SZ-Pflegekolumne: Auf Station, Folge 26:"Corona trifft uns mit voller Wucht. Schon wieder"

Lesezeit: 4 min

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Die Patienten erhalten zum Teil 100-prozentigen Sauerstoff - und trotzdem sind die Zustände kritisch. Es scheint, als wäre 100 Prozent immer noch nicht genug.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Julia Rettenberger und ihre Kollegen auf der Ebersberger Intensivstation stoßen an ihre Grenzen. Was sie tut, um Leben zu retten - und warum sie glaubt, dass Ungeimpfte keinen Schimmer davon haben, was bei ihnen los ist.

Protokoll: Johanna Feckl

Dieses Jahr an Halloween habe ich mich als Corona-Leugnerin verkleidet: Alu-Hut auf dem Kopf, schwarze Kleidung mit einem durchgestrichenen Corona-Virus darauf. Das mag auf manch einen zynisch wirken angesichts der vielen Neu-Infizierten und leider auch Verstorbenen, zu denen es in der vergangenen Woche gekommen ist. Ich sehe das anders. Es ist ein absolut passendes Kostüm für Halloween, dem Grusel-Fest schlechthin. Denn: Die aktuelle Situation auf der Intensiv ist schauderhaft. Eine Ursache dafür ist das Zögern vieler Menschen in Sachen Impfung - bei manchen ist es Unwissenheit, die mit Aufklärung zu beheben ist, bei anderen aber ist es bewusste Verharmlosung oder sogar Ignoranz.

Wir sind voll. Vor wenigen Tagen haben wir sieben Covid-Patienten auf der Intensiv versorgt, sechs davon am Beatmungsgerät. Sie erhalten zum Teil 100-prozentigen Sauerstoff - und trotzdem sind die Zustände kritisch. Es scheint, als wäre 100 Prozent immer noch nicht genug. Aber mehr geht nun einmal nicht. Zum Vergleich: Die normale Raumluft enthält ungefähr 21 Prozent Sauerstoff.

Von den sieben Corona-Patienten sind fünf nicht geimpft, zwei haben schwere Vorerkrankungen

Alle unsere sieben Patienten sind innerhalb von gut eineinhalb Wochen bei uns gelandet. Die ersten kamen noch aus anderen Kliniken, die keine Versorgungskapazitäten mehr hatten. Mittlerweile stammen die Patienten aber aus dem Landkreis Ebersberg. Von den sieben sind fünf nicht geimpft. Die zwei übrigen haben solch schwere Vorerkrankungen, dass ihr Immunsystem stark geschwächt ist - dann schützt eine Impfung meistens nicht so gut wie bei einem gesunden Immunsystem.

Unser derzeit jüngster Corona-Patient ist 1987 geboren. Es ist mit Abstand der jüngste, den ich in den vergangenen 21 Monaten versorgt habe. Alle werden in Einzelkabinen behandelt, weil wir noch nicht abschließend wissen, mit welcher Corona-Variante sie infiziert sind. Das bringt uns an eine räumliche Kapazitätsgrenze, denn dass die Hälfte unserer Patienten isoliert versorgt werden müssen, kommt ohne Corona eigentlich nicht vor.

Intensivpflege Fachkraft Kreisklinik Ebersberg

Die Pflegekolumne mit Julia Rettenberger.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Zu unseren sieben Corona-Patienten kommen noch sieben weitere Patienten ohne Covid hinzu, bei denen auch immer mal wieder Isolationen notwendig sind, wenn sie mit Keimerregern infiziert sind. Insgesamt also 14 Patienten, das ist in der Regel unsere Vollauslastung. Es gab auch schon Zeiträume, in denen wir mehr Betten fahren mussten, als eigentlich vorgesehen sind. Ich bin sicher, dass das im Moment in sehr vielen Krankenhäusern immer mal wieder kurzzeitig vorkommt - es geht gar nicht anders: Wenn der Rettungsdienst einen Schwerverletzten bringt, der dringend in den OP muss, dann fährt er unsere Klinik auch an - ob wir abgemeldet sind oder nicht.

Wir haben unsere personelle Auslastung erreicht

Was soll der Rettungsdienst auch anderes tun, in eine weiter entfernt liegende Klinik fahren und durch diesen zeitlichen Mehraufwand das Leben des Patienten noch mehr gefährden, als es ohnehin schon ist? Das ist keine Option. Und nach einer Operation kommt der Patient eben erst einmal zu uns auf die Intensiv. Um unsere Kapazitätsgrenze nicht dauerhaft zu übersteigen, verlegen wir unsere Patienten derzeit aber so bald es irgendwie geht in andere Kliniken oder auf die Normalstation.

Wir haben also nicht nur unsere räumliche Auslastung erreicht, sondern auch unsere personelle. Wir Pflegekräfte sind zu einem großen Teil an Isolationskabinen gebunden. Das bedeutet zum einen, dass wir als Team nicht mehr so gut zusammenarbeiten können, denn die Versorgung von Isolationspatienten isoliert auch uns. Zum anderen hat die Situation auch zur Folge, dass wir pflegerisch eine absolute Grundversorgung handhaben müssen - mehr ist nicht möglich. Vor einigen Wochen habe ich in dieser Kolumne über die Wichtigkeit und Wirksamkeit von Prophylaxen gesprochen. Aktuell ist davon kaum etwas möglich. Wir schaffen es zeitlich ja oft nicht einmal mehr, an unser Telefon zu gehen.

Ich glaube, dass Ungeimpfte keine Vorstellung davon besitzen, was bei uns auf den Intensivstationen los ist

Wir beatmen die Patienten mittels einer Maschine. Wir sedieren sie, damit sie überhaupt in der Lage sind, 16 Stunden lang in derselben Position verharrend auf dem Bauch liegen zu können. Wir wenden sie für wenige Stunden auf den Rücken - und schauen dann in aufgequollene Gesichter mit Druckstellen, die sich durch die wiederholten Bauchlagerungen nur mangelhaft vermeiden lassen. Eine solche Position ist oft notwendig, damit die Lunge ausreichend Fläche zum Gasaustausch hat - bei Rückenlage ist die Fläche geringer und der Patient kann noch schlechter atmen.

Wir geben Medikamente, mit denen wir einige Symptome so gut es geht in Schach halten. Aber im Vergleich zu anderen Krankheiten ist es nicht viel, was wir tun können. Bislang kann nur eine Impfung bei den meisten dafür sorgen, dass sie keinen solch schweren Corona-Verlauf durchleben. Ich glaube, dass Ungeimpfte keine Vorstellung davon besitzen, was bei uns auf den Intensivstationen los ist. Anders kann ich mir ihre Sorglosigkeit nicht erklären.

Corona trifft uns mit voller Wucht. Schon wieder.

Wir befinden uns in einer Abwärtsspirale. Denn nicht nur werden die aktuellen Covid-Patienten lange bei uns bleiben, etwa zwischen drei und acht Wochen. Sondern es werden wohl so schnell auch nicht weniger. Es ist erst November! Wir sind also genau dort, wo wir auf gar keinen Fall mehr hin wollten. Deshalb ist der Ärger bei uns Pflegekräften und in der Ärzteschaft groß über die vielen Ungeimpften - ihre Behandlung bei uns wäre in den meisten Fällen vermeidbar gewesen. Natürlich versorgen wir sie dennoch genauso wie alle anderen Patienten auch. Das steht ihnen zu, daran besteht kein Zweifel. Der Ärger aber bleibt.

Den vergangenen Sommer über habe ich übrigens mit reduzierter Stundenanzahl in der Klinik gearbeitet. Das haben einige meiner Kolleginnen so gemacht. Wir haben das gebraucht, um uns von den auslaugenden Wochen der dritten Welle im Frühjahr zu erholen. Kraft sammeln. Ich bin unglaublich froh, dass ich das gemacht habe, denn anders hätte ich vermutlich schon jetzt nicht mehr genügend Energiereserven. Corona trifft uns mit voller Wucht. Schon wieder.

Julia Rettenberger ist Intensivfachpflegerin. In dieser Kolumne erzählt die 27-Jährige jede Woche von ihrer Arbeit an der Kreisklinik in Ebersberg. Die gesammelten Texte finden Sie unter sueddeutsche.de/thema/Auf_Station.

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