Buch Otter in EbersbergHilferuf eines Buchhändlers

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Björn Hartung ist Buchhändler aus Leidenschaft – und steckt trotzdem im Übelebenskampf. 
Björn Hartung ist Buchhändler aus Leidenschaft – und steckt trotzdem im Übelebenskampf.  (Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • Björn Hartung, Inhaber der einzigen Buchhandlung in Ebersberg, steht nach einem katastrophalen Weihnachtsgeschäft kurz vor der Pleite und bittet öffentlich um Unterstützung.
  • Der 38-Jährige kämpft seit fünf Jahren mit hohen Kosten durch Ladenkauf und Krankenkassen-Nachzahlungen sowie sinkenden Einnahmen wegen demografischem Wandel und fehlender junger Kunden.
  • Sein öffentlicher Hilferuf zeigt erste Wirkung mit mehr Kunden im Januar, doch die Frage bleibt, wie lange die Unterstützung anhält.
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Der Betreiber der einzigen Buchhandlung in Ebersberg teilt seinen Kunden mit, dass er nach einem katastrophalen Weihnachtsgeschäft kurz vor der Pleite steht. Und tatsächlich läuft der Laden plötzlich besser. Die Frage ist nur: Wie lange hält die Unterstützung an?

Von Anja Blum, Ebersberg

Björn Hartung, Inhaber der einzigen Buchhandlung in der Kreisstadt Ebersberg, zitiert keinen großen Literaten, sondern den Fußballreporter Günther Koch, um seine dramatische Situation zu verdeutlichen: „Ich melde mich vom Abgrund.“ So steht es auf einem Zettel, der im Schaufenster seines Ladens hängt, und auch in einem Post, der in Ebersberg und Umgebung gerade viral geht.

Das Fortbestehen von „Buch Otter“ sei stark gefährdet, schreibt Hartung. Und bittet die Ebersberger und seine Kundschaft deswegen um Unterstützung. „Zusammen anpacken und den Buchladen retten“, steht da in großen roten Lettern. „Lassen Sie uns im Kleinen schaffen, worin die ‚große Politik‘ kläglich versagt: Unterstützung, Solidarität und ein gutes Miteinander.“ Das wünscht sich Hartung.

Was ist passiert? Vor fünf Jahren, Ende 2020, übernahm Björn Hartung die Buchhandlung am Marktplatz von seinem Vorgänger Sebastian Otter. Und er wusste, worauf er sich einließ: Der gebürtige Leipziger gehörte da bereits seit Jahren zum Team der Ebersberger Kulturinstitution. Erst als Aushilfe, später absolvierte er in ebendiesem Laden seine Lehre als Buchhändler. „Ich freue mich, bin sehr gespannt und gedenke, mit vollem Engagement das kulturelle Erbe meines Vorgängers anzutreten“, sagte Hartung beim Wechsel auf den Chefposten. Doch die Coronapandemie machte dieses Unterfangen dann nicht gerade einfach.

„Eigentlich renne ich seit fünf Jahren der Null hinterher“, fasst Hartung bei einem Besuch in der Buchhandlung seine aktuelle Situation zusammen. Klar, der ein oder andere betriebswirtschaftliche Fehler sei ihm als Neuling schon unterlaufen, gesteht er selbstkritisch, aber Misswirtschaft habe er sich nicht vorzuwerfen. Und inzwischen arbeite er oft bis an seine Grenzen. Eine Mittagspause zum Beispiel gibt es im Buch Otter schon lange nicht mehr, beim zusätzlichen Personal hat Hartung gekürzt. Doch zu welchem Lohn? „Hängen bleibt da jedenfalls nichts“, sagt der 38-Jährige. Zu groß seien die Lasten.

Ein Aushang im Schaufenster von Buch Otter in Ebersberg macht auf die dramatische Situation des Ladens aufmerksam.
Ein Aushang im Schaufenster von Buch Otter in Ebersberg macht auf die dramatische Situation des Ladens aufmerksam. (Foto: Anja Blum)

Einerseits, weil er den Laden immer noch abbezahlen müsse, aber vor allem auch, weil er sich konfrontiert sehe mit enormen Nachzahlungsforderungen seitens der Krankenkasse. „Ich bin trotz Selbständigkeit gesetzlich versichert, aber dieses System funktioniert überhaupt nicht. Wenn ich da keine Lösung finde...“, sagt Hartung. Der Satz bleibt unvollendet zwischen all den Bücherregalen hängen.

Ein Problem ist auch der demografische Wandel: Die Kunden seien meist „sehr lebenserfahren“

Die Kosten aber sind freilich nur die eine Seite, die Einnahmen die andere. Doch auch hier ist die Lage fatal, sagt der 38-Jährige. Das jüngste Weihnachtsgeschäft zum Beispiel – für den Buchhandel stets die absolute Hochsaison – sei eine Katastrophe gewesen. „Normalerweise macht man allein im November und Dezember den Umsatz von etwa fünf anderen Monaten zusammen“, erklärt Hartung. „Wenn es da Einbußen gibt, holt man das nicht mehr auf. Dann ist das ganze Jahr quasi gelaufen.“ Aber auch ganz generell habe er zu kämpfen, wegen des demografischen Wandels: „Unsere Kundinnen und Kunden sind vorwiegend sehr lebenserfahren“, sagt Hartung mit einem verschmitzten Lächeln. „Und es kommt nichts nach, bei den Jungen fehlt wahrscheinlich das Bewusstsein.“

Ein Problem, das die Politik leider noch verschärfe, sagt Hartung: „Kultur für die Jugend wird absolut ignoriert, wenn nicht sogar torpediert.“ Als Beispiel nennt der Buchhändler den Kulturpass, der schon wieder abgeschafft worden sei. Als Kleinunternehmer fühle er sich außerdem von staatlicher Seite völlig im Stich gelassen, zwischen den Mühlen zermahlen. „Obwohl ich Verantwortung übernehme, Arbeitsplätze und eine kulturelle Einrichtung biete, werde ich nicht vertreten, sondern getreten. Das schafft großes Frustpotenzial.“

Was helfen könnte? In erster Linie mehr Umsatz

Klar sei: Wenn sich nicht bald etwas ändere, werde es den einzigen Buchladen in Ebersberg bald nicht mehr geben, sagt Björn Hartung. „Und das ist keine Übertreibung oder Drohung – sondern ein Fakt.“ Was helfen könnte? „In erster Linie: mehr Umsatz“, sagt Hartung. Wer die Buchhandlung unterstützen möchte, sollte also dort einkaufen. Im Laden um die Ecke, anstatt der Bequemlichkeit wegen im Internet. Amazon, Thalia und Co. seien schließlich massiv am Untergang der kleinen inhabergeführten Buchhandlungen beteiligt, kritisiert Hartung. Regionale Geschäfte bräuchten einfach wieder viel mehr Wertschätzung.

„Ich hoffe, dass wir zusammen die Kurve bekommen und Ebersberg dieser Buchladen erhalten bleibt“, schreibt Hartung in seinem Brandbrief. Und der Aufruf scheint Wirkung zu zeigen: Zumindest an diesem Nachmittag geht die Tür des Ladens immer wieder auf, laut Hartung im Januar eher eine Seltenheit. Dicke Bestseller gehen über die Theke, Weihnachtsgutscheine wandern in den Schredder, Bestellungen werden aufgenommen. „Es sind überwältigende Reaktionen“, sagt der Inhaber, „ich erfahre eine große Bereitschaft, zu helfen“.

Offenbar sind viele Menschen schockiert vom drohenden Aus für Buch Otter. Auch das Netz ist voll mit Solidaritätsbekundungen. Die Frage ist allerdings: Wenn alle diesen Laden so sehr schätzen, weshalb steht er dann am Abgrund?

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