Festival Ebe-Jazz:Aus der Tiefe

EBE-Jazz 2021 - Daniel Humair Trio/Quartett

Freitagabend im Alten Speicher in Ebersberg (von rechts): Drummer Daniel Humair, Gast-Pianist Emil Spányi, Posaunist Samuel Blaser und Bassist Heiri Kaenzig.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Rebellischer Grandseigneur am Schlagzeug: Das Quartett um Daniel Humair fasziniert mit vielschichtigen Tonlandschaften.

Von Oliver Fraenzke, Ebersberg

Freitagabend im Alten Speicher, Jazzfestival in Ebersberg vor leider nur halb vollem Saal. Das Trio aus dem Schlagzeuger Daniel Humair, Posaunist Samuel Blaser und Bassist Heiri Känzig spielt mit dem Pianisten Emil Spányi. Und das Publikum geht mit, einige rufen laut vor Begeisterung.

Die Besetzung gleicht einem Aufstand der Bass- und Rhythmussektion. Die für Jazzbands typischen Melodieinstrumente fehlen, statt dessen stehen hier solche im Vordergrund, die meist im Hintergrund zu hören sind. Für die melodische Komponente sorgt Samuel Blaser an der Posaune, der beweist, welch klangtechnische und gestalterische Möglichkeiten in dem Instrument stecken. Als Gegenpart wirkt Heiri Känzig am Kontrabass. Die Funktion des Grundtongebers mehr tangierend als auskostend, entlockt er dem Bass orchestral anmutende Vielfalt. Als Bandleader koordiniert Daniel Humair vom Schlagwerk aus: Der rebellische Grandseigneur blickt auf 83 Jahre Lebenserfahrung zurück. Ergänzt wird die bis hier nur aus Schweizer Musikern bestehende Formation durch Emil Spányi, ein ungarischer Modern-Jazz-Künstler mit stupender Technik, der sämtlichen Klischees des Jazzpianos ein Schnippchen schlägt. So stehen Musiker aus vier unterschiedlichen Jahrzehnten und Traditionslinien auf der Bühne und schaffen lebendige, generationsübergreifende Kommunikation.

Dichte Klangtrauben und vielschichtige Tonlandschaften dominieren das musikalische Bild des Abends. Es ist Musik fernab des traditionellen, und noch ferner des kommerziellen Sektors des Jazz, doch begleiten die Künstler diejenigen Hörer, die sich den teils aufsehenerregend neuartigen Klängen öffnen wollen, in eine Abenteuerwelt. Deren Beschreibung entzieht sich den üblichen Formulierungen. Eine gewisse Synästhesie strahlt die Musik aus, spielt mit Farben und abstrakten Formen, lässt diese verlaufen, sich vermengen und neue Gebilde formen.

Unverbraucht lebendig gleicht jedes Stück einer Reise durch fantastische Imaginationen, geschaffen durch vier lückenlos aufeinander abgestimmte Genien in übersinnlich erscheinender, nonverbaler Kommunikation. Diese legt Zeugnis ab für einerseits immense Probenarbeit und andererseits für ein Maximum an synchronisiertem Fühlen und Atmen. Übrigens bildet auch der gesamte Ablauf des Abends eine übergeordnete Form, gegen Ende nämlich werden die Strukturen definierter und verständlicher, die Textur lichter.

Im Mittelpunkt steht Bandleader Daniel Humair, dessen durch und durch gehörtes Spiel den Atem raubt. Er kennt den Klang eines jeden Punktes auf seinen Instrumenten und nutzt diese für eine tongeberisch akribisch-präzise Gestaltung. Dies macht er nicht auf eine verkopfte Weise nur für eingeweihtes Publikum, sondern ihm gelingt, dies auch den Hörern zu vermitteln, die keine bis wenig Ahnung vom Schlagzeug haben. Die in Humairs Händen schwerelos erscheinenden Sticks avancieren zu Fühlern, die ihm einen direkten Kontakt zum Material unter ihm ermöglichen. Aufhorchen lässt vor allem der vielschichtige Klang seiner Becken, die mehr als nur Rhythmusgefühl evozieren, nämlich in erster Linie ein Klangpanorama auferstehen lassen, über dem sich sie anderen Instrumente frei erheben können.

Angesichts der Besetzung behandelt Heiri Känzig seinen Bass teils ebenfalls als Melodieinstrument, füllt zudem die harmonische Basis auch selbst aus, kurz: er bedient verschiedene Funktionen parallel. Zur Verfügung steht ihm ein ausgeprägtes Gespür für kontrapunktische Behandlung der Klangebenen, die er miteinander in Kommunikation zu bringen weiß.

Was Emil Spányi betrifft, so besticht seine technische Vollkommenheit, die besonders in der rhythmischen Komponente überragt. Gestochen scharf kommen selbst die wildesten Läufe und Tonrepetitionen in maschinell anmutender Gleichmäßigkeit hervor, so dass mitunter er es ist, der den Puls vorgibt, hierdurch Humair eine freiere Gestaltung ermöglicht. Mit verschnörkelten Girlanden und Repetitionsfiguren sorgt Spányi für Volumen, setzt dagegen aber auch bewusste Pausen und minimalistische, teils einhändige Motive, um die Wirkung einzuteilen und für größtmögliche Abwechslung zu sorgen.

In der Mitte des Geschehens: Samuel Blaser, der sämtliche der verschiedengearteten Inspirationen um sich herum aufgreift und mit ihnen interagiert, dabei ebenfalls auf eine dynamische Mehrschichtigkeit zurückgreifen kann, weshalb man auf andere Melodieinstrumente gerne verzichtet. Blaser nutzt die Höhe des Trichters auch zur akustischen Abwechslung, kann sich durch Einsatz des Dämpfers ebenfalls in der Begleitposition bewegen.

Zusammengenommen entfalten sich diese Einzeleindrücke in einer voluminösen, komplexen und vielseitig wandelbaren Klangkulisse, die geprägt ist durch Spaß am Musizieren und am Erleben des Moments.

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