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Schafft es der 14-Jährige Stefans Kasims aus Kirchseeon bei der Bayerischen Jugendeinzelmeisterschaft unter die besten zwei, dann wird er Ende Mai bei der Deutschen Jugendeinzelmeisterschaft antreten.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Stefans Kasims tritt bei der Bayerischen Jugendeinzelmeisterschaft im Schach an. Beim Qualifikationsturnier fehlte der 14-Jährige an einem von drei Tagen - und gewann trotzdem den zweiten Platz

Von Johanna Feckl, Kirchseeon

Stefans Kasims greift den weißen Bauern vom Feld E2 zwischen seinen rechten Daumen und Zeigefinger und schiebt die Figur zwei Felder nach vorne auf E4. Schnell macht er das. Greifen-schieben. Zack-zack. Das macht der 14-Jährige aus Kirchseeon jedes Mal so, wenn er am Zug ist. Greifen-schieben. Zack-zack. Fast so, als ob er gar nicht nachdenken würde, was er da eigentlich tut. So flott steht da eine seiner Figuren plötzlich auf einem anderen Feld. Es ist die erste Partie an diesem Abend. Schwarz ist am Zug. Fünf Minuten später setzt Stefans seine weiße Dame auf das Feld, auf dem bis eben die schwarze Dame stand. "Schach", sagt er. Eine weitere Minute und zwei Spielzüge vergehen. "Schachmatt."

Als Stefans das erste Mal vor einem Schachbrett saß, verlief das Spiel noch etwas anders. Er war etwa acht oder neun Jahre alt, "in der dritten Klasse". Mit 14 ist man noch in dem Alter, in dem die Jahre nicht in Geburtsjahren vergehen, sondern in Schuljahren. Eigentlich auch gar nicht so wichtig. Damals jedenfalls, als er in der dritten Klasse war und gegen seinen Vater das erste Mal Schach spielte, "da habe ich richtig kläglich verloren", erinnert sich Stefans. Er lacht. So einfach ließ er seine Niederlage aber nicht auf sich sitzen. Irgendwas faszinierte ihn am Schach. Er übte. Und wurde besser. "Das hat mich motiviert, also bin ich weiter dran geblieben." Drei Jahre vergingen, dann setzte er seinen Vater zum ersten Mal Schachmatt. Jetzt, mit 14 Jahren, hat er sich für die Bayerische Einzelmeisterschaft im Schach in der Kategorie U16 qualifiziert. Am Ostermontag startet das fünftägige Turnier.

Stefans baut die Schachfiguren wieder auf. Weiß auf der einen, schwarz auf der anderen Seite. In den vorderen Reihen die Bauern, dahinter die etwas größeren und imposanteren Figuren, Dame und König vereint nebeneinander, links und rechts daneben Läufer, Springer und Turm. Die zweite Partie beginnt. Stefans spielt Weiß, er zieht einen seiner Bauern von E2 nach E4. Greifen-schieben. Zack-zack. Schwarz ist am Zug. 30 Sekunden später sagt Stefans: "Schachmatt." Weiß gewinnt.

Seitdem vor einigen Jahren das Schachfieber Stefans packte, spielt er im Kirchseeoner Schachclub, mittlerweile trainiert er auch mit einem Privattrainer. 49 Mitglieder zählt der Verein aktuell. 16 davon sind Kinder und Jugendliche. Das jüngste Mitglied ist sechs Jahre alt, das älteste 89 Jahre - immer noch aktiver Spieler bei Vereinsturnieren, wie Christian Langer erklärt. Er ist der Vereinsvorsitzende und Jugendleiter. Im Vergleich zu allen aktiven Vereinsmitgliedern steht Stefans derzeit auf Platz acht, 1634 DWZ. Das Akronym "DWZ" steht für "Deutsche Wertungszahlen" und gibt die Spielstärke der Spieler an. Stefans liegt 264 DWZ hinter dem stärksten Spieler des Kirchseeoner Vereins. Damit hat er die Spielstärke der meisten Erwachsenen aus der ersten Mannschaft erreicht. "Eine bemerkenswerte Leistung in seinem Alter", sagt Christian Langer.

Die dritte Partie wird die erfolgreichste für Schwarz. Sofern man die Dauer eines Spiels mit dessen Erfolg gleichsetzt. Nach sechs Minuten sagt Stefans das erste Mal "Schach". Einen Zug später kegelt er die schwarze Dame aus dem Spiel und sagt ein zweites Mal "Schach". Nach elf Minuten ist Schwarz mit fünf Bauern und dem König besetzt. Ein armseliges Trauerspiel für Stefans Gegnerin. Eine Minute später dann die Erlösung: Ein schnelles Greifen-schieben, zack-zack, und der 14-Jährige hat den schwarzen König Schachmatt gesetzt.

Stefans spielt Erwachsenenturniere "seit der fünften Klasse", wie er sagt. Mittlerweile besucht der 14-Jährige die neunte Klasse am Kirchseeoner Gymnasium. Sich für die Bayerische Einzelmeisterschaft zu qualifizieren hat er schon einmal versucht. Zwei Jahre ist das her - im vergangenen Jahr hat es zeitlich nicht geklappt. Damals gewann er den dritten Platz, die zwei ersten dürfen an der Bayerischen Einzelmeisterschaft teilnehmen. In diesem Jahr spielte Stefans an zwei von drei Turniertagen, am ersten hatte er keine Zeit. Damit verpasste er ein Drittel der Spiele, konnte dafür also keine Punkte sammeln. Trotzdem gewann der 14-Jährige den zweiten Platz. Schafft er es nun wieder unter die besten zwei, dann wird er Ende Mai an der Deutschen Einzelmeisterschaft teilnehmen.

Stefans zieht seinen weißen Bauern von E2 auf E4. Partie vier. Obwohl er an diesem Abend jedes Spiel mit diesem Zug beginnt, macht er das nicht immer so. Je nachdem, wer sein Gegner ist. "Bei E4 kommen die interessanteren Partien heraus", erklärt der 14-Jährige. Er nimmt einen Schluck von seinem Spezi und schmunzelt. Gleichzeitig sei das aber eine riskante Variante: Denn beim Schach ist es wichtig, das Zentrum des Spielfelds zu kontrollieren. Setzt man einen Bauern gleich zu Beginn auf C4 oder D4, ist damit ein guter Anfang gemacht - E4 hingegen ist schon nicht mehr ganz so mittig. Und: Bauern spielen im Endspiel oft eine entscheidende Rolle, verrät er. Sie leichtfertig zu opfern sei daher nicht unbedingt klug. Hätte er das mal früher gesagt! Greifen-schieben. Zack-zack. Stefans setzt den schwarzen König Schachmatt.

Wenn es nach Stefans geht, dann sollte Schach ein Schulfach sein. "Oder zumindest der Mathe-Unterricht sollte sich einmal in der Woche darum drehen." Der 14-Jährige erklärt: Im Schachtraining lernt er Motive, keine einzelnen Züge. Stefans zeigt auf das Spielbrett vor ihm. Er gleicht die aktuelle Stellung der Spielfiguren mit denen ab, die er im Kopf gespeichert hat. Bei denen weiß er, wie er weiter vorgehen muss, um den Gegner zu schlagen. Hat er in seinem Kopf ein ähnliches Motiv gefunden, überträgt er dieses Wissen auf die momentane Spielsituation. Eine Transferleistung. In den naturwissenschaftlichen Fächern ist ein solches Können ziemlich sinnvoll. So gesehen übt Stefans jeden Tag für Mathe und Co. - durch das Schachspielen. Manchmal ist es eine halbe Stunde, manchmal sind es zwei, und meistens ist es irgendetwas dazwischen.