Die Geschichte eines besonderen Waldes Wahre Größe kommt von innen

Dem Ebersberger Forst wird so mancher übertriebene Superlativ nachgesagt. Richtig ist, dass er in Südbayern der größte Wald seiner Art ist. Was ihn so einzigartig macht - und welche Rolle Kieselsteine und Kurfürsten dabei spielen

Von Korbinian Eisenberger

Erst vor wenigen Wochen wurde er mal wieder größer gemacht als er ist. Es handle sich beim Ebersberger Forst um den "größten zusammenhängenden Wald im nichtalpinen Mitteleuropa", hieß es bei der Übergabe einer Petition für den Erhalt des Walds an den Ebersberger Landrat. Ein Superlativ, der schön klingt, aber ebenso wenig haltbar ist, wie so manch andere gefühlte Wahrheit, wenn es um die Größe und Einzigartigkeit des Ebersberger Forsts geht.

Die Landkreisbürger lieben ihren Ebersberger Forst.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Mythen werden umfangreicher und märchenhafter, was weniger an der Zauberhaftigkeit des Forsts liegt. Grund sind vor allem zwei umstrittene Projekte, die in dem 9000 Hektar großen Wald geplant sind. Insgesamt fünf Windräder könnten in den Forst hineinkommen, wofür inselartig Bäume auf einer Gesamtfläche von gut drei Hektar gefällt werden müssten. Nahe Forstinning wollen Gemeinde und Freistaat zudem eine Umgehungsstraße durch den Forst schlagen, hier sollen gut zwei Hektar Wald für Beton weichen. Die zerstörten Flächen würden andernorts wieder aufgeforstet - also nachgepflanzt. Allerdings hätte der Ebersberg Forst nun sechs Löcher.

Der Ebersberger Forst macht seinem Namen alle Ehre: Wildschweine trifft man regelmäßig an.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

200 Jahre lang ist der Ebersberger Forst quasi unberührt geblieben, abgesehen davon, dass er wie praktisch jeder bayerische Wald bewirtschaftet wird, indem Bäume gefällt werden. Nun soll erstmals wieder großflächig Wald für Beton weichen: Für die Befürworter der geplanten Umfahrung fallen die Vorteile stärker ins Gewicht. Die Gegner argumentieren hingegen mit dem Schutz eines besonderen Waldes. Das in diesen Tagen beginnende Planfeststellungsverfahren könnte nun eine Zeitenwende im Forst einläuten. Zeit also für wichtige Fragen: Wie besonders ist der Ebersberger Forst? Und warum?

Forstbetriebsleiter Heinz Utschig kennt die Besonderheiten.

(Foto: Christian Endt)

Auf der Webseite der Online-Petition "zur Rettung des Ebersberger Forsts" (mittlerweile haben knapp 10 000 Personen unterzeichnet, 7000 davon aus dem Landkreis Ebersberg) ist vom "größten zusammenhängende Waldgebiet im bayerischen Flachland" - die Rede, ein Superlativ, der schon etwas näher an der Realität ist. Allerdings wird der Ebersberger Forst auch innerhalb des Freistaats größenmäßig deutlich von anderen Waldgebieten überboten. Der insgesamt viel größere Spessart in Unterfranken ist zwar stellenweise stark von Siedlungen und Straßen durchschnitten. Der südliche Teil des Waldes nahe Lohr am Main jedoch ist dicht wie der Ebersberger Forst und mehr als dreimal so groß, was auf der Satellitenansicht von Google Maps schon auf den ersten Blick gut zu erkennen ist

Anwohner protestieren gegen den Verkehr.

(Foto: Christian Endt)

Zweifelsfrei, so sehen es auch die Staatsforsten, ist der Ebersberger Forst der größte zusammenhängende Wald Südbayerns und der mit Abstand größte in der Region um München. Wobei Begriffe wie "zusammenhängend", "undurchschnitten" oder "unberührt" zu unpräzise sind, um die Gesundheit und Kompaktheit eines Waldes zu beschreiben. Tatsächlich ist der Ebersberger Forst von drei größeren Straßen durchzogen, also genau genommen doch durchschnitten: Zwei Teerstraßen von Ebersberg nach Forstinning (St 2080) beziehungsweise Hohenlinden (St 2086) und eine Kiesstraße zwischen Ebersberg und Anzing. Anders als in fast allen anderen Wäldern Bayerns findet man im hier jedoch keine Ansiedlungen. Das unterscheidet ihn und macht ihn zu einer Rarität - was an der Natur liegt, und an der Historie.

9000 Hektar

groß ist der Ebersberger Forst. Er ist durchzogen von zwei Teerstraßen nach Forstinning und Hohenlinden und einer Kiesstraße nach Anzing. Anders als in fast allen anderen Wäldern Bayerns findet man im Waldgebiet jedoch keine Ansiedlungen. Das macht die geplanten Eingriffe für fünf Windräder und die Umgehungsstraße von Schwaberwegen besonders umstritten.

In der Satellitenansicht gleichen Bayerns Wälder einem Schweizer Käse. Zwischen dem elften und 13. Jahrhundert nahmen die Stadtgründungen in Bayern stark zu, Holz wurde als Bau- und Brennstoff immer wichtiger. "Seinen Höhepunkt erreichte der mittelalterliche Landesausbau im frühen 14. Jahrhundert", schreibt der Historische Verein für den Landkreis Ebersberg 2008 in seinem Jahrbuch. Vor 700 Jahren "war die Bevölkerungszahl im Vergleich zum frühen siebten Jahrhundert um das neunfache gestiegen, die Waldfläche zugleich auf die Hälfte geschrumpft (von knapp 60 auf unter 30 Prozent der Gesamtfläche)." In einem Zustandsbericht der bayerischen Wälder aus dem Jahr 1752 ist bereits die Rede von einem "Konglomerat von Wald, Weide, Holzmähdern, Außenäckern, parkartig lichtstehenden Laubwäldern", zitiert von den Historikern Carl Schmöller und Jacques Andreas Volland in "Bayerns Wälder - 250 Jahre Bayerische Staatsforstverwaltung".

Es zeigt: Straßen, Weideflächen und Siedlungen haben Bayerns Wälder zerkleinert, zerschnitten und durchlöchert, der Ebersberger Forst aber blieb fast ganz. Warum?

Bis zum Zusammenbruch des bayerischen Königreichs mit der Revolution vor hundert Jahren zog der Ebersberger Forst das Interesse seiner Eigentümer vor allem als attraktives Jagdgebiet für Hirsch, Reh und Wildschwein auf sich. Im frühen Mittelalter hatten die Grundherren im Ebersberger Forst darauf Wert gelegt, dass sie sich das Jagdrecht vorbehielten und die Siedlungstätigkeit kontrollierten. Wer Wald roden und sich niederlassen wollte, durfte das nur mit Einverständnis des Waldherrn und gegen hohe Abgaben. "Dass dieser Wald als in sich geschlossener Komplex erhalten blieb", verdanke er "der Tatsache, dass er frühzeitig - wohl noch von den agilolfingischen Stammesherzögen - gebannt und als Jagdrevier von Kolonisten freigehalten wurde", heißt es im Jahrbuch des Historischen Vereins. "In vielen anderen Wäldern Bayerns ging es weniger streng zu", sagt Heinz Utschig, der Leiter des zuständigen Forstbetriebs im Ebersberger Forst. Unter seinen späteren Besitzern, bayerischen Herzögen, Kurfürsten und den Karolingern änderte sich daran wenig.

Hinzu kommt ein zweiter wichtiger Faktor: Der Ebersberger Forst steht auf einer zwischen 50 und hundert Meter tiefen Schotterschicht - mit der Folge, dass sich dort keine Gewässer entwickeln können. Im Ebersberger Jahrbuch 2008 wird dem Forst eine "Wasserarmut, die nicht gerade siedlungsfreundlich war" attestiert - anders als etwa Richtung Erding, wo die Böden - oft Moose - kompakter und Wasserundurchlässiger sind als Schotter. Gemeinden und Städte entstanden stets an Flüssen, im Forst aber ließen sich höchstens Regenpfützen finden, in denen sich Wildschweine suhlten.