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Ebersberg:Nach Angriff auf Döner-Imbiss: Besuch bei einem, der weitermacht

Chef Mohammed Ghariby (links) steht trotz des Angriffs weiter in seinem Dönerimbiss.

(Foto: Christian Endt)
  • Vor einem Jahr wird der Dönerladen von Mohammed Gharibyar in Ebersberg von jungen Männern zertrümmert.
  • Es war die schlimmste fremdenfeindliche Gewalttat, die es in den letzten Jahren in der Region in und um München gab.
  • Der Afghane lässt sich nicht einschüchtern und steht wieder an der Theke.

Als nur noch die Glasreste im Türrahmen hingen, da kam ein Schreiner und setzte ein Provisorium ein. Die Holztür hing einige Wochen im Scharnier und erfüllte notdürftig ihren Zweck. Dann war die Scheibe repariert und Mohammed Gharibyar setzte die alte Tür wieder ein. Von außen sieht der Dönerladen am Ebersberger Bahnhof seither wieder aus wie vor dem 25. September 2015, als dort so vieles zerbrach.

Mohammed Gharibyar, steht in seiner Küche und putzt Salat. Er trägt die gleiche schwarze Kluft wie immer, die, mit dem "Royal-Döner"-Aufdruck an der Schulter. Gharibyar hat Schweißperlen auf der Stirn, es riecht nach Bratfett und frischem Gemüse. Der 42-Jährige erinnert sich, wie er vor einem Jahr hier stand, genau wie jetzt, über seine Küche gebeugt, als erst die Glastür klirrte und dann die Männer mit dem Baseballschläger auftauchten und seine Vitrine zertrümmerten. Dort, wo jetzt wieder die Nachspeisen auf einem Tablett angerichtet sind, vermischten sich an diesem Abend die Börek-Häppchen mit Glasstücken. Was passiert ist, ist passiert, sagt er.

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Ein Jahr ist vergangen, seit dem Überfall auf Gharibyars Imbissladen, einer ganz normalen Dönerbude, an der Endstation der S4, die aus München kommt. Unter dem Torbogen, der Verbindung zwischen dem Bahnsteig und dem Ebersberger Stadtzentrum, wurde Mohammed Gharibyar aus Afghanistan vor zwölf Monaten Opfer eines Gewaltakts von Rechtsextremen - der schlimmste, den es in den letzten Jahren in der Region in und um München gegeben hat.

Es war ein ganz normaler Freitag, einer der letzten warmen Tage des Jahres, als Gharibyar draußen die Schreie hörte. Kurz darauf ging es los, eine Frau und sieben Männer, unauffällig gekleidet, sagt Gharibyar. Ehe sie vor seiner Tür auftauchten, so stand es am nächsten Tag in allen Zeitungen, hatte die Gruppe mehrere Asylbewerber beschimpft und zwei Afghanen niedergeschlagen. Dann gingen sie durch den Torbogen und zertrümmerten Gharibyars Laden. "Es ging sehr schnell", sagt er, "fast wie in einem Film".

Die Fachstelle gegen Rechtsextremismus der Stadt München kam damals zu dem Schluss, dass im Raum Ebersberg eine organisierte rechtsextreme Szene herangewachsen ist. Ein Jahr danach spricht vieles dafür. In einer Liste der Antifaschistischen Dokumentationsstelle Aida sind etwa zehn Prozent aller bundesweiten Vorfälle registriert. Für den Landkreis Ebersberg sind zwischen den Jahren 2000 und 2014 insgesamt 30 Vorfälle verzeichnet. Allein 2015 waren es 15 Einträge, in diesem Jahr 12, darunter die rassistischen Schmierereien vom Donnerstag in der Ebersberger Innenstadt, die mittlerweile entfernt wurden.

Rechtsextreme Taten haben in den letzten zwei Jahren deutlich zugenommen

Die rechtsradikalen Taten in München und in den umliegenden Regionen haben deutlich zugenommen, bilanziert Robert Andreasch, Rechercheur bei Aida. "Im Münchner Osten findet gerade eine zweite Radikalisierungswelle statt", sagt er. Wohl ein Grund, warum in München eine Opferberatungsstelle eröffnet hat, wo sich seit Anfang des Jahres zwei Mitarbeiter um Opfer rechter Gewalt kümmern. Derzeit werden dort mehr als 20 Fälle behandelt, einer davon ist Mohammed Gharibyar.

Ein friedlicher Spätsommertag, wie sonst auch kommen Pendler und Schulkinder mit dampfenden Kebab-Brötchen aus dem Laden, klassisch oder vegetarisch, scharf oder mild, mit Soße oder ohne. Die reparierte Glastür steht fast immer offen, wer in den Laden geht, muss nur einen Insektenschutz zur Seite schieben. Gharibyar steht jeden Tag für ein paar Stunden selbst hinter dem Tresen und schneidet Fleisch vom Spieß. Er hat seinen Imbiss gleich am Tag nach dem Angriff wieder aufgemacht, der Döner kostet 30 Cent mehr als damals, Getränke gibt's immer noch im verbilligtem Menü. "Es läuft gut", sagt er, sehr viel Arbeit manchmal sogar zu viel.

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Gharibyar sagt, dass er sich erholt hat von all dem. Seitdem 80 Ebersberger am Tag danach eine Mahnwache auf dem Bahnhofsplatz hielten - ein solidarischer Akt für die Freiheit - habe es keine Konflikte mehr gegeben. Vielleicht mal ein betrunkener Pöbler, so wie vorher eben auch. In den 13 Jahren in denen er in Bayern lebt, war der Überfall die Ausnahme, die einzige, sagt er. Gharibyar spricht sachte, überlegt sich die Worte, bevor er sie sagt. Wenn er seinen Kunden einen Döner über die Theke reicht, lächelt er meistens, und bei manchen verlangt er kein Geld. "So wie man mit den Leuten umgeht, so bekommt man es auch zurück", sagt er.

Doch dann war da dieser Freitagabend, der einen so vieles hinterfragen lässt. Und weswegen eine Frau von der Opferberatung bei diesem Treffen dabei ist. Sie ist an diesem Nachmittag mit in die Imbissbude gekommen, als Beistand, Beratung, Absicherung. Gharibyar ist auf der Hut, gerade jetzt, wo klar ist, dass es einen Prozess geben wird, wo er wahrscheinlich als Zeuge aussagen muss. Er wird dann das erzählen, was er vor einem Jahr auch in die Kameras sagte. Dort wo jetzt ein Bursche auf einem Hocker an seinem Strohhalm zuzelt, hatten am Tag nach dem Angriff Fernsehteams aus ganz Deutschland ihre Scheinwerfer aufgebaut. Alle wollten sie wissen, wie er sich fühlte, als der Mann mit dem Baseballschläger ausholte.

Einer der Angreifer kam in den Imbiss, diesmal mit einer anderen Absicht

Gharibyar zieht die Augenbrauen hoch hebt beide Hände, so wie Fußballer, wenn sie den Gegner nicht berührt haben. "Ich bin nicht nachtragend", sagt er dann. Gharibyar kam ohne äußere Verletzungen davon, die Schläger zogen ab, als er sich in seiner Küche verschanzte und den Notruf wählte. Gegen die acht Täter wurde Ende August Anklage erhoben, sie werden der Volksverhetzung, der gefährlichen Körperverletzung und der Bildung einer bewaffneten Gruppe beschuldigt. Wann es zum Prozess kommt, steht noch nicht fest, wahrscheinlich erst im Lauf des nächsten Jahres.

Die Küchenuhr schlägt halb drei, der Mittags-Ansturm ist jetzt vorbei, und bis zum Nachmittag-Run dauert es noch. Gharibyar hat den Fleischschneider seinem Mitarbeiter übergeben und steht jetzt in der Küche, mit dem Rücken zum Eingang, so wie damals. Wenn die Tür aufgeht, schaut er von seinem Schneidebrett auf und blickt in einen Spiegel. Dann sieht er wer gerade hereinkommt. Vor einigen Wochen sah er dort einen Mann, er erkannte ihn von damals, Jeans, T-Shirt, ein ganz normaler Bursche. Er kam in den Laden und sagte Entschuldigung, sagt Gharibyar. Damit ist es nicht getan, aber immerhin ein Anfang.

Gharibyar ist ein versöhnlicher Mensch, er will die Gräben nicht vergrößern, sondern schließen. Doch er ist auch ein vorsichtiger Mensch, besonders nachdem was passiert ist. Niemand soll wissen, wo er wohnt und mit wem. Gharibyar weiß, dass im Landkreis Ebersberg rechtsextreme Bündnisse unterwegs sind, es ist bekannt, dass dort führende Aktivisten wohnen, man bekommt das nicht nur durch Schmierereien und Aufkleber mit, sondern durch Berichte über Aufmärsche oder Überfälle.

Drei Männer kommen jetzt durch die Tür, ein Döner, zwei Dürüm. Gharibyar nickt, wendet ihnen den Rücken zu und legt ein Fladenbrot in den Toaster. Die Holztür, sagt er, die habe er unten im Keller aufbewahrt.

© SZ vom 17.09.2016/koei/jey
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