Bundestagswahl im Kreis Ebersberg:Den Chef duzen, macht 70 Wochenstunden nicht besser

Home Office, schnelles Internet, Frauenquote: Die Bundestagskandidaten der CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke diskutieren - mit unterschiedlichem Fokus und Tatendrang.

Von Johannes Korsche, Ebersberg/Erding

Am Ende des Abends wollte Eva Maria Volland noch was sagen, als Gastgeberin und Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) war das ja auch ihr gutes Recht. "Wir müssen den Streit wieder bisschen mehr pflegen", gab sie den fünf Bundestagskandidaten der Parteien mit Fraktionen im Bundesparlament - mit Ausnahme der AfD - mit auf den Weg. Die waren am Mittwochabend zum ersten Mal gemeinsam auf einem - wenn auch digitalen - Podium. Thema: Zukunft der Arbeitswelt. Kontrovers ging es beim Hauptthema, dem Home-Office, zwar nicht wirklich zu. Dafür aber bei der Frauenquote und dem Ausbau von schnellem Internet.

Da nämlich gab es durchaus unterschiedliche Ansichten darüber, wie schnell das schnelle Internet tatsächlich in den Gemeinden ankommt. Der aktuelle Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz (CSU) betonte, dass in den vergangenen vier Jahren schon viel passiert und etwa 30 Millionen Euro Fördergelder in den Wahlkreis geflossen seien. Aber, und da griff Lenz ein beliebtes Bild der CSU auf, schnelles Internet müsse "an jeder Milchkanne" ankommen. Sein Herausforderer von den Grünen, Christoph Lochmüller, sah das anders.

Grund zur Zufriedenheit? Nein. Er sprach gar vom "Glasfaser-Fiasko", das er nun schon drei Mal erlebt habe. In seinem Betrieb, der in Feldkirchen Aufzüge baut, "haben wir fünf Jahre gebraucht, um zwei Werke miteinander zu verbinden". Nicht etwa, weil er sich nicht um die Anschlüsse gekümmert habe, sondern weil die Leitung keine schnelle Verbindung zugelassen habe. In seinem Haus habe es ein Jahr gedauert, bis es mit der schnellen Leitung geklappt habe - und an der Schule seiner Kinder: "Die hatten keine Infrastruktur." Damals als Corona losging.

Wie der Modernisierungsstau und die auch im europäischen Vergleich hohen Internetkosten zu beheben sein könnten, da könnten die Ideen anders kaum sein. Lenz glaubt an den Wettbewerb. Erst wenn der versage, wolle er regulierend eingreifen. Ganz am anderen Ende des Spektrums zeigten sich die Herausforderer. Für SPD-Kandidatin Magdalena Wagner, 29, Mathematiklehrerin und Schulpsychologin, ist "Internet ein Teil der Daseinsvorsorge". Und somit staatliche Aufgabe. Nicht jeder Anbieter solle sein eigenes Netz aufbauen. Auch für den Kandidaten der Linken, den 39-jährigen Software-Entwickler Tobias Boegelein, gehört die Infrastruktur des Internets in die öffentliche Hand.

Beim Home-Office ging es nicht ganz so kontrovers zu. Der Tenor: Einerseits sei das Arbeiten von zuhause aus eine große Erleichterung für den Einzelnen, der sich den teils langen Arbeitsweg spare. Andererseits, bestehe die Gefahr der vollkommen Entgrenzung zwischen Arbeits- und Freizeit. Bei den Lösungen für diese Gefahren wiederum schlug jeder einen eigenen Weg vor. FDP-Bewerber Marc Salih, ein 46-jähriger Polizeioberkommissar, sieht im Home-Office die Chance, Menschen mit Behinderung "im ersten Arbeitsmarkt zu stärken".

Allerdings sei die Gefährdungsbeurteilung auch beim Arbeitsplatz zuhause durchzusetzen. Vereinfacht gesagt, soll der demnach genauso gut ausgestattet sein, wie der Arbeitsplatz im Büro: Ergonomische Stühle, großes Display, richtiger Arbeitstisch. Salih betonte auch, dass zum Beispiel Start-ups und ihre Mitarbeiter von den flexibleren Arbeitszeiten profitieren könnten. Dann musste er weiter auf den nächsten Termin, weshalb Wagner ihre Replik nicht mehr an ihn persönlich richtete, sie sich aber trotzdem nicht verkneifen konnte: "Nur dass ich den Chef duzen kann, macht es nicht besser, wenn ich 70 Stunden die Woche arbeiten muss."

Sie plädierte, wie auch Boegelein, trotzdem für ein Recht auf Home Office, die Entscheidung müsse aber beim Arbeitnehmer liegen. Lochmüller war da zurückhaltender, er halte "von Floskeln und "ja oder nein" nichts." Es gebe auch Berufe, bei denen das schlicht nicht möglich sei, er denke da an seine Aufzugsmonteure. Auch Lenz zeigte sich "reserviert". Ein solches Recht könnte Ungerechtigkeit schaffen, schließlich könnte es nicht jeder wahrnehmen.

Wagner machte sodann noch ein andere Diskussion auf, jene um die Frauenquote in Betrieben und Führungsrollen. Dabei zeigte sich - ein weiteres Mal - eine Kluft zwischen dem Abgeordneten und seinen Herausforderern. Lenz hofft auf die Vorbildfunktionen von Frauen in Führungspositionen. Wenn das nicht ausreiche, dann sollte auch hier der Gesetzgeber eingreifen. Wann dieser Punkt erreicht sei, ließ er offen. Für Wagner ist die Quote ein "wichtiges, aber nicht das alleinige Mittel", um mehr Frauen im Beruf zu "empowern".

Ein weiterer Baustein sei, "dass man sich auch Führungspositionen teilen kann." Das ermögliche, Beruf und Familie zu vereinbaren. Lochmüller sieht in den Grünen ohnehin "die feministische Partei". Quote? Ja, keine Frage. Außerdem müssten die männlichen Seilschaften in Betrieben und an den Universitäten unterbrochen werden. Auch Boegelein ist "klar dafür". Um noch mehr Gerechtigkeit zu ermöglichen, sollten außerdem die Gehälter in den Betrieben intern offengelegt werden.

Der Kandidat der Linken markierte noch ein eigenes Thema, den Plattformkapitalismus. Bei Lieferdiensten wie Lieferando und Gorillas sehe man neue Arbeitsmodelle, die mit der digitalen Welt erst entstanden seien. Wer dort arbeite, sei in der Regel "in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis", genieße aber keinen Arbeitnehmerstatus. Das müsse sich ändern, damit auch die Fahrer der Angebote "sämtliche Rechte und Pflichten erhalten".

© SZ vom 30.07.2021/koei
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