Energiekrise:Wie reagiert der Landkreis, wenn das Licht ausgeht?

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Energiekrise: Noch fließt ausreichend Strom durch die Leitungen, hier ein Strommast bei Poing. Doch die Kommunen bereiten sich bereits darauf vor, falls das mal nicht mehr der Fall sein sollte.

Noch fließt ausreichend Strom durch die Leitungen, hier ein Strommast bei Poing. Doch die Kommunen bereiten sich bereits darauf vor, falls das mal nicht mehr der Fall sein sollte.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Immer mehr Kommunen und Städte bereiten sich auf einen möglichen Blackout vor. So auch der Landkreis Ebersberg. Ein Notfallplan aus der Kreisstadt könnte zur Blaupause werden.

Von Sina-Maria Schweikle, Ebersberg

An der gesprengten Pipeline Nord Stream klaffen mehrere Löcher und in der Bundesrepublik kommt es zu erheblichen Verspätungen beziehungsweise Zugausfällen durch die Zerstörung wichtiger Kommunikationskabel an den Bahngleisen. In beiden Fällen handelt es sich vermutlich um Sabotage-Akte, bei denen es nicht auszuschließen ist, dass dahinter auch aus Russland gesteuerte Saboteure stehen könnten. Es sind Angriffe wie diese, die Sicherheitsexperten aktuell aufhorchen lassen und vor einem möglichen Blackout-Szenario warnen.

Der Zusammenbruch der Stromversorgung ist ein Risiko, vor dem sich auch die Kommunen im Landkreis Ebersberg schützen müssen. Entsprechend erarbeitet das für den Katastrophenfall zuständige Landratsamt Ebersberg einen Notfallplan für den Landkreis und dessen kritische Infrastruktur. "Der Notfallplan ist als Summe der einzelnen Handlungsfelder zu sehen, die ständig erweitert und aktualisiert werden", heißt es aus der Pressestelle im Landratsamt. Aus den gesammelten Daten der vergangenen Monate wurde eine Lage- und Übersichtskarte geschaffen, um im Katastrophenfall effektiver und kohärenter agieren zu können. "Wir sind gut unterwegs und im Austausch mit den Gemeinden aber auch mit Unternehmen und Tankstellen", sagt Landrat Robert Niedergesäß (CSU). Und auch mit der Staatsregierung hätte es entsprechende Gespräche gegeben. Zwar spüre man keine Nervosität vor einem Blackout, eine Anspannung sei aber erkennbar. "Man darf das gar nicht alles zu Ende denken, was ein solcher Blackout bedeuten könnte", sagt Niedergesäß. Deshalb sei der gegenseitige Austausch und eine gute Vorbereitung wichtig, auch mit Blick auf die kritischen Infrastrukturen.

Ein Aggregat könnte den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten - aber nicht unbegrenzt

Auch die Kreisklinik zählt zu der sogenannten kritischen Infrastruktur und ist auf einen Stromausfall vorbereitet. "Ein Notstromaggregat käme zum Einsatz, wenn es keinen Strom aus dem Stromnetz gibt, beziehungsweise der Strom kurzfristig ausfällt", sagt Geschäftsführer Stefan Huber. Den dafür benötigten Diesel gäbe es, die Lagerkapazitäten seien aber begrenzt. "Dieses Aggregat könnte also für einen gewissen Zeitraum den Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten - aber nicht unbegrenzt." Und auch Gemeinden und Einsatzleiter bereiten sich auf den Ernstfall vor. Denn: "Am Anfang eines solchen Blackouts wäre ein jeder erstmal sich selbst überlassen", sagt Christoph Münch, Kommandant der Ebersberger Feuerwehr.

Energiekrise: Feuerwehrkommandant Christoph Münch hat einen Notfallplan für den Fall eines sogenannten Blackouts erarbeitet.

Feuerwehrkommandant Christoph Münch hat einen Notfallplan für den Fall eines sogenannten Blackouts erarbeitet.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Schon seit Ausbruch des Ukrainekrieges ist sich Münch bewusst, dass das Szenario einer Energieknappheit oder gar eines anhaltenden flächendeckenden Stromausfalls eines ist, das auch die Stadt Ebersberg treffen könnte. Deshalb sammelt er Informationen rund um das Thema und hat daraus eine Liste erstellt, aus der hervorgehen soll, wie man als Einzelner aber auch als Stadt auf eine solche Situation reagieren kann und soll. "Im Falle eines langanhaltenden Stromausfalls ist wichtig, dass der Bevölkerung eine Anlaufstelle zur Verfügung steht, um etwa die Kommunikation im Krisenfall sicherzustellen", erklärt Christoph Münch.

Der Plan, den er gemeinsam mit seinen Kollegen von der Freiwilligen Feuerwehr Ebersberg und Bürgermeister Ulrich Proske (parteilos) konkretisiert und fertiggestellt hat, könnte nun zu einer Art Blaupause für den Landkreis werden. "Langsam scheint es Druck am Landratsamt seitens der Bürgermeister zu geben, die Informationen wollen, wie man mit dem Thema am besten umgeht", sagt Münch. Dafür sei der Ebersberger Plan gut geeignet. Das Dokument, das durch die vielen Entwicklungen der vergangenen Monate immer weitergewachsen ist, enthalte Münch zufolge wichtige Informationen. Ein Aspekt für die Feuerwehren ist beispielsweise, wie sich diese im Katastrophenfall am besten einen Lageüberblick verschaffen können (etwa mit einer Drehleiter in der Nacht, um zu sehen, wie weitreichend der Stromausfall ist). Das Blatt enthalte auch einen Überblick, welche Folgen bei einem langanhaltenden Stromausfall folgen können (Brände durch Heizstellen mit Feuer). Und es beschreibt, vor welchen Herausforderungen die Landwirtschaft in einem solchen Fall steht und wie ihnen geholfen werden kann (Ausfall der Melk- und Fütterungsanlagen). "Dass wir uns auf dieses Szenario vorbereiten, ist natürlich ein schmaler Grat zwischen Panikmache und Information", sagt Christoph Münch. Es sei aber wichtig, die Bürger darauf einzustellen und ihnen zu zeigen, dass man vorbereitet ist als Stadt und dass man sich seine Informationen nicht aus dem Internet ziehen müsste, was oft zu Desinformation und letztlich unbegründeter Angst führe. "Krisenkommunikation beginnt schon vor der Krise", sagt Münch.

Der Notfallplan aus Ebersberg diente als Vorlage im Markt Kirchseeon

Ein Bürgermeister, der den Plan der Ebersberger gerne als Vorlage übernommen hat, ist der Kirchseeoner Rathauschef Jan Paeplow (CSU). Auf Grundlage dessen habe man mittlerweile Gespräche mit der Feuerwehr aber auch mit den Wasserwerken geführt, damit die Bürgerinnen und Bürger im Ernstfall mit - zumindest kaltem - Wasser versorgt werden können. Auch habe man die Notstromaggregate getestet und entsprechend der Ergebnisse nachgerüstet. Während man am Rathaus eine zentrale Anlaufstelle für die Gemeindemitglieder errichten könnte, wo sich diese informieren, sich wärmen, aber auch Notrufe absetzen könne, müsse man bei der IT innerhalb der Verwaltung noch nachjustieren, sagt Paeplow. Während man für diese nach Lösungen sucht, bleibt man in Kirchseeon aber nicht untätig.

Energiekrise: Bürgermeister Jan Paeplow nutzt den Ebersberger Plan als Blaupause.

Bürgermeister Jan Paeplow nutzt den Ebersberger Plan als Blaupause.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Satellitentelefone wurden bestellt, Sirenen auf Batteriebetrieb umgestellt, Dieselvorräte angelegt und mit der ATSV-Halle hat man sich auf eine Notfallunterkunft geeinigt, "doch wenn wir die Menschen hier unterbringen müssen, dann befinden wir uns bereits in einem ernsten Katastrophenfall", erklärt Paeplow. Am Ende, so rät er, dürfe man in einem solchen Fall nicht in Panik geraten und solle überprüfen, aus welchen Quellen man seine Informationen bezieht. In Kirchseeon sei man, zumindest in der Theorie, den Krisenfall bereits durchgegangen und hat die Pläne durchgespielt, sodass eine reibungslose Kommunikation gewährleistet sein dürfte.

Dauert ein Stromausfall länger als acht Stunden, könnte es kritisch werden

Dass dieser gerade in Ebersberg entstand und dort auch im Rathaus auf offene Ohren gestoßen ist, liegt nicht zuletzt an der Verbindung zwischen Rathaus und Feuerwehr. "Ich war selbst 24 Jahre lang Feuerwehrkommandant und kenne Krisensituationen - da blickt man anders auf Entwicklungen wie die Ukraine und denkt vielleicht an vieles, das andere noch nicht sehen können", sagt Bürgermeister Ulrich Proske. Daher habe man in Ebersberg schon lange Pläne in den Schubladen, die sich mit langanhaltenden Stromausfällen beschäftigen, aber auch rund um die Wasserversorgung. Als Geschäftsleiter Erik Ipsen den Notfallplan von Christoph Münch vorgelegt bekam, leitete er ihn weiter an das Landratsamt.

Damit im Ernstfall auch alles sitzt und funktioniert hat man für einen Blackout zumindest die Telefonketten schon getestet. "Stromausfälle gibt es ja immer mal wieder", sagt Proske. Und Münch ergänzt, dass man erst kürzlich in Steinhöring einen einstündigen Stromausfall wegen eines Baumes auf der Leitung hatte. Bei einem Stromausfall wie diesem, der nur ein bis zwei Stunden andauert, wäre das erträglich und überschaubar für die Bürgerinnen und Bürger - ab acht Stunden jedoch würde die Sache kritisch. "Dann können die Menschen nicht mehr einkaufen. Nicht mehr tanken. Und auch das Rathaus ist nicht mehr erreichbar, da das Kommunikationsnetz ausfällt", so Proske.

Energiekrise: Der Ebersberger Bürgermeister Ulrich Proske war selbst Feuerwehrkommandant und begrüßt den Notfallplan.

Der Ebersberger Bürgermeister Ulrich Proske war selbst Feuerwehrkommandant und begrüßt den Notfallplan.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Und genau darin liege ein großes Problem. Denn die Erfahrung habe auch gezeigt, dass solche Anlaufstellen wichtig sind, um die Menschen zu beruhigen und zu informieren. Überhaupt käme es dann nach einiger Zeit zu Problemen in der Nahrungsversorgung, sagt der Ebersberger Bürgermeister. Für das Rathaus gibt es ein gemietetes Notstromaggregat, das im Ernstfall die Verwaltung am Laufen halten kann, aber das auch die Bürgerinnen und Bürger nutzen könnten, um sich vor Ort aufzuwärmen oder Wasser zu kochen.

"Einen Notfallplan für 25 000 Einwohner zu erstellen, ist eine sportliche Leistung"

Während Städte und Gemeinden wie Ebersberg und Kirchseeon bereits konkrete Konzepte ausgearbeitet haben, sind in anderen Rathäusern noch Arbeitsgruppen tätig. "Einen Notfallplan für 25 000 Einwohner zu erstellen, ist eine sportliche Leistung", sagt Leonhard Spitzauer (CSU). Bereits seit Mai beschäftigt er sich innerhalb einer Arbeitsgruppe mit dem Thema Blackout. Um einen funktionierenden Plan zu entwickeln, arbeite man eng mit dem Landratsamt zusammen. Notstromaggregate gäbe es in der Gemeinde, so Spitzauer - "aber natürlich wünscht man sich heute, dass man mehr davon zur Verfügung hätte", sagt der Bürgermeister.

"So kam die Frage, ob man den Ebersberger Notfallplan nicht nur als Blaupause für die Gemeinden nutzen kann, sondern ihn letztlich zur Grundlage für einen gemeinsamen Workshop der Gemeinden macht", erinnert sich Feuerwehrkommandant Münch. Damit möglichst alle Gemeinden im Landkreis auf einen Krisenfall vorbereitet sind, wird es Anfang November nun eine ganztägige Veranstaltung rund um das Thema geben, in welcher Christoph Münch den ausgearbeiteten Notfallplan vorstellen wird. "Man hofft, dass es nie zu einem solchen Katastrophenfall kommt und man die ganze Arbeit umsonst gemacht hat."

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