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Installation in Ebersberg:Puppenstube mit Niveau

Das legendäre "Klo-Häuschen" aus München reist nach Arkadien: In einer Garage beim Ebersberger Einkaufszentrum sind rund 60 Werke en miniature zu sehen.

Von Anja Blum

Arkadien - Das Klohäuschen

Anja Uhlig aus München hat ihr "Klo-Häuschen" auf Reisen geschickt. Für die Holzhütten-Tarnung hat Andreas Mitterer gesorgt.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie schön: Ebersberg hat jetzt seine eigene Kunsthalle! In bester Lage. Mit Arbeiten von etwa 60 Künstlerinnen und Künstlern darin. Wie das geht? Die Macher des Arkadien-Festivals haben das legendäre "Klo-Häuschen" aus München in die Kreisstadt eingeladen - und es ist dem Lockruf gefolgt. Wer es besuchen möchte, wird in der Altstadtpassage fündig, in einer der Garagen am Rande des Einkaufszentrums.

Das "Klo-Häuschen" trägt seinen Namen nicht umsonst, es handelt sich dabei tatsächlich um ein ehemaliges Herrenpissoir an der Großmarkthalle in Sendling. In den 90er Jahren wurde es zugesperrt - bis es Anja Uhlig vor mehr als zehn Jahren für sich entdeckte. "Ich war auf der Suche nach einem Atelier und habe mich sofort in diesen Ort verliebt", erzählt sie bei der Eröffnung der Klo-Häuschen-Dependance in Ebersberg am Montagabend. Uhlig war derart begeistert, dass sie beschloss, als Mieterin den Charme der ehemaligen Toilette zu erhalten und diese acht Quadratmeter auch anderen Künstlern zugänglich zu machen, sprich: fortan diverse "Maßnahmen zur Beseelung des "Klo-Häuschens zu ergreifen". 2018 erhielt sie für dieses kuriose Engagement den Tassilo-Preis der SZ, mit dem Kulturschaffende in der Münchner Region gewürdigt werden.

Anfang 2020 kam Corona, doch das Klo-Häuschen feierte trotzdem seine bereits fünfte Biennale. "Dazu haben wir etwa 60 Künstler eingeladen, bei uns eine aktuelle freie Arbeit zu zeigen", erzählt Uhlig, die Frage war: "Woran arbeitet Ihr gerade? Was beschäftigt Euch?" Da acht Quadratmeter jedoch eine nicht allzu üppige Ausstellungsfläche sind, bediente sich Uhlig eines Tricks: Eingereicht werden sollten nicht die Originale, sondern Modelle im Maßstab 1:12. Und um diese angemessen zeigen zu können, schuf der Künstler Rasso Rottenfußer, der in Grafing aufgewachsen ist und heute in München lebt, für die Biennale im Klo eine eigene kleine "Kunsthalle": eine Art fünfstöckiges, um die Ecke reichendes Regal mit ausgeklügelter Beleuchtung.

Auf dem Boden der Ebersberger Garage kann man nun den kleinen, einzigartigen Grundriss des Pissoirs sehen. "Der ist wie ein fliegender Teppich, mit dem das Klo-Häuschen verreisen kann", erklärt Uhlig stolz. Der Ausflug nach Ebersberg sei in dieser Form nämlich eine Premiere. Überhaupt ist die Verbindung zwischen der Künstlerin und ihrem Projekt mittlerweile derart stark, dass der ungewöhnliche Kunstschauplatz in ihren Erzählungen zur Person wird: Eigentlich habe das Klo-Häuschen in Ebersberg ja eine arkadische Waldhütte erwartet - nun sei es leider nur eine Garage geworden. "Aber das sagen wir dem Klo-Häuschen nicht!" Außerdem ist die Tarnung ja fast perfekt: Andreas Mitterer, Chef des Ebersberger Kunstvereins, hat der Fassade der Garage mit Holz und Folie kurzerhand die Anmutung einer Holzhütte verpasst.

Hineingehen ist allerdings nicht möglich, die Tür bleibt verschlossen, aber durch ein großes Fenster in der Tür kann man das Innenleben des Klo-Häuschens bestaunen: Auf dessen Grundriss steht eben jene Kunsthalle von Rottenfußer, bestückt mit allerhand Werken von Ausstellern der Biennale, aber auch des Arkadien-Festivals. Malerei, Zeichnungen, Fotografie, Skulpturen und Objekte en miniature. Unweigerlich drängt sich das Bild eines Puppenhauses auf, nur dass in diesem Fall der Inhalt ziemlich rätselhaft ist. Von kleinem Porzellan oder süßen Bettchen keine Spur. Für Dechiffrierung aber ist gesorgt: Neben der Tür hängt ein Katalog, ebenfalls im Miniformat, der die ausgestellten Werke mit Fotos und Texten beschreibt. Und bereits am Montag zeigt sich, dass das Klo-Häuschen große Anziehungskraft ausstrahlt: Immer wieder bleiben Passanten stehen und spähen neugierig durch die Scheibe. "Ich hoffe, das wird für Ebersberg eine große Attraktion", sagt Festivalleiter Peter Kees.

Arkadien - Das Klohäuschen

Magische Heilung: Rasha Ragab und Christoph Nikolaus bei ihrer Performance.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Für Aufsehen sorgt bei der Eröffnung außerdem eine Performance des Duos Toffaha: Um gegen die vermehrten Grenzen in Köpfen und Herzen anzugehen, wollen Rasha Ragab und Christoph Nikolaus eine innere Weitung und Öffnung erreichen, und zwar durch "erlebte Geschichten und Magie". Wortlos wiederholen sie jeweils Ritus-artige Handlungen: Er wickelt Pferdeäpfel in weiße, feine Stofftücher, sie packt Rosmarin und andere Zutaten aus aller Herren Länder in kleine Tütchchen aus alten Schriftstücken. Alle diese Dinge seien heilsam und von reicher Symbolik, erklärt das Duo im Anschluss.

Fest steht: Zum Klo-Häuschen sollte man Muße mitbringen. Vielleicht lohnt sich ein vorheriger Besuch beim "Altzeitcontainer" im Klosterbauhof? Oder die Nutzung des "Entschleunigten Parkplatzes"? Denn die Kunst in der Garage ist zwar klein, aber so zahlreich wie vielsagend. Es gibt jede Menge zu entdecken. In der Mitte steht zum Beispiel ein silbern glänzendes Ei, das man sich als 150 Zentimeter große Skulptur vorstellen muss. Vincent Mitzev hat ein interaktives Objekt geschaffen, dessen Anmutung der Betrachter dank der immensen Spiegelung komplett verändern kann. Gleich daneben: eine kleine Wand samt Künstler, der sie gerade bunt bemalt. So würden in Mexiko Konzerte angekündigt, erfährt man im Katalog von Alexis Dworsky, die derzeit einer solchen Mauer chronografische Panoramen widmet. Andrea Golia hingegen knüpft seit Corona an einem Teppich aus alten Socken, den aus Kreisen entwickelte Buchstaben zieren. Außergewöhnliches Material befindet sich auch in den Händen von Andrea Unterstrasser, nämlich Garn aus Basalt. Stein als Faden. Im Klohäuschen präsentiert sie winzige Stelen.

"Kleinteilforschung" betreibt Anna Pfanzelt, im Katalog heißt es "brummelnde Wimmel, piksende Summeln und ein schönes Genital". Lauter fleischfarbene Häppchen zum ganz genau Hinschauen. Ein Modell ihrer selbst zeigt Judith Egger, und zwar mit einem riesigen Anzug samt Stoffsack, denn es geht um eine Performance, mit der sie den Wind erlebbar machen möchte. Sich erinnern kann man mit Oliver Westerbarkey, der anlässlich seiner Ausstellung beim Kunstverein mit einer Park-Kulisse durch Ebersberg gefahren ist: Im Klo-Häuschen gibt's ein Video davon. Und sogar ein Roboter hat es in die Kunsthalle geschafft, als androides Bandmitglied, das sich die Electro-Punk-Gruppe 9 Volt ersonnen hat. Liebling der Ebersberger könnte aber ein kleiner Nacktmull werden, Begleiter von Stephanie Müller, der sich seit der Zeit der Isolation "ganz besonders in den Vordergrund spielt". Er soll einsamen Betrachtern als Projektionsfläche dienen. Wie gut, dass die Kreisstadt nun einen neuen, wahrlich belebenden Treffpunkt hat.

© SZ vom 16.06.2021
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