finden die Rettungsschwimmer hingegen beim Thema Anerkennung, denn daran scheint es zu hapern: "Ich glaube, vielen ist gar nicht bewusst, dass wir kein Geld für unsere Wache bekommen", sagt Reiser, nur so könne sie sich manch dummen Spruch wie "Na, auch schon aufgestanden?" erklären. Und selbst von den Menschen, denen man geholfen habe, bedankten sich nur wenige, sagt Hofmayr.

Zu diesem Kapitel gehört aber auch der Umgang der Gemeinde mit den Rettern: Seit Jahren wünscht sich das gesamte BRK in Glonn ein eigenes Heim, doch außer Willensbekundungen und provisorischer Abhilfe ist bislang nichts passiert. "Ja, endlich mehr Platz zu haben für unsere Kurse und Sachen, das wäre schon schön", sagt Reiser. Bislang lagere nämlich vieles bei den Mitgliedern daheim.

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