Süddeutsche Zeitung

Donnerstags in Poing:Satire und Realsatire

In der Gemeinde wird für und gegen Corona-Maßnahmen demonstriert

Ob Satire Grenzen hat, ist Ansichtssache, dass Satire manchmal an Grenzen stößt, ließ sich dagegen in Poing sehen. Dort treffen sich immer am Donnerstagabend Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, gut 15 waren es diesmal. Auf der anderen Seite der Alten Gruber Straße bezieht dann eine Gegendemo Stellung, die von der aus dem Satiremagazin Titanic hervorgegangenen Gruppe "Die Partei" bestritten wird. Oftmals blieb die Satire jedoch hinter den ernst gemeinten Beiträgen auf der anderen Straßenseite zurück.

Diese hatten diesmal Karl Hilz zu Gast, einen ehemaligen und für seine Auftritte auf solchen Demos bekannten Polizisten. Als Gesetzeshüter habe er einen Eid auf die Verfassung geschworen, so Hilz, und Vorschriften wie zum Maskentragen seien ein Verstoß dagegen, konkret gegen die Menschenwürde. Noch schlimmer: Masken lösten Schlaganfälle aus und Kinder würden dadurch traumatisiert. Auf der anderen Straßenseite ging es derweil um die Frage, ob es nicht traumatischer sei, wenn Oma mangels Infektionsschutz an Corona stirbt. Allerdings wisse man natürlich nicht, welches Verhältnis die Leute gegenüber zu ihren Verwandten haben - eins zu eins für die Satiriker.

Gegen den nächsten Aufschlag von Hilz waren aber die Satiriker - die unter dem Banner "der rationale Widerstand" auftraten - machtlos. Zwar hielten sie sich wacker, indem auch sie Corona als Verschwörung bezeichneten, mit dem Zweck, hässliche Menschen hinter Masken zu verstecken. Die Realsatire ging da deutlich weiter: Laut Hilz ist Corona natürlich auch eine Verschwörung: von einer kriminellen Vereinigung bestehend aus hochrangigen Politikern und Virologen. Allerdings diene sie nicht der Verschönerung des Straßenbildes, sondern es gehe darum, Geld zu verdienen, an Corona-Tests und anderen Maßnahmen.

Was allerdings Punktabzug im Hinblick auf die Originalität gibt: Diese Verschwörungstheorie - welche die Gegendemonstranten zu entkräften versuchten, indem sie Rabatte auf Zwangsimpfungen anboten - läuft seit Wochen in den entsprechenden Filterblasen. Das gilt auch für die Schilderungen eines Redners, der auf der Corona-Demo vor zwei Wochen in Berlin dabei gewesen sein will. Die im Gegensatz zu den in "den Medien" verbreiteten Bildern ganz friedlich war und außerdem viel größer. Nicht 30 000 sondern mehr als eine Million Leute seien dabeigewesen. Da durfte der Vorwurf nicht fehlen, die Versammlungs- und Redefreiheit sei nahezu abgeschafft - länglich vorgetragen auf einer Versammlung.

Schlimmer als Türkei, Belarus und Nordkorea zusammen seien die Corona-Maßnahmen, tönte es derweil von den Gegendemonstranten - verbunden mit dem Ratschlag, doch einmal dort hinzufahren, um zu erfahren, was Unterdrückung bedeutet. Zumindest in der Disziplin Realitätssinn ein klarer Punktsieg für die Satire.

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SZ vom 12.09.2020 / wkb
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