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Ebersberg:Der Klang der Hoffnung

Seit zwei Jahren hängt in der Strahlentherapie des Klinikums Großhadern eine Schiffsglocke. Wer sie läutet, hat die Behandlung dort erfolgreich beendet - und gibt anderen Patienten neuen Mut

Der Theologe Johann Michael Sailer hat in einer Glocke nichts anderes als etwas Göttliches gesehen. Etwas, was dem Menschen durch seinen Klang die Verbindung zum Vollendeten ermöglicht, das im Alltag gänzlich verloren gegangen sei. Man muss nicht diese theologisch-romantische Ansicht teilen, um zu sagen: Glockenklänge haben eine besondere Wirkung auf die Zuhörer. Das gilt nicht nur für die Kirchenglocken zu Weihnachten: In München und im Umland gibt es viele weltliche Glocken mit einem besonderen Zauber und einer besonderen Geschichte. Die SZ stellt einige von ihnen in einer kleinen Serie bis Silvester vor.

Die kleine goldschimmernde Schiffsglocke wurde an einem Novemberabend 2013 an die Wand gedübelt. Nicht zu hoch, denn die Patienten sollen das Glockenseil erreichen können. Dann wenn sie im Bett von der letzten, der abschließenden Behandlung in der Strahlentherapie des Klinikums Großhadern zurückgefahren werden, dann sollen sie die "Abschluss-Glocke" läuten: um alle in Hörweite daran teilhaben zu lassen, dass ihre Behandlung vorbei ist.

"Das Läuten löst nicht nur im Wartezimmer etwas aus", sagt die stellvertretende Direktorin Ute Ganswindt. "Es löst sogar hier etwas aus." Sie schwenkt die Hand über die aufsteigenden Stuhlreihen des Besprechungsraums. Beim täglichen Konsil hören die Ärzte und alle Mitarbeiter der Abteilung die Glocke durch die Wand, "manchmal sehr euphorisch, manchmal zaghaft - aber dann folgen meist kräftigere Schläge. Und wir freuen uns hier mit."

Es ist ein weiter Weg durch das Klinikum hinab in das dritte Untergeschoss. Der Wartebereich in U3 strahlt seit einigen Monaten dank frischer grüner Farbe, farbenfrohen Stadt-Porträts und neuer Beleuchtung eine freundliche Wärme aus. Etwa 100 Krebs-Patienten werden hier täglich behandelt - fast immer zur gleichen Uhrzeit, jeder kennt schnell "seine" Leute: die Ärzte, die medizinisch-technischen Radiologieassistentinnen (MRTA), die Mitpatienten. Hier angekommen bleibt kaum Zeit in den wenigen Zeitschriften zu blättern. Bald schnarrt aus dem Lautsprecher der eigene Name samt Kabinennummer. Es geht hinauf auf den Liegetisch einer der vier Linearbeschleuniger. Die Bestrahlung des Tumorgewebes dauert nur wenige Minuten. "Wir begleiten unsere Patienten mehrere Wochen lang intensiv", sagt Ute Ganswindt. "Das ist der große Vorteil in unserer Abteilung. In der ersten Woche sind die Patienten noch in Habachtstellung, nach ein paar Tagen sehen wir sie oft schon winken. Diese schnelle Vertrautheit macht allen den Alltag leichter."

Viele fragten gleich am Anfang der Therapie nach der Bedeutung der Glocke. "Sie erzählen später, es sei für sie ein sehr positiver Moment gewesen, das Glocken-Läuten in ihrer ersten Woche erlebt zu haben. Die Glocke hat Leben in das Wartezimmer gebracht." Verschlechtere sich das Befinden während der Therapie, dann werde die Glocke besonders wichtig.

Dass es dieses Abschluss-Signal gibt, ist Susan Fleming zu verdanken. Bei der Amerikanerin aus Tennessee, die seit vielen Jahren im Isartal lebt, wurde im Spätherbst 2013 Brustkrebs diagnostiziert. Sie wusste aus dem Internet von der in amerikanischen Kliniken üblichen "radiation bell" und war erstaunt, dass in Großhadern keine hing. Weder Ute Ganswindt noch die Kollegen kannten das Ritual. Susan Fleming stöberte bei Amazon und brachte an einem Mittwoch die kleine Schiffsglocke mit. Spät am Donnerstag wurde noch die Bohrmaschine angesetzt, am Freitag konnte die kleine zierliche Frau ihren letzten Therapietag verkünden und die Glocken läuten. Sie weinte vor Glück über diesen Moment.

Richard Wallner hat die Glocke während der sechs Wochen seiner Therapie oft gehört: "Der Klang hallt lange nach. Man freut sich mit dieser Person." Mit der Glocke habe er jedes Mal sein klares Ziel vor Augen gehabt. "Sie war das Zeichen, dass ich mit dieser Prozedur fertig werde." In zwei Tagen wird er selbst läuten "und zwar kräftig". Er wird dann noch ein wenig warten - bis auch ein Mitpatient zum Glockenseil greifen kann, um mit ihm das Signal der Erleichterung und der Hoffnung zu teilen. "Einige kommen sogar extra noch einmal zurück", erzählt die Assistenzärztin Franziska Walter, "um dabei zu sein, wenn ein vertrauter Therapie-Bekannter läuten kann." Ihre Kollegin Nina Hegemann ergänzt: "Auch der Transportdienst weiß von der Glocke, aber manchmal sind sie mit dem Bett oder dem Rollstuhl schon vorne an der Aufzugtür und dann heißt es ,Halt, halt, ich muss zurück!'"

Die vielen positiven Reaktionen auf die Glocke rühren Susan Fleming sehr. Sie sagt im Rückblick: "Es war damals nicht wirklich ein schlechtes Jahr." Das liege auch an dem guten Teamgeist in U 3. Maria Lauerwald, MTRA der Abteilung, stellt fest: "Wir lachen eigentlich viel. Wer hier arbeitet, muss doch ein eher fröhliches Gemüt haben." So hört man die Glocke manchmal auch spätabends in den langen Gängen. Assistenzarzt Cornelius Maihöfer schmunzelt: "Wenn es ein sehr langer Tag war, dann läuten auch wir Kollegen mal."