Süddeutsche Zeitung

Der Sport im Ort:Die Kunst der Bewegung

Seit fünf Jahren betreibt Vera Würfl ein Ballettstudio in Baldham. Dort lehrt sie Kinder das Tanzen. Wie aus der Profitänzerin eine Nachwuchsausbilderin wurde

Ihre zierlichen Füße stecken in Tanzschuhen mit Absatz. "Den brauche ich, wenn ich sechs Stunden im Ballettsaal stehe und Unterricht gebe", sagt Vera Würfl, 48, die in Sportsachen am Schreibtisch ihres Ballettstudios in Baldham sitzt. Die Haare hat sie hochgesteckt, auf dem Tresen vor ihr steht die Figur einer korpulenten Balletttänzerin im rosa Tutu, an der Wand hinter ihr hängen gerahmte Großaufnahmen. Sie zeigen tanzende Schülerinnen, große und kleine, und sie selbst, Vera Würfl, bei einem internationalen Ballettwettbewerb 1993 in Moskau.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Vera Würfl aus Gronsdorf bei Haar das Ballettstudio in Baldham übernommen hat. Heute zählt die Tanzschule 116 Schülerinnen, die jüngsten vier, die ältesten 70 Jahre alt. Unterteilt nach Alter und Können trägt jede Gruppe eine andere Farbe, wenn sie in dem verspiegelten Saal an Technik und Körperbeherrschung arbeiten. Würfl schaut zufrieden aus, wenn sie das erzählt. Der Weg dorthin war nicht immer einfach.

Geboren 1970 in München, fing Vera Würfl schon im Alter von sechs Jahren mit dem Balletttanz an. Zunächst bei der Volkshochschule in Haar, von dort wechselte sie wenig später zum Kinderballett der Bayerischen Staatsoper nach München. Anfangs war es noch normales Ballett-Training, doch mit der Zeit steigerte sie das Pensum immer weiter. Als Zwölfjährige trainierte sie dann bereits vier Mal pro Woche, mit 13 schon fünf Mal und später sechs Mal die Woche, von Montag bis Samstag. Würfl hatte den Wunsch, ihr Hobby zum Beruf zu machen, sagt sie heute. Ein Traum, der nach einem Besuch einer Profivorstellung am Münchner Gärtnerplatz entstand. Danach war ihr klar: "Das will ich auch."

Um ihren Traum zu verwirklichen, begann Würfl bereits als Teenagerin parallel zur Schule eine Ausbildung zur klassischen Ballett-Tänzerin in der Münchner Heinz-Bosl-Stiftung. "In dieser Zeit war ich halb immatrikuliert", erinnert sie sich - an der Hochschule für Musik, die mit der Stiftung kooperiert. Für ihren Alltag als 14-jährige Studentin hieß das: vormittags Schule, nachmittags drei Stunden Ballett.

Unterrichtet nach der russischen Waganowa-Methode wurde sie gleichermaßen gefordert wie gefördert, so sieht sie das heute. "Besser, höher, weiter, schneller", das stehe bei Waganowa im Zentrum, sagt sie. Im Vergleich zu der in Deutschland ebenfalls verbreiteten englischen Methode sei die russische Variante "viel extremer, ausdrucksstärker und fordernder".

Drill und Leistungsdruck - das wird in der Öffentlichkeit spätestens seit dem Hollywood-Blockbuster "Black Swan" mit Ballett verbunden. Ein Teil des Sports, den auch Vera Würfl nur zu oft erlebte. Ballett ist Hochleistungssport, "kein Ding, wo man mal was macht und dann wieder nicht", sagt sie. Es verlangt Disziplin, von Kind an. Kommen einem da nicht auch einmal Zweifel? Würfl sagt: "Wenn die Ausbildung hart war und man viel gekämpft hat, schon." So ist das in einer Kaderschmiede. "Alle halbe Jahre gab es Prüfungen - und wenn man durchgefallen ist, dann war man draußen."

Trotz des Drucks gab Würfl nie auf. "Wenn man tief im Herzen etwas möchte, dann muss man es auch machen." Und Würfl machte: Zunächst den Diplomabschluss zur staatlich anerkannten klassischen Balletttänzerin, wovon sie als Kind träumte. Teil des Traums: Als Tänzerin im Staatstheater am Münchner Gärtnerplatz aufzutreten. Knapp 15 Jahre stand sie dort auf der Bühne, in der Gruppe und als Solotänzerin. "Ich fand alles, was ich getanzt habe, toll", sagt sie. Ob sie in der Rolle eines Einhorns war oder der Nussknacker. Sie erinnert sich gut daran, wie sie sich beim Stück "Lola Montez" innerhalb von zwei Stunden 15 Mal umziehen musste, in kleinen Häuschen - mitten auf der Bühne.

Während Würfl erzählt, kommt eine kleine Schülerin in hellblauem Tutu und weißer Strumpfhose aus der Umkleidekabine hervor. "Für dich", sagt sie und streckt ihrer Tanzlehrerin eine Schachtel Schokoladen-Pralinen entgegen. Würfl lächelt, bedankt sich und beginnt von ihren eigenen Kindern zu erzählen.

Nach der Geburt ihres Sohnes, der mittlerweile nicht mehr Ballett tanzt sondern Jazz, wechselte sie hinter die Kulissen. Dabei blieb sie sich treu, übernahm choreografische Arbeiten am Staatstheater und gab an ihrer ersten Tanzschule, der VHS in Haar, Ballettunterricht für Kinder. Auf der Suche nach einer Ballettschule für ihre Tochter stieß sie auf das Ballettstudio in Baldham, das sie wenig später auf Anfrage der damaligen Leiterin übernahm.

Sanfte Musik liegt in der Luft, die Schülerinnen winkeln synchron ihre Beine an. Obwohl Würfl selbst nach der russischen Methode ausgebildet ist, tanzen ihre jungen Schülerinnen im Ballettsaal nebenan nach den englischen Standards der Royal Academy of Dance London (RAD). Der Grund: "Ich kenne wenige russische Hobbytänzer", sagt sie. Die englische Variante geht mehr auf den Entwicklungsstand der Kinder ein, deswegen diese Ausrichtung.

Auch beim Spitzentanz, der Königsdisziplin des Balletts, stellt Würfl die Gesundheit ihrer Eleven an erste Stelle: "Sie müssen mindestens zehn, besser zwölf Jahre alt sein, um schon ein Bewusstsein für den Körper zu haben", sagt Würfl. "Die Bewegungen sollen wie flüssiges Gold aussehen, ohne dass man sieht, wie es funktioniert", sagt sie. Ballett ist für sie die unendliche Möglichkeit der Bewegung.

Diese Leidenschaft am Tanz versucht Würfl, in ihrem Ballettstudio jeden Nachmittag weiterzugeben. Vormittags arbeitete sie bis vor Kurzem noch am Theater, doch das wurde immer schwerer mit Familie und Haushalt vereinbar. "Ich möchte mich jetzt voll auf die Tanzschule konzentrieren", sagt sie. Das Ende des Theaters bedeutet dies jedoch nicht, das zeigt ein Plakat im Eingangsbereich der Tanzschule: "Alice im Wunderland" steht drauf, getanzt von ihren als Schlingpflanzen verkleideten Schülerinnen, das war erst vergangenes Jahr im Bürgerhaus in Haar.

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Quelle:
SZ vom 13.07.2019
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