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Kleinkunst in Ebersberg:"Wir haben schon in der Schule zusammen dumm dahergeredet"

Ebersberg Altes Kino Serie "Die Heizer" Fotos vom Dreh Hauptrollen: Alexander Liegl und Peter Voith Regie Gabi Rothmüller

Alexander Liegl (l.) und Peter Voith in ihrer neuen Rolle.

(Foto: Veranstalter)

Das Alte Kino Ebersberg bringt seine erste hauseigene Serie an den Start: "Die Heizer" überzeugen mit skurrilem Setting und prominenten Darstellern.

Von Anja Blum, Ebersberg

Zwei Typen im Feinripp-Shirt, die seit Jahren gemeinsam im Alten Kino hausen und selbiges heizen. Das ist das Bild, das Regisseurin Gabi Rothmüller in den Sinn kommt, als das Team der Ebersberger Kleinkunstbühne zusammensitzt, um zu brainstormen, wie es so schön heißt. Und dieses Bild entfacht tatsächlich sofort einen Sturm, und zwar im Gehirn von Drehbuchautor Alexander Liegl. Die Ideen sprudeln nur so, und beim anschließenden "Location-Scouting" verlieben sich alle Beteiligten sofort in den Lüftungsraum unter dem Dach. Die erste TV-Serie des Alten Kinos ist geboren: "Die Heizer", mit Alexander Liegl und Peter Voith in den Hauptrollen sowie etlichen bekannte Bühnengesichtern als Gästen.

Wie für so viele neue kreative Wege ist Corona verantwortlich, dass das Alte Kino unter die Produzenten geht. Bereits im Sommer 2020 steht der Plan, eine Onlineplattform für Kleinkunst aller Art aufzubauen, die auch mit einer hauseigenen Mini-Serie auf sich aufmerksam machen will. Und die Situation scheint günstig: Das Haus ist da schon lange so leer wie die Terminkalender der Künstler. Doch dann erweist sich die Pandemie nicht nur als Katalysator, sondern auch als gewaltiger Hemmschuh: Immer wieder müssen die Dreharbeiten wegen zu hoher Inzidenzzahlen im Landkreis Ebersberg verschoben werden, so dass sich das aufwendige Unterfangen scheinbar endlos hinzieht.

Doch nun ist es endlich so weit: "Die Heizer" sind in dieser Woche auf "Altes Kino TV" online gegangen - genauso wie die Plattform selbst. Staffel eins hat sieben Folgen, die jeweils zwischen sieben und 15 Minuten lang sind. Diese kann man entweder einzeln kaufen, oder gleich im Paket. Solange haben die Fans der Ebersberger Kleinkunstbühne auf diesen Moment gewartet, bislang kennen sie nämlich nur die zwei ersten Folgen, die bereits bei hauseigenen Livestreams, den "Vollbremsungen", zu sehen waren. "Wann kommen die nächsten?", hieß es da gleich im Chat. Das Publikum hat Feuer gefangen.

Kein Wunder bei diesen heißen Heizern namens Bertl und Alfons, zwei Rollen, die Liegl sich selbst und seinem Freund Peter Voith mit viel Sprachwitz auf den Leib geschrieben hat. Die beiden kennen sich auch im echten Leben ewig, Liegl kommt aus Kirchseeon, Voith aus Ebersberg, beide haben "schon in der Schule zusammen dumm dahergeredet". Deswegen habe es bezüglich des Drehbuchs auch keinerlei offene Fragen gegeben. "Wir wussten einfach, dass wir das spielen", sagt der Autor.

"Und mir ist das auch leider gar nicht schwergefallen", ergänzt Voith, "ganz im Gegenteil": Ravioli aus der Dose essen, Bier trinken, jeden Tag dieselbe alte Zeitung lesen, den Freund tratzen, kaum Kontakt zur Außenwelt - "das alles kann sehr beruhigend sein und innere Sicherheit geben", so Voith. Momentan fühle er sich wegen Corona ohnehin so, als stecke er generell in einer "Blase Heizraum", sagt der Schauspieler und Architekt.

Tatsächlich kommt das Setting dieser Serie, an dem Bühnenbauer vermutlich mehrere Tage hätten arbeiten müssen, sehr ungewöhnlich daher: Die Heimat der beiden Heizer ist ein enger Raum voller grob gehauener Balken und großer, silbern ummantelter Rohre. Dazwischen hausen Bertl und Alfons mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Ihr einziger Kontakt nach draußen ist ein Guckrohr, ein Periskop, das Bertl, einst Matrose, aus einem U-Boot mitgehen ließ. Tatsächlich stammt es aus dem Fundus des Bayerischen Rundfunks. Mit dem Fernglas können die Heitzer allerdings keineswegs hinausschauen in die Ebersberger Realität, sondern nur in ein anderes Stockwerk: Das Rohr endet auf der Bühne des Alten Kinos, einem anderen Biotop also. Platon lässt grüßen. Es ist eine surreal-gemütliche Welt, in der die beiden Freunde versuchen, ein einfaches Leben zu meistern, das von allerhand Ereignissen durcheinandergewirbelt wird.

Da wäre erstens der Umstand, dass die beiden Heizer in dieselbe Frau verliebt sind, die jedoch bereits einem anderen versprochen ist. Und derjenige welche ist obendrein ihr größter Feind: ein Stadtrat, der die alte Heizung des Alten Kinos durch eine neue, automatisierte Anlage ersetzen möchte. Die Dienste von Alfons und Bertl würden dann nicht mehr gebraucht. Auf dem Spiel steht also nichts weniger als ihre Daseinsberechtigung.

Sozialromantik pur. "Wir wollen im Kleinen die große Welt erklären", sagt Liegl, "die Heizer wollen miteinander reden und Probleme lösen, scheitern aber immer wieder - das erzeugt Komik und Tragik zugleich". Indes: Komplette Loser seien die Heizer nicht, wie Regisseurin Rothmüller betont. "Ihnen gelingt auch ganz viel. Aber daran sind dann immer auch andere Menschen beteiligt." Zudem ist die Beziehung zwischen den Freunden nicht gerade unkompliziert, sondern geprägt von Missverständnissen, Geheimnissen, Streit und sogar Raufereien. "Aber manchmal gibt es auch ganz rührende Szenen der Verbrüderung", sagt Markus Bachmeier, der Chef des Alten Kinos. Da habe er beim Dreh sogar mal die ein oder andere Träne wegblinzeln müssen.

Apropos Bachmeier: Die Crew dieser Serie ist so klein, dass es kleiner kaum geht. Sprich, fast alle haben gleich mehrere Funktionen: Der Hausherr ist Produzent und spielt sich selbst, Assistentin Violetta Ditterich ebenfalls. Liegl ist Autor und zugleich Hauptdarsteller, Tontechniker Daniel Hitzke als revolutionärer Putzmann zu sehen. Nur Valentin Winhart, Zauberer hinter der Kamera, Geräuschemacher Max Bauer und Jeremy Teigan, der für die komplette Musik verantwortlich zeichnet, bleiben im Hintergrund - noch. Schließlich ist jetzt schon eine zweite Staffel geplant.

Überhaupt: Dass die Idee einer hauseigenen Serie Wirklichkeit wurde, ist laut Rothmüller der tollen Ebersberger Truppe und ihrer corona-bedingt hochwertigen Technik zu verdanken. "Dazu absolut fähige Schauspieler und ein fantastisches Drehbuch - da fühlen wir uns daheim!" Und ja, der Cast ist beachtlich: Michael Altinger, Hans Klaffl, Sebastian Winkler, Constanze Lindner und ihr Mops. All diese Bühnenprofis sind Gäste im Heizraum bei den Männern im schmuddeligen Feinripp. Und das, obwohl die Ebersberger Serie "keine Low-, sondern eine No-Budget-Produktion" ist, wie Bachmeier sagt. Klar, in Corona-Zeiten ist es um die Finanzen der Kleinkunst alles andere als gut bestellt. Da kann etwas gegenseitige Unterstützung nicht schaden. "Außerdem haben alle das Projekt sehr gemocht", erzählt Rothmüller, "und es sehr ernst genommen". Insofern zeigt sich die Regisseurin höchst zufrieden mit den Dreharbeiten: Alle Darsteller seien extrem gut vorbereitet gewesen, man habe viele "One-Take-Wonder" feiern können. "Hans Klaffl zum Beispiel", sagt Rothmüller, "unser cholerischer Kapitän, kam rein und hat sofort losgeschrien - typisch Lehrer."

Für ihn sei es besonders spannend, so Liegl, mal einen ganzen solchen Produktionsprozess miterleben und mitgestalten zu können. "Da lernt man echt was!" Und von Rothmüller gibt es ein Lob für den Chef: "Markus ist ein sehr guter Produzent, trotz dieser schwierigen Umstände." Alles an den "Heizern" ist hausgemacht, von den Dialogen über den Schnitt bis hin zur Titelmelodie, gar die Requisiten stammen aus den diversen Haushalten. Die Familie Bachmeier braucht deswegen nun einen neuen Einkaufskorb: Im alten ist der Mops gesessen. Der Vorteil des kleinen Teams und auch des kleinen Serienformats liegt darin, dass die ganze Produktion flexibel ist. "Wir sind kein Tanker, sondern ein Schnellboot", sagt Liegl und lacht. Das verschaffe gerade angesichts der Pandemie organisatorisch wie künstlerisch die nötigen Freiheiten: Man könne vergleichsweise spontan reagieren, auf Einfälle, aber auch auf das, was im und um das Alte Kino herum gerade passiere.

Insofern ist auch noch nicht klar, wie es mit den beiden Heizern weitergehen wird. "Die erste Staffel endet jedenfalls mit einem Cliffhänger", kündigt Rothmüller an, "Bertl und Alfons haben eine Schlacht gewonnen, aber noch nicht den Krieg", ergänzt Liegl. Insofern hofft man, den Zuschauer nach Staffel eins glücklich und zugleich gespannt zurückzulassen. Fest steht aber jetzt schon, dass der verhasste Stadtrat der große Feind bleiben wird. Und dass die beiden Typen im Feinripp ihm weiter ordentlich einheizen werden.

© SZ vom 05.06.2021/koei
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