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Die Wahl der Besucher:Schöne Stücke

Die Mitgliederausstellung des Kunstvereins geht mit einer neuen Art der Auszeichnung zu Ende: Die zehn beliebtesten Künstler dürfen bald gemeinsam in der Alten Brennerei ausstellen

Von Anja Blum

Das Publikum hat fleißig gewählt. Deutlich mehr als 400 Ausstellungsbesucher hätten sich an der Abstimmung beteiligt, sagt Projektleiter Hermann Schuster hocherfreut. "Vor allem am Samstag, beim Weinfest, sind noch einmal sehr viele in die Galerie gekommen - und sei es nur, um sich aufzuwärmen." Doch jeder Besucher der Mitgliederausstellung des Ebersberger Kunstvereins bekam einen Stimmzettel in die Hand, bis zu vier Lieblingswerke konnte man wählen. Die letzten Zettel wurden am frühen Sonntagabend abgegeben.

Das Ölgemälde „Lanzarote“ von Anna Wessely.

(Foto: Christian Endt)

Gerade ist die Mitgliederausstellung mit einer umfangreichen Preisverleihung zu Ende gegangen. Heuer nämlich gab es erstmals nicht nur drei Sponsoren-Schecks zu gewinnen, sondern darüber hinaus heiß begehrte Plätze an den Wänden der Alten Brennerei, der so wunderschönen wie renommierten Galerie des Kunstvereins im Klosterbauhof: Die beliebtesten zehn Mitglieder dürfen im Januar gemeinsam dort ausstellen. Ein Novum. Entsprechend groß ist die Spannung: Zahlreiche Künstler sind gekommen, um das Ergebnis der Abstimmung live zu hören - und im Anschluss ihre Werke wieder mit nach Hause zu nehmen. Laut Schuster waren die ersten Plätze ziemlich eindeutig, nach hinten hinaus seien die Abstände jedoch immer kleiner geworden.

Die Publikumslieblinge freuen sich: Volker Baierl, Edith Immich, Rebecca Winhart, Jürgen Haupt, Karin Nahr, Anna Wessely, Tanja Stögermair und Horst Siegel. Wegen Abwesenheit nicht im Bild: Silvia di Natale und Eugenie Meyden.

(Foto: Christian Endt)

Mit mehr als hundert Stimmen auf Platz eins: Maler Horst Siegel aus Moosach, der bereits bei seiner Premiere 2016 ganz oben auf dem Treppchen stand. Überzeugt hat er diesmal mit zwei großformatigen Porträts, einem menschlichen und einem tierischen. Den "Onkel" hat er - vermutlich ziemlich naturgetreu - mit Bleistift festgehalten, ein vom Alter zerfurchtes Antlitz, mit nachdenklichem, fast etwas traurigem Blick. Das braun-weiße "Kalb" hingegen reckt den Kopf keck zur Seite und sieht dem Betrachter herausfordernd in die Augen.

Tanja Stögermairs weiße Ziege „Berta“.

(Foto: Christian Endt)

Die zweitmeisten Fans gefunden haben die Arbeiten der Münchner Bildhauerin Tanja Stögermair, von ihr waren fünf organisch anmutende Skulpturen zu sehen: die entzückende, kleine, weiße Ziege "Berta", ein geschwungener "Traum" aus knorrigem Olivenholz, eine "Flosse" aus dunklem Marmor, sowie - ganz abstrakt - ein geschmeidiger "Tanz" und eine zerfurchte "Sonne". Der Natur gewidmet ist auch das drittbeliebteste Werk: das Ölgemälde "Lanzarote" von Anna Wesely aus Pienzenau. Die Komposition in Blau- und Weißtönen zeigt eine sanfte Brandung mit kleiner Schaumkrone, darüber ein leicht bewölkter Himmel. Auch Wesely ist eine Wiederholungstäterin: Sie war 2016 auf Platz zwei.

Der "Onkel" von Horst Siegel.

(Foto: Christian Endt)

Über den vierten Platz und eine Teilnahme an der Ausstellung im Januar freuen kann sich auch Jürgen Haupt aus Markt Schwaben. Seine Serie könnte "Geduldsspiel" heißen, besteht sie doch in der Hauptsache aus bemalten Zahnstochern. Mit solchen hat Haupt grafisch anmutende, flimmernd-fröhliche Wandobjekte geschaffen. Platz fünf wiederum geht an eine Nachwuchskünstlerin, Rebecca Winhart aus Markt Schwaben: Unter dem Titel "Lebe" malt sie eine Balletttänzerin in Schwarz-Weiß, anmutig-schwerelos im Sprung begriffen, die Fäden, die sie möglicherweise einst hielten, hängen schlaff zu Boden. Ein Publikumsliebling auch Karin Nahr, Malerin aus Glonn. Mit ihrem minimalistischen, maritimen Triptychon aus "Steg", "Insel" und "Angler" - in feinem, dynamischen Duktus mit Tusche und Acryl eingefangen - hat sie es auf den sechsten Platz geschafft. Der Bildhauer Volker Baierl aus Poing - Platz sieben - kann mit zwei Arbeiten aus Speckstein punkten: Unter dem Titel "Flucht" reiht er aus einem Stück Holz grau-weiße Archetypen aneinander, dicht gedrängt, gesichts- und möglicherweise hoffnungslos. Die zweite Figur "Zita" sitzt für sich allein: eine niedergedrückte Frau in zartem Rosa, über deren Schicksal der Betrachter nur rätseln kann.

Ebenfalls zwei Skulpturen, allerdings aus Holz, haben Silvia di Natale zum achten Platz gereicht. Die Ebersbergerin zeichnet sich aus durch humorvolle Kommentare zum Zeitgeschehen: Ihre "Angela" mit Topffrisur ist in stoischer Haltung erstarrt, auf ihren gefalteten Händen trohnt frech ein kleines Schiffchen aus Zeitungspapier. Daneben ein "Kopfloser Bayer", die Lederhose aus Birkenrinde, der Ausdruck dynamisch, aber versehrt. Mit einer farbenfrohen Abstraktion aus der Serie "Sehnsucht nach Weite" schafft es die Ebersberger Malerin Edith Immich auf Platz neun: eine wolkige Komposition in Blau-Grün, mit einem angedeutetem Leuchten im Hintergrund und ins Nichts führenden, zarten Kanten. Zu guter Letzt freuen kann sich auch Eugenie Meyden aus Forstinning, zehnter Platz, sie darf ebenfalls im Januar in der Alten Brennerei ausstellen. Ihre zwei Aquarelle hat sie einem "Großvater" gewidmet, zeigt sein abgewetztes Trachteng'wand, "Joppe" und "Hose". Ein bewegtes Leben scheint dieser Mann geführt zu haben - ein willkommener Anlass, die Fantasie ein wenig schweifen zu lassen...

Doch wie ist nun dieses Ergebnis, die Wahl des Publikums, zu beurteilen? Fest steht: Die Ausstellungsbesucher haben sich vor allem für gefällige Werke entschieden. Kaum eines ist darunter, das schwer zugänglich, provokativ oder düster wäre. Auf den ersten drei Plätzen: naturnahe Abbildungen, die sich gut über oder neben dem Sofa machen, die Heimeligkeit eines Wohnzimmers keinesfalls stören. Darüber mag so mancher Kenner den Kopf schütteln, schließlich hat die zeitgenössische Kunst weitaus mehr zu bieten - was die Mitgliederausstellung ja durchaus auch zeigt.

Und trotzdem: Der Kunstverein tut gut daran, einmal mehr nicht auf das überregionale Renommee zu schielen - das bei seinen vielen Einzelausstellungen ja durchaus gegeben ist - sondern dem Publikum vor Ort lokale Künstler zu zeigen, die es sehen mag, und zugleich seinen Mitgliedern eine weitere, größere Plattform zur Verfügung zu stellen. Insofern ist Offenheit geboten: Man sollte einfach gespannt sein, was die zehn Nominierten noch so alles zu bieten haben - wenn ihnen einmal mehr Platz in der Alten Brennerei zur Verfügung steht als ein Meter.

© SZ vom 02.10.2018
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