Jam Session:Spirit in allen Räumen

EBE-Jazz 2021 - Jam-Session Artesano Zenker

Als würden sie seit ewigen Zeiten zusammenspielen: Bassist Martin Zenker, die Sängerin "Future" aka Buren Ireedui, Drummer Kim Minchan und Theo Kolross am Piano bei der Jam Session im Ebersberger Artesano.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dank des Martin-Zenker-Trios samt der Sängerin "Future" kommt das Artesano in Ebersberg auf maximale Club-Betriebstemperatur.

Von Ulrich Pfaffenberger, Ebersberg

Räumliche Enge gehört zum traditionellen Image des Jazzkellers wie schummriges Licht und Zigarettenqualm. Die letzten beiden suchte man im Artesano am Donnerstagabend vergebens, als dort zu später Stunde die Jam Session von EBE-Jazz über die Bühne ging. In der Wohnzimmeratmosphäre der kleinen Räume mit ihren Winkeln, Ecken und Durchgängen wurden Musik und Publikum dafür umso intimer miteinander. Salonmusik, wie man sie sich wünscht, nur eben in einem fürs Genre unüblichen Stil. Dass die Blickachse zur Quelle der Musik dem einen oder anderen fehlte, ja mancher sogar dem Jazz den Rücken kehren musste, tat dem Hörvergnügen dabei keinen Abbruch. Im Gegenteil: So bekam die Fantasie ein bisschen mehr zu tun, und die Ohren auch.

Da kam man zum Beispiel gar nicht (es sei denn, man drehte sich um) auf die Idee sich zu fragen, warum Buren Ireedui ausgerechnet im Dirndl zur Session mit dem Martin-Zenker-Trio kam. Oder warum die Mongolin eine für ihre Jugend so umwerfend reife Stimme hat. Sondern man lauschte, ließ sich ihren Gesang unter die Haut und ins Gemüt gehen. In "Smile" und "Summertime" servierte sie dem Publikum gleich zu Beginn zwei Standards mit so viel Tiefgang und Lust an der Improvisation, dass an dem Abend noch folgen konnte, was da wollte: Er war gut.

Im Kontrast zu Michel Benitas Konzert vorher, von dem viele ins Artesano herübergewandert waren, war das erste Set hier nicht zuletzt dank "Future", wie sich die Sängerin nennt, ein umschmeichelndes Erlebnis in der Komfortzone von Plaudern, Essen und Trinken, geriet aber nie zur Nebensache, sondern bestimmte die Farbe, in der sich der Auftritt in die Erinnerung einprägt. Am Ende eines langen Tages war es die Zeitlosigkeit der gespielten Stücke - zusammen mit der Sinfonie aus Gesprächsfetzen, Gläserklingen und Geschirrklappern -, die das "Ankommen zuhause" für die Zuhörer ausmachte. Ein bisschen wie an der Bar des alten Grand Hotels, man wartete eigentlich nur darauf, dass ein angejahrter, weißbejackter Kellner um die Ecke schlurfen würde, in der Hand ein Silbertablett mit Gimlet, Gin Fizz und Cosmopolitan drauf. Da konnte man sogar großzügig über jenen Gast hinwegsehen, der sich lieber einem Boulevardblatt widmete als dem Solo der Sängerin.

Deren drei Begleiter als "Standards" zu bezeichnen, fällt Kennern der Grafinger Szene leicht, die bei EBE-Jazz ganz vorne mitspielt und in Sachen Sessions erst recht. Martin Zenker am Bass erkennt man - ungesehen - nach den ersten paar feinsinnigen Zupfern auf den Saiten, mit denen er den Boden bereitet, aus dem sich wie eine Rose die Stimme "Futures" erhebt und entfaltet, um sich dann in den Wellen des Pianos zu wiegen und die flirrenden Strahlen des Schlagzeugs zu reflektieren. Als würden die vier seit ewigen Zeiten zusammenspielen, entstehen dabei Melodien aus einem Guss, voll zustimmenden Vertrauens ins gegenseitige Können und Improvisieren, sodass sich beim Zuhören ein zweites Mal an diesem Abend jener wohltuende Zustand der Schwerelosigkeit einstellt, der Club-Jazz so anziehend macht. Diesmal aber weniger von der Raumfahrt inspiriert, sondern vom unbeschwerten Spirit der Musik an sich.

Kim Minchan an den Drums sorgt gelegentlich mit mächtigen Soli dafür, dass doch keiner in die Unendlichkeit des Raums entschwebt, sondern sich alle wieder der physischen Präsenz der Band bewusst werden. So sanft und einfühlsam er sich als Begleiter und dezenter Rhythmusgeber zurücknehmen kann, so urgewaltig brechen sich seine Schläge aufs Fell ihre Bahn, wenn er die entfesselten Sekunden erkennt, die ihm eine Passage gewährt. Da machte manche im Publikum große, staunende Augen, da beugte sich mancher mitgerissen weit nach vorn - Vorteil des Blickwinkels mit dem Rücken zur Bühne: freier Blick aufs Zuschauer-Ballett. Über Theo Kolross schließlich, den Mann am Piano, kann man nur Gutes schreiben. So auch an diesem Abend wieder.

Für die überzeugende Performance des tonangebenden Quartetts gab es so heißen Applaus der Gäste, dass bereits zum Ende des ersten Sets das erreicht war, was Jazz-Clubs als viertes Element auszeichnet: die höchstmögliche Betriebstemperatur. Darin ließen dann noch in einer freien Session die EBE-Jazzer den Abend ausklingen.

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