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Euthanasie:Der geplante Tod

Ein Dokument des Grauens ist es, mit dessen Hilfe Bernhard Schäfer den einzigen Grafinger Fall von Euthanasie bei einem Kind recherchiert hat.

(Foto: privat)

Stadtarchivar Bernhard Schäfer stellt seine Recherchen zu einem Grafinger Fall von Kinder-Euthanasie vor. Nur sieben Jahre ist der Junge demnach alt geworden.

Eine "Behandlungsermächtigung" des "Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erforschung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" besiegelt im Juli 1944 das Schicksal eines jungen Grafingers. Gerichtet ist die monströse Anweisung sie an die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, die Lorenz D. gegen den Willen seiner Eltern betreut oder treffender: festhält. "Diese Ermächtigungen kamen einem Todesurteil gleich." Vergangenen Donnerstag hat Stadtarchivar Bernhard Schäfer seine Recherchen zu dem bislang einzigen bekannten Grafinger Fall von Kinder-Euthanasie vorgestellt.

Was für ein euphemistischer Begriff "Euthanasie" doch ist. Abgeleitet ist er aus dem griechischen "eu" - gut, richtig, leicht - und dem Wort "Thanatos", Tod; assoziiert wird mit damit ein wohliges Sterben. Vernichtung lebensunwerten Lebens trifft es jedoch besser. Die systematische Ermordung von als "unproduktiv" angesehenen Menschen, durchgeführt von jenen, deren Aufgabe es gewesen wäre, Menschenleben zu retten: Ärzten.

Der Junge wird nur sieben Jahre alt

Lorenz wird nur sieben Jahre alt. Ein gutes halbes Jahr nach der "Behandlungsermächtigung" geht in Eglfing-Haar ein Leben zu Ende, das der nationalsozialistischen Rassenideologie nicht lebenswert erschien. Geboren ist er am 20. April 1937 in Grafing. Eltern und Ärzte hätten bei dem Buben schon bald eine geistige Behinderung festgestellt, recherchierte Schäfer. Der Junge leidet an Krampfanfällen, erst im Alter von zweieinhalb Jahren lernt er das Laufen.

Im Staatlichen Gesundheitsamt Ebersberg taucht sein Name zum ersten Mal im Mai 1943 auf. Vom Alter her müsste er eingeschult werden. Doch das Amt hat Bedenken. "Nicht schulbildungsfähig" attestiert der "Amts-Fach-Ärztliche Fragebogen zur Begründung der Notwendigkeit der Anstaltspflege". "Angeborener Schwachsinn mittleren Grades", "Gemütsausprägung flach", "nur primitives sprachliches Verständnis", schreibt ein "Facharzt für Nerven- und Geisteskranke" in seinem amtsärztlichen Gutachten. Der Junge gehöre in die Anstaltspflege, schließt er.

Der Historiker schätzt die Zahl der Fälle sehr hoch ein

Die Logik der Behörden ist gnadenlos. Im November 1943 stufen sie das Kind als erbkrank ein. Damit schlagen auch alle Bemühungen der Eltern fehl, ihren Sohn wieder in die eigene Obhut zu nehmen. "Vielleicht haben sie geahnt, wo die Sache hinläuft", mutmaßte Schäfer im "Kastenwirt".

Auf etwa 130 000 Tote bezifferte der Historiker die Anzahl der Euthanasie-Opfer im Machtbereich der Nationalsozialisten. Absolut belastbar ist die Zahl nicht. Weil kaum geklärt werden kann, welche Todesfälle tatsächlich auf Krankheiten oder Behinderungen zurückzuführen sind. Und wo nachgeholfen wurde - mit Überdosen von Beruhigungsmitteln, durch gezielte Mangelernährung oder bewusste Nichtbehandlung von eigentlich behandelbaren Krankheiten.

Dahinter steckt keine zufällige Entwicklung, sondern ein perfider Plan. "Würde Deutschland jährlich eine Million Kinder bekommen und 700 000 bis 800 000 der Schwächsten beseitigen, dann würde am Ende das Ergebnis vielleicht sogar eine Kräftesteigerung sein", hatte Adolf Hitler beim Reichsparteitag im Jahr 1929 ins Mikrofon gerufen.

Der Arzt ist laut Akten nach einem bekannten Muster vorgegangen

Woran und wie der Grafinger Junge letztendlich starb, bleibt auch nach Schäfers Recherchen offen. Dass sein Tod geplant, also Mord war, dafür gäbe es eindeutige Hinweise. Schäfer zitiert den Eintrag in Lorenz' Krankenakte, der auf den 28. Januar 1945 datiert ist. "Keinerlei Fortschritte mehr. Seit einigen Tagen Husten, Temperaturen, bronchitische Geräusche über beide Lungen, vereinzelt bronchiales Atmen." Diese Art der vorauseilenden Verschleierungen seien ein bekanntes Muster. Wenige Tage später, am 1. Februar, steht in der Akte: "Exitus unter hohem Fieber".

Der Mann, der den Tod feststellt und die Nachricht zwölf Stunden später per Telegramm an die Eltern schickt, ist laut Schäfers Recherchen Dr. Gustav Eidam. Den Quellen zufolge war der Arzt bereits eineinhalb Jahre zuvor an der Einweisung des Jungen entscheidend beteiligt. Nach der Kapitulation in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, wählte er dort den Freitod.