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Landkreis am Limit, Folge 7:Der tiefste Punkt im Landkreis liegt auf einer Sandbank

Extrempunkte im Landkreis - Tiefster

Geh doch rüber: Der tiefste Punkt des Landkreises führt in den Osten zu einer einladenden Brücke.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Ein Naturidyll inmitten der Attel in Emmering, ein Fleck von Schönheit und Ruhe. Dann wird es plötzlich wird laut.

Hier geht's nicht weiter: Das haben alle Punkte gemeinsam, die die SZ Ebersberg in einer kleinen Serie vorstellt. Denn es handelt sich um geografische Extreme - der siebte Teil führt zum tiefsten Punkt in den Osten des Landkreises in die Gemeinde Emmering:

Die surreale Idylle und Ruhe, die sich auf dem Weg zum tiefsten Punkt im Landkreis Ebersberg schon vehement angekündigt hat, gipfelt in einer Art Hochpunkt. Das lässt misstrauisch werden. Es ist einfach zu schön - zu schön um wahr zu sein? Tatsächlich: Hinter dem Plätschern der Attel und dem Singen der Vögel ist es zu hören. Das Rauschen von Verkehr. Irgendwo hinter den Bäumen muss eine Straße entlangführen. Wahrscheinlich ist es nur ein Straßerl, denn das Rauschen ist leise. Aber es rauscht. Schade. Selbst hier draußen, weit weg vom Trubel der Großstadt, entkommt man dem Verkehr nicht. Oder?

Eigentlich standen die Zeichen gut. Der Wunsch war, mit den Koordinaten 48 Grad, zwei Minuten und 43 Sekunden nördlicher Breite und zwölf Grad, sechs Minuten und 39 Sekunden östlicher Länge den Schlüssel zu einem Idyll im Landkreis zu besitzen. Einfach, weil Optimismus angenehmer ist als Pessimismus. Und der Weg dorthin, zum tiefsten Punkt, ließ die Hoffnung größer werden, das Herz langsam aber sicher schneller schlagen. Ja, ein solch malerischer Weg kann doch nur an einem wunderbaren Ort enden!

Ziemlich mittig zwischen dem Emmeringer Gemeindeteil Heumoos auf der einen Seite der Attel und Boing, einem Teil von Pfaffing im Landkreis Rosenheim, auf der anderen Seite liegt er, der tiefste Punkt im Landkreis Ebersberg. Auf einer kleinen Sandbank inmitten des Flusses, gerade noch so im Kreis Ebersberg, gute 468 Meter über dem Meeresspiegel. Die Fahrt dorthin führt über Straßen, die kaum befahren sind. Kaum einmal ein Auto auf der Gegenfahrbahn. Es gibt in der Mitte nicht einmal eine Fahrbahnmarkierung.

Niemand in Sicht, den man grundlos anhupen könnte

Für einen Münchner, manch einer würde dazu sogar "Großstädter" sagen, ist so etwas schon erwähnenswert. In der Landeshauptstadt, wo Blechlawinen schwerfällig dahinkriechen, manchmal dreispurig nebeneinander in die eine Richtung, und dreispurig in die entgegengesetzte. Immer jedenfalls gibt es da diesen weißen dicken Strich in der Mitte, der orientierungslosen Autofahrern anzeigt, wo der Gegenverkehr beginnt. Nicht auszudenken, welch ein Chaos ohne diesen Streifen herrschen würde.

Auf dem Weg zum tiefsten Punkt hingegen kann von Chaos keine Rede sein. Spätestens nachdem die B304 in Richtung Grafing hinter einem liegt und am ersten Kreisel die Ausfahrt nach Frauenneuharting genommen ist, findet sich niemand, den man grundlos anhupen könnte oder über dessen Fahrweise sich im Auto vor sich hinschimpfen ließe. Im Gegenteil: Dass eine Autofahrt trotz fehlendem Mittelstreifen so friedvoll verlaufen kann, mutet einen Großstädter beinahe surreal an.

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Als wäre man von einer Betrügerin verführt worden

Auf dem Weg zum südlichsten Punkt im Landkreis Ebersberg lockt traumhaftes Alpenpanorama. Im Ziel wartet dann ein Ort, der den Bergblick frecherweise versperrt.   Von Korbinian Eisenberger

Ein schmaler Asphaltstreifen schlängelt sich durch ein gelbes Meer von Rapsfeldern. Das knallige Gelb - eine Farbe, die laut Farbenlehre Fröhlichkeit symbolisiert - wird ergänzt von einem bezaubernden Frühlingshimmel: Ein Azurblau, ab und an durchsetzt von weißen Wolken, die aussehen, als ob sie jemand mit einem großen weichen Pinsel ans Firmament getupft hätte.

Nach dem Ortsschild von Frauenneuharting führt die Fahrt auf einen Weg, der selbst mit gutem Willen nicht mehr als Straße gelten kann: Er gleicht mehr einem üppig geratenen Trampelpfad. Weiter gehts zu Fuß, über Stock und Stein, den herrlichen Duft von Frühling in der Nase.

Ein Bankerl wie aus einer Landschaftsmalerei aus dem 19. Jahrhundert

Und dann ist er da, endlich: der tiefste Punkt. Die Attel windet sich hier kurvenreich zwischen den Landkreisen Ebersberg und Rosenheim entlang. 106 Holzlatten, aneinandergereiht zu einer Brücke, etwa 1,50 Meter breit, verbinden die Uferseiten. Auf der einen Seite Heumoos, ein Gemeindeteil von Emmering. Auf der anderen Seite Boing, ein Teil von Pfaffing. Ein Bankerl steht dort, die Witterung hat das Holz dunkel verfärbt. Die Bank fügt sich in ein Bild, das Vorlage für eine Landschaftsmalerei aus dem 19. oder 20. Jahrhundert hätte sein können, die in der Neuen Pinakothek in München hängen: Hier strotzt alles vor Natur.

Extrempunkte im Landkreis - Tiefster

Das Bankerl am Ufer der Attel bei Boing.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Nicht so eine, wie sie der Münchner kennt, wenn er mal im Englischen Garten auf einer geschniegelt gemähten Wiese hockt und auf ein Meer aus anderen Münchnern und deren hinterlassenen Kronkorken schaut, während die Ohren mit dröhnenden Beats aus teuren Bluetooth-Boxen von links und rechts zugeschwallt werden. Nein, am tiefsten Landkreispunkt ist die Natur ein romantisches Stillleben. Einfach zauberhaft!

Gestrüpp säumt das Ufer der Attel, die an dieser Stelle etwa 15 Meter breit ist, mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger. Geeicht ist hier nichts, die Natur ist unberechenbar! Viel totes Holz liegt herum und noch mehr Brennnesseln wuchern wild vor sich hin. Es knirscht und knackst bei jedem Schritt. Wenige Meter vom Ufer weg erstreckt sich auf beiden Seiten saftiges Gras, gesprenkelt von Löwenzahn und anderem blühenden Zeug, das der Münchner fachkundig als "bunte Blumenwiese" bezeichnet. Menschen? Pusteblume.

Wenn da nur nicht dieses unablässige Rauschen wäre. Das Geräusch lässt sofort an Hektik denken. An Stadt. Die Ampel springt von Rot auf Orange auf Grün. Ein Hupkonzert. Schnell, schnell weiter! Der Verkehr! Wieso hört man ihn hier draußen nur?

Aber Moment: Dieses Rauschen, es wird lauter, sobald der Wind ein wenig kräftiger bläst, und leiser, wenn er nachlässt. Das irritiert. Hier ist etwas faul. Ein skeptischer Blick umher. Die Bäume! Das Rauschen, es sind Baumkronen, die in der sanften Brise hin und her wiegen. Keine umherbrausenden Autos. Ein Hirngespinst. Ein Phantomlärm. Hier, am tiefsten Punkt weit im Osten des Landkreises, hier ist es tatsächlich einfach idyllisch und ruhig.

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