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Kultur in Ebersberg:Von wegen Stillstand!

Jahresrückblick Teil zwei: Das Alte Kino Ebersberg begeistert mit emotionalen Erinnerungen an ein turbulentes Jahr - und macht neugierig auf die Zukunft.

Von Michaela Pelz

Unlängst wurde bekannt, dass die Würde des Menschen vor allem mit der Haartracht zusammenhängt. Deswegen könnte man mit diesem Etwas auf dem Kopf, das einst Frisur war, froh darüber sein, den Livestream vom Alten Kino unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom Sofa aus verfolgen zu können. Richtige Freude will dennoch nicht aufkommen - statt zum Auftakt des Jahresrückblicks (zweiter Teil) bei wunderbarer Musik von Jeremy Teigan nur das Original-Modell des Hauses von Architekt Helmut Mayer zu sehen, wäre man viel lieber live vor Ort.

Doch schon beim ersten Klosterbauhof- Bild überwiegt die wehmütig-selige Erinnerung an ein unvergessliches Kulturfeuer 2020. Heimeliges Biergartenflair, Livemusik und Lagerfeuer, Auftritte hochkarätiger Künstler, aber vor allem: Auf Verdacht hingehen und jedes Mal vertraute Menschen sehen, trotz Pandemie das Leben spüren - das war das Motto jener Zeit zwischen dem ersten Juli und dem ersten August. Dazu brauchte es den unermüdlichen Einsatz einer hoch motivierten Crew, nicht zuletzt in Punkto Hygienekonzept. Unterm Strich also wesentlich mehr Personal bei deutlich geringeren Einnahmen, was "ohne die Unterstützung der Sparkasse nicht möglich gewesen wäre", wie der Chef des Alten Kinos Markus Bachmeier sagt, "nicht, weil ich muss, sondern weil es wahr ist." Überhaupt liegt Bachmeier viel daran, das Engagement aller Beteiligten angemessen zu würdigen, von Allrounderin Babsi Lux (an diesem Abend als "Chat-Fee" Betreuerin des zugeschalteten Publikums) über Service und Technik - bis hin zu Holzlieferant Matthias Birnkammer, der die fast komplett verfeuerten sieben Ster "umsonst in den Hof gefahren hat".

Movimento 'Spectrum' Kulturfeuer

Video-Archivmaterial aus dem Jahr 2018 soll den Ausfall der Akrobaten von Movimento kompensieren.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass man trotz des gelungenen Kultursommers auf Highlights wie etwa die "Silent Disco" verzichten musste, lässt Co-Moderatorin Violetta Dittrich nicht unerwähnt. Gut, dass sich immerhin der Ausfall der "Movimento"-Show mit Archivmaterial von 2018 kompensieren ließ. Die Zuspielung zeigt atemberaubende, perfekt synchrone Tänze nebst erstklassigem akrobatischem Können. Ein Vorgeschmack auf die per Website angekündigten Live-Termine der Grafinger im Juli 2021.

Auch die anderen Eventmitschnitte, entstanden während jener seltenen Gelegenheiten, bei denen der Alte Speicher im Herbst 2020 mit bis zu 200 Zuschauern bespielt werden durfte, machen Lust auf mehr. Man will wieder "in echt" dabei sein, wenn der unnachahmliche Hans Klaffl sein Publikum in höherer Mathematik prüft ("nicht klatschen, rechnen!") oder Willy Astor, dessen meisterhaftes Gitarrenspiel viel zu selten erwähnt wird, über seine Urlaubserlebnisse im Kreis der Freunde Johnny, Jim und Kai referiert.

Im Livestream haben "Die Heizer" Peter Voith (links) und Alexander Liegl (Mitte) ihre Gaudi mit Markus Bachmeier vom Alten Kino.

(Foto: Christian Endt)

Emotionale Momente bleiben nicht unerwähnt: Wenn Kabarett-Legende Georg Schramm, extra für die Lesung aus Nicolas Mahlers Adaption des Bernhard-Klassikers "Alte Meister" aus dem Ruhestand zurückgekehrt, sichtlich bewegt dazu aufruft, Künstler und Veranstalter zu unterstützen, hat man am Bildschirm denselben Kloß im Hals wie seinerzeit im Saal. Und mit Tränen in den Augen verfolgt man den Einspieler, in dem Liedermacher Werner Meier in dem überaus persönlichen Stück "Staade Zeit" den Tod seines an Covid 19 gestorbenen Bruders am Ostersonntag beschreibt. Schon allein, um diese Szene (noch einmal) zu erleben, würde es sich lohnen, den auf der Seite des Alten Kino kostenfrei bereitgestellten Mitschnitt der beiden Jahresrückblick-Teile anzusteuern. Dort finden sich auch sehenswerte heitere Gegengewichte: Das Stuhl-Konzert von Ulan & Bator, bei dem die Patina des Eichen-Bühnenbodens im Alten Kino Erinnerungsriefen erhält. Bachmeier: "Das muss so, das gehört dazu". Oder Sonja Pikarts originelle Vorstellung eines morbiden Brautkleid-Fittings. Den, wie ihn ein Zuschauer nennt, "Orgelsound zum Reinbeißen" von "Organ Explosion" mit ihrer ekstatischen Interpretation des Songs "Apache".

Zwei Folgen der Miniserie rund um "Die Heizer" Bertl (Alex Liegl) und Alfons (Peter Voith) sind ebenfalls im Angebot - sieben soll die erste Staffel haben, 70 wünschen sich die Fans im Chat. Auch in Highlights aus "Vollbremsung" lässt sich schwelgen. Diese Eigenproduktion - in nur zehn Tagen nach Beginn des Lockdowns am 2. November auf die Beine gestellt, zeigt wohl am besten, wie viel kreatives Potenzial in diesem Alten Kino steckt, wo Team wie Vorstand ungeahnte Talente offenbaren: als brillante Moderatorin (Vio Dittrich), durchgeknallte Influencerin plus Producer-Fail (Lina Haschler und Max Weis) oder überraschend authentische Nachrichtensprecher (Uschi Treffer und Sebastian Schoepp).

Jahresrückblick, zweiter Teil: Violette Ditterich moderiert.

(Foto: Christian Endt)

Was sagt uns das jetzt? Hier hat man nicht nur das Beste aus einer langen Durststrecke gemacht und sich irgendwie mit den Gegebenheiten arrangiert, sondern im Gegenteil die Widrigkeiten zum Anlass genommen, Neues zu entwickeln, das auch in Zukunft tragfähig sein soll. Wie die mit Mitteln aus dem Fördertopf "Neustart Kultur" angeschafften VR-Brillen. Die dreißig Exemplare können ab sofort mit einer von fünf Shows bestückt und für ein 360-Grad-Erlebnis einen Tag lang ausgeliehen werden. Der nächste Schritt wird das zusätzliche 3D-Erlebnis sein, erreichbar durch den Einsatz einer entsprechenden Kamera. Wahrscheinlich schon beim Auftritt von Gankino Circus am 26. Februar. Nähere Auskunft gibt es direkt beim Alten Kino.

Am Ende des Rückblicks heißt es im Chat: "Tolle Bilder, tolle Stimmungen, was für ein Sound, wie viel Leben in diesem Stillstand." Technik-Probleme gab es keine. Alle sahen toll aus - auch auf dem Kopf.

Die Aufzeichnung der Jahresrückblicke und weitere Informationen unter www.kultur-in-ebersberg.de

© SZ vom 15.02.2021
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