Die Kluft wird kleiner "Wir sind uns näher, als wir glauben"

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Grafings Ehrenbürger Adalbert Mischlewski spricht am Vorabend seines 99. Geburtstags über "100 Jahre erlebte Ökumene"

Interview von Thorsten Rienth, Grafing

"100 Jahre erlebte Ökumene" lautet der Titel des Ökumenischen Gesprächs mit Frühstück am Buß- und Bettag in Grafing. Referent ist der Ehrenbürger der Stadt, Adalbert Mischlewski. Am Tag darauf feiert er seinen 99. Geburtstag.

SZ: Herr Mischlewski, Sie sind in den 1920er Jahren in Berlin groß geworden. Gab es da schon ökumenische Gottesdienste?

Adalbert Mischlewski: Daran war überhaupt nicht zu denken. Ökumene war damals noch ein ganz zartes Pflänzlein, das bestenfalls im Privaten gelebt wurde. Papst Pius XI. hatte noch im Jahr 1926 den Katholiken ausdrücklich verboten, an evangelischen Gottesdiensten teilzunehmen. Ausnahmen waren nur bei Taufen und Totengottesdiensten erlaubt - und wenn sich eine Teilnahme gesellschaftlich nicht vermeiden ließ.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie den ökumenischen Gedanken das erste Mal erlebten?

Das war im Krieg. Menschen, die keine Nazis waren, waren im Allgemeinen gläubige Christen. Wenn man sich mit denen unterhielt, ganz gleich, ob sie nun katholisch oder evangelisch waren, befand man sich sofort auf einer Wellenlänge. Da fragte man sich unweigerlich: Was sollte diese Trennung? Wir sind uns doch näher, als wir glauben.

Worin zeigt sich diese Nähe?

Zum Beispiel in der Liturgie. Die der Lutheraner oder der Orthodoxen ist der römisch-katholischen sehr nah. Das ist ein Zeichen, dass in den zentralen Glaubensaussagen mehr verbindend ist als trennend.

Trotzdem wurde in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Trennung betont.

Es hat sich doch allein in meiner Lebenszeit unglaublich viel zum Positiven geändert. Vor 30 Jahren noch wäre es undenkbar gewesen, dass die deutschen katholischen und evangelischen Bischöfe zusammen eine Wallfahrt ins Heilige Land machen und dort die einzelnen Stätten besuchen und jeden Tag - wenngleich noch nicht mit gemeinsamer Eucharistie oder Abendmahl - einen Gottesdienst zusammen feiern.

Wo sich die beiden Kirchen annähern konnten, haben sie sich doch inzwischen angenähert?

Es bleibt nichts anderes übrig, als theologisch weiterzuarbeiten, weiterzudenken und die Ergebnisse auch zu rezipieren. Ein Problem ist noch immer die Amtsfrage, an der wiederum das Verständnis von Eucharistie und Abendmahl hängt. Ich meine, dass grundsätzlich in eine Richtung gedacht werden müsste, wie das bereits innerhalb der katholischen Kirche der Fall ist: Es gibt römisch-katholische, griechisch-katholische Christen, dann die altorientalischen Kirchen wie die Chaldäer. Sie alle haben ihr eigenes Kirchenrecht, ihre eigene Liturgie, ihre eigene Spiritualität - und sie wählen ihre Bischöfe gänzlich unabhängig.

Wie realistisch ist es, dass die evangelische Kirche den Papst anerkennt?

Die Rolle des Papsttums ist nicht unveränderbar. Sie hat sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt. Dieses Bewusstsein ist in den Kirchen durchaus vorhanden. Papst Paul VI. spitzte es einmal zu und sagte, dass er selbst das größte Hindernis für die Ökumene sei. Papst Johannes Paul II. äußerte in seiner Ökumene-Enzyklika von 1995, er sei sich völlig im Klaren darüber, dass die jetzige Form des Papsttums geändert gehöre. Und der frühere Landesbischof Friedrich erklärte einmal, er könne sich vorstellen, den Papst als Sprecher - nicht als Chef - der Christen anzuerkennen. Da ist also durchaus Spielraum vorhanden, finde ich.

"100 Jahre erlebte Ökumene" mit Adalbert Mischlewski am Mittwoch, 21. November, um 9 Uhr im evangelischen Gemeindehaus.