EBE-Jazz:Die Jazz-Größen der 1970er beim Festival in Ebersberg

50 Jahre Enja Jazzlabel - KVE Ausstellung

Für Nadja Weber sind die Plattencover aus den frühen Enja-Zeiten wie für andere Menschen Fotos aus ihrer Kindheit.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Zu Hause bei den Gründern des Münchner Musik-Labels Enja gingen sie vor 50 Jahren ein und aus. Eine Ausstellung wie eine Zeitreise.

Von Alexandra Leuthner

Man mag sich das so vorstellen: Eine Münchner Wohnung, Anfang, Mitte der 70er Jahre, Männer in Schlaghosen, die Hemden eng, die Krägen groß, Mädchen mit sehr kurzen Röcken, die Tapeten wahrscheinlich psychedelisch gemustert in Orangetönen. Ein und aus gehen Musiker, die Kippe im Mundwinkel, den Gitarren- oder Trompetenkoffer unter dem Arm. Der ungarische Gitarrist Attila Zoller ist einer von ihnen, ein anderer Mal Waldron oder Tommy Flanagan.

Die beiden Jazz-Pianisten und der Gitarrist gehörten zum Freundes- und Bekanntenkreis der Enja-Gründer Matthias Winckelmann und Horst Weber. Vielleicht hatte Flanagan seine Pfeife zwischen den Lippen, so wie auf dem Cover seiner 1977 bei Enja-Records erschienenen LP "Eclypso". Ganz sicher aber trug er eine Mütze auf dem Kopf. Die habe er nie abgenommen, um seine Tonsur zu verbergen, erzählt Nadja Weber, "er ließ sich auch nur mit Mütze fotografieren". Nadja Weber - auch sie trägt eine wollene Mütze zu ihrem langen Mantel an einem kühlen Oktobertag - läuft zwischen den Wänden der Ebersberger Galerie an der Rampe hin und her.

Mal zeigt sie auf ein knallbuntes LP-Cover von Bennie Wallace, mal auf das in schlichtem Schwarz-Weiß gestaltete Motiv für Cecil Taylor Units "Dark to Themselves", und sie erzählt von den Zeiten, in denen diese Designs entstanden sind. Weber hat vor zehn Jahren die Geschäftsführung von Enja Records Horst Weber übernommen, jener Hälfte des Plattenlabels, die ihr Vater nach der Trennung von seinem Kompagnon Matthias Winckelmann weitergeführt hat. Die Freunde hatten das Label 1986 aufgespalten und in zwei Tochtergesellschaften mit unterschiedlichen Schwerpunkten überführt, beide bestehen noch immer.

Während Winckelmann, der in diesem Jahr 80 geworden ist, noch aktiv ist, hat Weber seinen Zweig der Firma an Werner Aldinger übergeben, der Enja das Sub-Level Yellowbird hinzugefügt hat. Am kommenden Samstag werden Winckelmann und Aldinger in Ebersberg im Enja-Talk über alte und neue Geschichten plaudern, und über große Namen wie John Scofield, Archie Shepp, Jazz Passengers oder Chet Baker - der bei Enja seine letzte Platte machte.

Bis Sonntag wird auch noch die Ausstellung mit Plattencovern zu sehen sein, die Nadja Weber mit Matthias Winckelmanns Sohn David aus den alten Archiven der Plattenfirma herausgesucht hat. Nadja Weber hat sie als Kind erlebt die Jahre, in denen aus dem neu gegründeten Münchner Label eine Marke wurde. "Da war jede Menge Party bei uns", erinnert sie sich, "irgendwann musste ich ins Internat, es ging einfach nicht mehr." Ihr Vater und Matthias Winckelmann, beide Jazz-Fans bis in die letzte Faser, hatten sich 1971 zusammen getan.

Das Geld für die Neugründung, 20 000 Mark, hatten sie sich geliehen

Das notwendige Geld für die Neugründung, 20 000 Mark, hatten sie sich geliehen, und sich mit dem New Yorker Jazz-Pianisten Mal Waldron gleich mal ein Schwergewicht ins Boot geholt. Aufgenommen im legendären Münchner Jazz-Club Domicile - "mein Vater stand total auf Live-Aufnahmen" - war Waldrons "Black Glory" die erste Platte, die bei Enja-Records erschien. Das Cover mit dem Porträt des Musikers ist natürlich Teil der Ausstellung. Nummeriert ist es allerdings mit den Ziffern 2004, ein Umstand, den die Tochter des Firmengründers nicht zu erklären vermag, kurios auch, dass die frühen Platten niemals ungerade Nummern trugen.

In diesem Jahr ist das Label ein halbes Jahrhundert alt geworden und hat sich schon vom ersten Künstler an nicht nur dem European New Jazz gewidmet, für den die Abkürzung Enja steht, sondern viele Jazz-Größen aus dem amerikanischen Raum produziert. Dizzie Gillespie ist darunter, oder Gene Ammons, Bennie Wallace, der mit dem Cover für "Live at the public Theater" vertreten ist, Dollar Brand alias Abdullah Ibrahim, oder auch der libanesische Oud-Spieler Rabih Abou-Khalil. Die Ausstellung könne natürlich nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus 50 Jahren Firmengeschichte zeigen, so Weber, zumal sie für die Münchner Unterfahrt konzipiert ist, wo sie von Montag, 25. Oktober, an zu sehen sein wird - und der Jazzclub weniger Wände bietet als die Ebersberger Galerie.

Und doch ist es - nicht nur für Jazzfreunde - ein Genuss, durch die kleine, aber feine Ausstellung zu streifen, und die Entwicklung der Cover-Gestaltung nachzuvollziehen. Vom schlichten Porträt der ersten Jahre, das den Künstler in den Mittelpunkt stellt - etwa bei Waldrons "Black Glory" oder Eric Dolphys "Vintage Dolphy", ändern sich die Bilder zunächst hin zu verträumten Landschaftsaufnahmen wie bei Dollar Brands "African Space Programm" - eine Straße führt hinein in den schwarz-weißen afrikanischen Busch. Walbroks "Moods" von 1979 zeigt ein Boot in einer Art sich spiegelnder Wüstenlandschaft.

Elisabeth Winckelmann, die Ehefrau des Firmengründers, hat all diese Cover gestaltet und ist mit ihren Entwürfen wohl dem Zeitgeist gefolgt - oder ihm vorausgeschritten. Es wird farbiger, geometrischer. Bei "Blues for sarka", einem 1978er-Cover für das New York Jazz Quartet , schließlich verliert sich der Fotograf zwischen den kühlen Fassaden von Manhattan - jenem New Yorker Stadtteil, in dem es in den 70er Jahren an jeder Ecke einen Plattenladen gegeben haben muss. Nadja Weber, die Thelonious Monks "Blue Talk" vom Punk weg und zum Jazz geholt hat, wird melancholisch, wenn sie daran denkt.

"In Plattenläden gehen und in Vinylcovern schmökern, "das war wie eine Überraschungskiste", ein Vergnügen, das nicht nur die CD nicht mehr so geboten habe, sondern das Spotify oder Alexa quasi unmöglich gemacht hätten. Auch bei Enja habe man der technischen Entwicklung folgen müssen, aber "ein CD-Cover hat mich noch nie dazu gebracht, eine Platte zu kaufen", sagt Weber. Ein Silberstreif am Horizont könnte sich aber nun auftun, da Plattenspieler und Vinyl von vielen Musikfreunden doch wieder aus der Versenkung geholt werden. Zur Freude von Geschäftsführerin Weber - nicht nur, weil die Covers besser aussehen: "Es klingt auf Vinyl viel runder als auf CD." Zum ersten Mal seit vielen Jahren bringt Enja-Records folgerichtig demnächst wieder eine richtige Schallplatte auf den Markt.

Ausstellung: Plattencover von Enja, Studio an der Rampe, Klosterbauhof Ebersberg, geöffnet an diesem Freitag, 15. Oktober, von 18.30 bis 19.30 Uhr, am Samstag, 16. Oktober, 14 bis 18 Uhr und Sonntag, 17. Oktober, 11 bis 12 sowie 14 bis 18 Uhr. "Enja-Talk" am Samstag, um 17 Uhr.

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