Doppelte Reise in die Vergangenheit Wurstbrot und Inzest

In kurzen Rückblenden geht Dr. Döblingers Kasperl auf die Suche nach seiner eigenen Herkunft. Das passt dem Sparifankerl allerdings so gar nicht.

(Foto: Christian Endt)

Derb, frech, lustig: "Dr. Döblinger" zeigt in der Grafinger Stadthalle ein Kasperltheater nur für Erwachsene

Von Andreas Junkmann, Grafing

"Kasperl! Kasperl! Kasperl!", ruft ein alter Mann mit lichtem Haar, Brille auf der Nase und Hörgerät im Ohr. Seine Augen leuchten vor Freude. Auch die anderen Besucher in der Grafinger Stadthalle fordern lautstark den Auftritt der kleinen Handpuppe mit krummer Nase und Zipfelmütze. "Griaß eich liebe Kinder!", schallt es schließlich von der Bühne zurück. Der Kasperl ist da, und das Publikum schon jetzt begeistert - allein von Kindern fehlt jede Spur. An diesem Donnerstagabend macht Dr. Döblingers geschmackvolles Kasperltheater Station in der Stadthalle. Im Gepäck hat das Ensemble dieses Mal allerdings ein Programm extra für Erwachsene. Dem Kasperl und seinen Gefährten ist das Schnuppe. Sie sprechen ihr Publikum einfach weiterhin als Kinder an, und der ein oder andere dürfte sich tatsächlich in seine Jugendzeit versetzt gefühlt haben.

Auf der großen Stadthallen-Bühne ist der Vorhang zugezogen. Dafür steht davor ein Holzkasten mit buntem Schwammerlmuster und Vorhängen. Das Geschehen spielt sich lediglich in einem kleinen Fenster ab, hinter dem sich Josef Parzefall und Richard Oehmann zusammen mit ihren Handpuppen verstecken. Eigentlich hätte die Vorstellung in der Turmstube stattfinden sollen, wurde aber aus Platzgründen kurzfristig in die Stadthalle verlegt. Die Stuhlreihen sind dennoch gut gefüllt - und die Stimmung spätestens mit der Eröffnung durch den schlafmützigen Wachtmeister ohnehin bestens.

Der schwört die Grafinger gleich mal darauf ein, was sie heute erwartet: Zurücklehnen und einfach nur zuschauen ist bei einem Puppentheater nicht drin. Den Kasperl müsse man natürlich erst auf die Bühne rufen. Und überhaupt ist Mitmachen ausdrücklich erlaubt - etwa den Kasperl davor zu warnen, Unfug zu treiben. Das Stichwort hierfür: "Obacht!". Doch wie sich schon nach kurzer Zeit herausstellt, gibt der launige Hanswurst nicht allzu viel darauf, was ihm das Publikum da zuruft. Jedenfalls hindert es ihn nicht daran, einen Pakt mit dem Sparifankerl zu schließen. Der Deal: Seele gegen Wurstbrot.

Das ist es dann auch, um was sich das Stück mit dem Titel "Das Verschellen der Fernbedienung" dreht. Der Vertrag muss für ungültig erklärt werden, denn der Teufel schreckt nicht davor zurück, dem Kasperl absolutes Auftrittsverbot zu erteilen. Um das zu verhindern, entführen Josef Parzefall und Richard Oehmann ihr Publikum auf eine Reise in die Vergangenheit und stellen die Frage, wo der Kasperl überhaupt herkommt. Dabei wird immer wieder deutlich, warum es eine Vorstellung für Erwachsene ist: Es fallen teils nicht ganz jugendfreie Begriffe und der Teufel ist in Anlehnung an Goethes "Faust" nicht nur im Pudel drin, sondern auch in einer Zuschauerin aus der ersten Reihe.

Den Grafingern begegnen in der humorvoll-derben Rückschau alle Figuren, die sie noch von früher kennen - allerdings mit einigen signifikanten Abwandlungen. So kauft die Großmutter lieber synthetische Drogen, als Wurstbrote zu schmieren, der böse Zauberer sehnt sich in seiner Einsamkeit nach ein bisschen Zuneigung, und der König hat nichts als Ärger mit seinen inzestuösen und deshalb zurückgebliebenen Kindern. Nur der Seppl, der ist immer noch ein Depp.

Die Puppenspieler Parzefall und Oehmann - selbst zwei Theater- und Kabarettveteranen - haben sich für ihr Stück aber auch menschliche Unterstützung geholt. Schauspieler und Synchronsprecher Konrad Wipp, der als Richter die Wahrheit über die Herkunft des Kasperls herausfinden soll - und sich dabei aber selbst immer tiefer in die Geschichte verstrickt. Wipp interagiert bei der Wahrheitsfindung mit den Puppen, als wären auch sie lebendig. Und tatsächlich verleihen Parzefall und Oehmann ihren Figuren erstaunlich menschliche Züge, mittels ihrer Bewegungen, ihrer Blicke ins Publikum und nicht zuletzt ihrer Sprache. Denn jede Puppe hat ihren eigenen charakteristischen Sprech - vom tiefsten Niederbairisch bis Österreichisch.

Das Publikum lässt sich gerne mitnehmen in diese bunte Fantasiewelt, eine Welt, so fern jeglicher Realität. Es wird gelacht, geklatscht und lauthals dazwischengerufen. Und vielleicht hat so mancher in den etwa anderthalb Stunden ganz vergessen, dass er ja gar kein Kind mehr ist. Es wäre jedenfalls keinem zu verdenken.