Ebersberg:Chronisch unzufrieden

Lesezeit: 3 min

Kulturfeuer - Urban Priol

Angesichts der laufenden Ereignisse stehen dem Kabarettisten Urban Priol die Haare senkrecht zu Berge, und das Weißbier schmeckt schal.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit seinem Programm "Jetzt. Schon wieder aktueller" hält der Kabarettist Urban Priol sein Publikum sogar während der Vorstellung auf dem Laufenden. Beim Kulturfeuer in Ebersberg trifft er einen Nerv.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Damit ein Weißbier schmeckt, muss man es langsam einschenken und anschließend möglichst rasant den Schlund hinunterfließen lassen. Wenn es lang steht und schal wird, dann schmeckt ein Weißbier nämlich äußerst unschön, und das sah man Urban Priol bei seinem ersten Auftritt beim Ebersberger Kulturfeuer am Mittwochabend auch an, als er kurz vor der Pause noch einmal das Glas an den Mund setzte und daran nippte.

Geschmeckt, das gab der 55-Jährige später zu, habe es ihm überhaupt nicht. Und dennoch erfüllte das Getränk auch diesmal seinen Zweck: Wer im Alten Speicher mit einem Weißbier auf die Bühne tritt, dem verzeiht der Ebersberger Zuschauer vieles - selbst wenn man aus Unterfranken stammt und zu allem Überfluss auch noch danach klingt.

Urban Priol kann solche Bosheiten gut aushalten, er ist selber einer, der beim Austeilen stets darauf achtet, dass niemand ungeschoren davon kommt. Mit den entsprechenden Stücken hat Priol praktisch alle wichtigen Preise gewonnen, die es im deutschen Kabarett zu holen gibt - kein Wunder also, dass der Festsaal ausverkauft war.

Politischer Rundumschlag

Den Mann mit der Föhnfrisur, den viele aus der früheren ZDF-Sendung "Neues aus der Anstalt" kennen, holte im gewohnten Stil zum politischen Rundumschlag aus. Besonders hart ging er dabei mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Gericht, der Priol "ein Rückgrat wie ein Marshmallow" bescheinigte.

Weichkochen musste Priol sein Publikum nicht. Seine Pointen trafen bei den Ebersbergern auf Zuspruch, was man an der Neigung der Mundwinkel und an der Gesichtsfarbe der Zuhörer erkennen konnte. Bis kurz vor 23 Uhr zog Priol ein 150-minütiges Programm durch, was kurzweilig war, weil er penibel darauf achtet, möglichst alle paar Sekunden einen Witz unterzubringen, was ihm meist mehr und manchmal weniger gelingt. Mit dem Satz "egal wie groß die Inkompetenz ist, die Union ist dabei" löste er im Saal regelrechte Begeisterung aus - was für die allgegenwärtige Politikverdrossenheit sprechen könnte, oder aber für Priols Scharfsinn.

Priol, der seit 34 Jahren auf der Bühne steht, trifft bei seinem Publikum einen Nerv, 2007 wurde er deswegen mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Zweifelsohne ist Priol einer der ganz Großen in der deutschen Kabarettszene. Wie groß man ist, merkt man auch daran, welche Geschütze die Kritiker auffahren. In Verrissen mancher Feuilletonisten heißt es, Priols Stücken fehle die intellektuelle Tiefe, Priol betreibe unintelligentes Politiker-Bashing und Vulgärsatire.

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