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Doppel-Interview zur 40-Jahr-Feier:"Die Jungen sind unglaublich konsequent"

Sebastian Gruber ist Gründungsmitglied der Grünen im Landkreis Ebersberg, Antonia Schüller ist eines der jüngsten Mitglieder. Die beiden verbindet ihre Sorge um Umwelt und Natur, in ihrer Herangehensweise unterscheiden sie sich jedoch teilweise

Der Kreisverband der Grünen feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag. Im Interview sprechen Gründungsmitglied Sebastian Gruber und die junge Kreistagskandidatin Antonia Schüller über ihre Partei und was sich in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert hat.

SZ: Warum sind Sie den Grünen beigetreten?

Antonia Schüller: Ich konnte einfach nicht mehr zuschauen. Ich habe Tag für Tag Nachrichten geschaut und mich gefragt: Warum macht denn keiner was? Irgendwann hat es klick gemacht und ich habe verstanden, dass ich mich nicht darüber aufregen sollte, wenn ich mich nicht selber einbringe. Im November 2018 habe ich die Entscheidung getroffen, mich im Kreisverband politisch einzubringen und ich bin sehr glücklich damit.

Sebastian Gruber: Das ist eine lange Geschichte. 1972 wurde der Bericht vom Club of Rome veröffentlicht. Das war natürlich ein Paukenschlag, weil man da gemerkt hat: Je erfolgreicher die Wirtschaft läuft, desto schlimmer ist es für die Natur durch das Ausbeuten der Rohstoffe. Dann kam 73 die Ölkrise, 75 zum ersten Mal Millionenarbeitslosigkeit. 76 war ich dann ein Jahr lang in den USA, da gab es ein Schreiben an den Präsidenten Jimmy Carter über die Zukunft der Klimaentwicklung, die Rohstoffproblematik, Seuchen und Krankheiten. Das hat man damals alles schon gewusst. Ähnlich wie Frau Schüller habe ich mir gedacht: So geht es nicht weiter. Dann habe ich in der AUD (Aktion unabhängiger Deutscher) und der GAZ (Grüne Aktion Zukunft) Leute gefunden, die in dieselbe Richtung gearbeitet haben. Dazu kam die Atomkraft- und die Friedensbewegung. Daraus haben sich die Grünen gespeist.

Haben Sie Ihre Mitgliedschaft bei den Grünen schon einmal bereut?

Schüller: Nein, für mich ist es eine der besten Entscheidungen, die ich in meinem Leben bisher getroffen habe, weil ich erstmals die Möglichkeit habe, meine Ideen einzubringen. Ich nehme momentan an einem Frauenförderprogramm teil und habe da eine bekannte Mentorin, die mich unterstützt: Waltraud Gruber. Klar, man bietet eine Angriffsfläche für viele Außenstehende. Aber mir ist es das wert, weil ich die Chance habe, den Landkreis nachhaltiger zu gestalten. In der Schule ist es oft so, dass es von vielen Lehrkräften aber auch von Schülerinnen und Schülern nicht geschätzt wird, wenn man seine Meinung sagt. Ich habe es an meinen mündlichen Noten gesehen: die haben sich rapide verschlechtert. Aber ich würde es genauso noch einmal machen.

Fridays for Future Grafing

Nachhaltigkeit, Klima- und Umweltschutz sind Themen, welche die Grünen seit 40 Jahren vertreten und die heute viele vor allem junge Menschen bewegen, hier ein Bild von einer "Fridays for Future"-Demo in Grafing.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Gruber: Bereut habe ich es nie. Im Gegenteil: Ich bin so froh, dass ich seit 40 Jahren in der politischen Richtung arbeite und würde nichts anderes machen wollen. Auch wenn es schon immer makabere Angriffe auf die Grünen gab. Vor Ort war zwar persönlich immer alles in Ordnung, aber auf Landes- oder Bundesebene war das anders. Was man da über die Grünen gehört hat, das war schon abartig. In Aßling hat mal Otto von Habsburg, ein ehemaliger Europaabgeordneter der CSU, gesagt: "Grüne sind ungewaschen und ungekämmt." Mit solchen Aussagen konnte er damals noch auftreten. Ansonsten gab es die allgemeinen Stempel, man gehörte zu den Müslis, aber das konnte ich gut aushalten.

Was sind für Sie die wichtigsten Themen?

Schüller: Sehr wichtig ist mir Klima- und Umweltschutz und im Bezug auf den Landkreis vor allem der Ausbau von nachhaltigen Energien, vor allem Windkraft und Photovoltaik. Denn wir haben sehr ambitionierte Klimaziele, aber realistisch betrachtet werden wir die so was von reißen. Auch was den Straßenverkehr angeht, herrscht dringend Handlungsbedarf: Wie kann man den Verkehr einschränken und gleichzeitig gewährleisten, dass die Leute zum Beispiel durch öffentliche Verkehrsmittel trotzdem zum Einkaufen zu kommen?

Gruber: Das ganz große Thema ist natürlich das Klima. Für mich ist auch die Energiepolitik spannend angesichts der Vielfalt der alternativen Energietechnologien, die aber auf der Strecke bleiben. Weg vom Öl muss die Devise lauten, aber das ist ein hoch politisches Thema - es wurden ja Kriege darum geführt. Verkehrspolitik ist der zweite Punkt. Das hängt natürlich mit der E-Mobilität zusammen und auch mit öffentlichem Nah- und Fernverkehr. Deutschland hat seine Schlafwagenzüge alle an Österreich verkauft. Jetzt haben wir keine mehr. Wie kann man in dieser Zeit so eine politische Entscheidung treffen?

Antonia Schüller ist 18 Jahre alt und studiert in Augsburg Rechtswissenschaften. Die gebürtige Münchnerin engagiert sich seit Ende 2018 für den Kreisverband der Grünen und kandidiert kommendes Jahr für den Kreisrat.

(Foto: privat)

Gibt es ein Projekt, auf das Sie besonders stolz sind?

Schüller: Ich habe mich beim Volksbegehren Artenvielfalt eingebracht, habe an Infoständen gearbeitet, Flyer verteilt und in Grafing eine Rede gehalten. Als das Volksbegehren durchgesetzt wurde, hat mich das sehr gefreut. Es ist toll, wenn man sich engagiert und daraus etwas wird.

Gruber: Am Anfang der 80er haben wir am Arbeitskreis für Abfallwirtschaft mitgearbeitet und das Thema ist auch im Landkreis gepuscht worden. Es ist ein tolles Abfallwirtschaftskonzept entstanden, das sogar bundesweit eines der besten war. Wir haben auch eine Initiative gegen Müllverbrennung initiiert. Damals wurden Gemeinden in anderen Landkreisen noch dazu verpflichtet, eine bestimmte Müllmenge zu liefern. Und wenn sie das nicht machten, gab es Konventionalstrafen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Was wir wollten - Recycling - war vollkommen sinnlos, weil man gesagt hat: Wir brauchen den Müll, die Anlagen müssen brennen.

Gibt es Unterschiede zwischen den Generationen?

Schüller: Die Jungen sind Social-Media-affiner als die älteren, das ist eindeutig ausbaufähig. Aber wir haben schon angefangen, daran zu arbeiten: Wir haben jetzt auch eine eigene Instagram-Seite. Dafür können die älteren Mitglieder ihre Erfahrungen aus dem Kreistag und den Ortsverbänden einbringen. Ich finde es schön, dass sich das so ergänzt.

Gruber: Die Jungen sind sehr konsequent, vor allem bei "Fridays for Future". Sie sind unglaublich präsent, jeden Freitag eine Demo. Es gibt keinen Tag, an dem nicht über das Klima gesprochen wird, dazu haben die Jugendlichen mit ihrer Energie stark beigetragen. Sie haben die Älteren aus ihrer Routine geholt.

Was können Sie voneinander lernen?

Schüller: Die Erfahrung: Wie schreibe ich einen Artikel, wie verläuft eine Kandidatur, was sind meine Aufgaben im Kreistag, wie gehe ich mit Konflikten um, in der Partei aber auch außerhalb. Ohne diese Unterstützung wäre ich gar nicht bereit, für den Kreistag zu kandidieren.

Gruber: Die Zuversicht. Mir imponiert die Klarheit und Entschlossenheit unheimlich. Es geht ja aber auch um etwas. Gestern stand in der Zeitung, dass ein Eisblock in der Antarktis abgebrochen ist, so groß wie London. Klimaforscher sagen, dass Europa bald Wirbelstürme erleben wird wie in den USA. Die haben es erkannt, sie sind da und hören nicht auf.

Sebastian Gruber, 40 Jahre Grüne, Kreisverband Ebersberg

Sebastian Gruber ist ehemaliger Leiter der Steinhöringer Werkstätten für Menschen mit geistiger Behinderung. Der 66-Jährige aus Aßling ist eines der ersten Mitglieder des Kreisverbands der Grünen.

(Foto: privat)

Verhalten Sie sich auch privat umweltbewusst?

Schüller: Ich versuche Müll zu vermeiden, fahre hauptsächlich mit dem Zug und versuche mein Konsumverhalten zu reduzieren. Es muss nicht sein, jede Woche etwas Neues zum Anziehen zu kaufen, nur weil es schön aussieht. Aber mir fällt auch selber auf, dass wir in einem System leben, in dem es teilweise schwer ist, nachhaltig zu leben. Das macht mich wahnsinnig traurig, denn Politik sollte unsere Zukunft schützen und nicht unseren Planeten zu verschmutzen.

Gruber: Wir haben unser ganzes Haus saniert. Schon 1984 haben wir einen Wintergarten gebaut. Das war der zweite im Landkreis. Damals wurde das noch von der Bauverwaltung kritisch bewertet. Aber es macht Sinn, er puffert unheimlich viel Wärme. Seit 2000 nutzen wir Photovoltaik und wir haben isoliert. Dadurch haben wir kaum noch Heizkosten. Und wenn wir unser zweites Auto ersetzen, dann holen wir uns ein Elektroauto. Außerdem kaufen wir im Bioladen ein und meine Frau hat einen Garten, in dem sie Gemüse anbaut.

Bei welcher Partei wären Sie, wenn Sie nicht bei den Grünen wären?

Schüller: Ich bin froh, dass es die Grünen gibt. Mit einer anderen Partei kann ich mich nicht identifizieren. Dann wäre ich bei einer Bürgerorganisation - oder würde meine eigene gründen.

Gruber: Eine andere Partei kommt nicht in Frage, höchstens Greenpeace. Denen fühle ich mich am nächsten. Die SPD ist ja so ausgewogen, dass man gar nicht mehr weiß, was sie eigentlich macht. AfD und FDP sind sowieso auf anderen Planeten. Und CDU/CSU kämen nicht in Frage, weil sie unsere Umweltpolitik belächelt haben.

Die 40-Jahr-Feier des Grünen-Kreisverbandes am Samstag, 12. Oktober, beginnt um 18 Uhr in der Sieghartsburg in Ebersberg.