„Wir wollen nicht die Resterampe für die Landeshauptstadt werden.“ Mit diesen durchaus drastischen Worten fasste Brigitte Keller, Leiterin der Abteilung Zentrales und Bildung, nun die jüngste Entwicklung zur geplanten Berufsschule des Landkreises zusammen. Diese steht, was das vorgesehene Fächerangebot betrifft, offenbar vor einer zumindest teilweisen Neukonzeptionierung. Oder, wie Keller es ausdrückte: „Wir müssen updaten und aktualisieren, damit wir Berufe mit Zukunft ausbilden.“
Der derzeitige Plan stammt aus dem Jahr 2017, als sich Vertreter der IHK und des Handwerks sowie der Regierung von Oberbayern und des Kultusministeriums auf das Angebot einigten. Demnach sollten insgesamt rund 2500 junge Leute in der in Grafing-Bahnhof geplanten Schule unter anderem in den Fächern Kfz-Mechatronik, Zahnmedizin sowie Fachinformatik, außerdem Einzel-, Groß- und Außenhandel sowie Lagerlogistik unterrichtet werden. „Wer weiß, ob man in zehn Jahren noch Lagerlogistiker braucht, oder ob das dann Roboter und KI alleine machen“, sagte Keller nun.
Derzeit sei man mit dem Kultusministerium und dem Digitalministerium im Gespräch, wie das Fächerangebot in Grafing-Bahnhof genau aussehen könnte, so Keller weiter. Ziel sei, dass dort ein „digitaler Leuchtturm“ entstehe – und eben keine „Resterampe“, also Fächer angeboten würden, die in München keine andere Schule haben wolle.
Die Fächerplanung soll im Rahmen der sogenannten „Leistungsphase Null“ erfolgen, auf die sich der Kreistag vergangenes Jahr geeinigt hatte. Demnach werden die beiden großen Schulprojekte des Landkreises – das Poinger Gymnasium und eben die Berufsschule – von einem Projektsteuerer auf Linie gebracht, Ziel ist vor allem, die Kosten von je rund 100 Millionen Euro zu drücken.
Selbstverständlich sei das Angebot in der Berufsschule „kein Wunschkonzert“ für die Politik, so Landrat Robert Niedergesäß (CSU). Darüber, welche Fächer es letztlich in Grafing-Bahnhof geben wird und welche dort sinnvoll sind, habe man schließlich zusammen mit Kultusministerium und IHK beraten. Aber, so Niedergesäß weiter „es muss einer Revision unterzogen werden“.
Hintergrund ist ein Antrag der SPD-Fraktion im Kreistag, wonach geprüft werden soll, einige Fachbereiche im Berufsbildungswerk St. Zeno in Kirchseeon anzusiedeln. Damit, so führte es Kreisrätin Ursula Bittner in der Sitzung aus, könne eine zeitnahe Umsetzung zumindest eines Teils der Berufsschule erreicht werden. Außerdem seien in Kirchseeon wichtige Schuleinrichtungen wie Mensa, Sportplatz und Turnhalle bereits vorhanden, sagte Bittner. Außerdem, zumindest habe sie dies im Gespräch mit Vertretern von St. Zeno erfahren, gebe es dort derzeit Leerstand sowie Freiflächen, auf denen mit geringem Aufwand eine Bebauung möglich wäre: „Wenn man das Schlagwort Nachhaltigkeit wirklich ernst nimmt, ist es sinnvoll, Räume zu nutzen, die es schon gibt.“
Die SPD schlägt deshalb eine thematische Trennung der Ausbildungen vor: Die technischen Berufe sollen in Grafing-Bahnhof unterrichtet werden, „Fachbereiche aus dem sozialen Feld und dem Gesundheitssektor“ dagegen in Kirchseeon. Gerade vor dem Hintergrund der Personalprobleme im Pflegebereich könnte dies sinnvoll sein, so Bittner weiter: „Man könnte im Grunde dort sofort anfangen und etwas gegen die Misere unternehmen.“
Einige Forderungen der Antragsteller würden ohnehin umgesetzt, so der Landrat
Teilweise sei dies ohnehin schon geschehen, entgegnete Niedergesäß, etwa indem in St. Zeno vergangenes Jahr die Berufsfachschule für Kinderpflege eingerichtet wurde. Diese Ausbildung war in der ersten Version des Konzeptes noch in Grafing-Bahnhof angesiedelt. Zudem werde voraussichtlich im Oktober der Kreistag über die ebenfalls schon länger geplante Fachakademie für Sozialpädagogik entscheiden, die auch nach St. Zeno soll. Nachdem der erste Anlauf, diese zusammen mit den Johannitern umzusetzen, an förderrechtlichen Bestimmungen gescheitert war, solle der Landkreis nun selbst die Trägerschaft übernehmen, kündigte Niedergesäß an.
Was die Frage nach fehlendem Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen betrifft, „das wurde ja schon ausgiebig diskutiert“, so der Landrat. Denn nicht lange zuvor hatte seine eigene Fraktion einen Antrag mit ähnlicher Zielrichtung eingebracht: Eine Krankenpflegehelferschule für den Landkreis Ebersberg sollte eingerichtet werden. Jochen Specht, im Landratsamt zuständig für Sozialplanung und Demografie, wiederholte daher auch im Wesentlichen seine Aussagen von Anfang des Jahres: Kern des Problems sei nicht der Mangel an Pflegeschulen, sondern an Pflegeschülern – und auch an Lehrern. Letzteres könnte sich sogar noch verschärfen, sollte eine weitere Schule aufmachen und mit den anderen um Personal konkurrieren.
Trotzdem sei es „doch niemals verkehrt, zu prüfen, wo es Räume gibt, in denen Ausbildung stattfinden kann“, sagte Marlene Ottinger (ÖDP), sie unterstütze daher den Antrag. Genau wie Grünen-Kreisrat Reinhard Oellerer, er sagte, es sei doch „sinnvoll, vorhandene Möglichkeiten zu nutzen“. Gerade vor dem Hintergrund, „dass wir noch gar nicht wissen, was es in Grafing-Bahnhof geben wird“, sei der SPD-Antrag „praxisorientiert“, befand Toni Ried (FW).
Gegenrede kam unter anderem von Manfred Schmidt (AfD), der erklärte, den Antrag „in Bausch und Bogen“ abzulehnen – denn er sehe sinistre Motive dahinter: Das sei „eine gefährliche Scheinlösung“, die „in die Sackgasse“ führe. Er habe nämlich die Befürchtung, dass man im Herbst das Gymnasium von der Warteliste nehme – die Berufsschule aber nicht, weil ja mit dem nun vorgelegten Antrag deren Belange als erledigt angesehen werden könnten. Im Grunde, so Schmidt weiter, sei der SPD-Antrag „ein Trojanisches Pferd“.
Seitens der CSU kam zwar auch Ablehnung, aber aus anderen Gründen: Er könne die Idee dahinter gut nachvollziehen, meinte etwa Piet Mayr, „aber es doppelt sich“. Wenn die Verwaltung ohnehin schon mit dem Kultusministerium darüber im Gespräch sei, welche Zweige sinnvoll seien, müsse dies doch nicht in Ebersberg extra geprüft werden. Dieser Auffassung ist man auch im Landratsamt: „Ich meine, der Antrag ist entbehrlich“, so Niedergesäß. Das sah am Ende auch eine knappe Mehrheit im Ausschuss so, mit acht zu sechs Stimmen wurde der Antrag abgelehnt.




