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Der Sport im Ort:Der Preis für den Schweiß

Vereint in der "WSV-Sportwelt": Vorstand Reiner Prechtl (links) mit Mutter Eva Schindler (Mitte) und Tochter Lea Schindler.

(Foto: Christian Endt)

Vom Deutschen Skiverband ist der WSV Glonn zum "Talentpunkt" ernannt worden und erhält nun zusätzliche Fördermittel. Das Erfolgsrezept: Der Verein setzt zunehmend auf Trainingseinheiten fernab des Schnees

Es passierte ausgerechnet an dem Tag, als der Scout vom Deutschen Skiverband beim Training zusah. Für Skifahrerin Lea Schindler ging es somit um einiges, in ihrem letzten "Schüler"-Jahr, in dem sich entscheidet, ob die Rennläuferkarriere weiter geht oder nicht. Oben sie, unten der Trainer des DSV, dazwischen ein Stangenwald. Lea Schindler erwischt die Tore gut, eine Fahrt wie aus einem Guss. Doch dann, am letzten Tor, bleibt die 15-Jährige hängen, stürzt, verdreht sich das Knie. Diagnose: Kreuzbandriss. Der Sturz vor den Augen des DSV-Trainers war nun nicht mehr das Problem.

Lea Schindlers Geschichte hilft, um zu verstehen, warum der WSV Glonn seit einigen Jahren neue Wege geht - und so zu einem der erfolgreichste Skiklubs im Umkreis von München geworden ist. Der Skiverband hat diese Entwicklung honoriert und den Glonner Verein zum "DSV Talentpunkt" ernannt. Eine Auszeichnung für beispielhafte Strukturen und Trainingsmethoden, verbunden mit Fördergeldern: Der Lohn für kontinuierliche Erfolge. Wobei der Begriff Erfolg im Nachwuchs-Skisport nicht nur für schnelle Zeiten und Pokale steht. Sondern vor allem auch dafür, dass die Sportler gesund bleiben.

Ein Tag Mitte Januar, im Landkreis Ebersberg liegt Schnee, der Weigl-Lift am Glonner Hausberg läuft. Zum Herz des Vereins zählt mittlerweile aber nicht mehr nur die Piste, sondern auch die "WSV Sportwelt", eine stattliche Anlage, wo die Vereinsmitglieder ihre Muskeln trainieren. Auf den Ergometern, Laufbändern und Bodenmatten läuft der Schweiß, dazwischen empfängt Reiner Prechtl, Vorstandsmitglied und zusammen mit Abteilungsleiter Gregor Schober zuständig für den Bereich Alpin. Über die Jahre habe sich am Trainingskonzept des Vereins einiges geändert, sagt er: "Die Einheiten drinnen sehen wir mittlerweile als genauso wichtig wie das Schneetraining."

Vier Jahre ist das Glonner Sportzentrum jung, und wenn es hier nicht stellenweise sportlich duften würde, so käme es einem gänzlich neu vor. Es ist eine luxuriöse Anlage, so mancher Verein kann davon nur träumen. Die "WSV-Sportwelt" ist Teil des Glonner Erfolgsrezepts.

Vorstand Reiner Prechtl führt nun durch beide Stockwerke, vorbei an einer Plakatwand mit sieben gerahmten Fotos, so etwas wie die Bestengalerie mit Aufnahmen des Deutschen Buckelpisten-Serien-Meisters Julius Garbe aus Ebersberg oder Max Pupp, ebenfalls vom WSV und mittlerweile Skicross-Trainer beim DSV. Zwei Skifahrerinnen sind auch zu sehen: Laura Schindler - und ihre Schwester Lea.

Auf dem Foto biegt Lea Schindler mit einem schneidigen Schwung um eine Slalom-Kippstange. Heute trägt sie keinen windschnittigen Rennanzug mehr, sondern Jeans und Pulli. Die Zeit der Rennen ist vorbei. Seit zwei Jahren arbeitet sie neben der Schule nun als Trainerin und Skilehrerin. Sie blieb ihrem Verein treu, hat nun aber mehr Zeit für andere Dinge. Schindler ist Mitglied im Grafinger Jugendorchester, dort spielt sie das Cello - eine Tätigkeit, bei der höchstens mal eine Seite reißt, nie aber ein Kreuzband.

Die Verletzungsgefahr ist im Skisport enorm. Weil der Speed und die Unebenheiten im oft harten Schnee große Kräfte auf den Körper ausüben. Hier setzt der WSV Glonn mit seinem Konzept an. Das Problem: Auf der Piste befinden sich gut ausgebildete Skifahrer stets in einer Art Hockposition - "fast so wie in der Schulbank", sagt Vorstand Prechtl, nur dass die Haltung noch starrer ist. Mit dem Ende der Skisaison werden die Nachwuchsathleten des WSV deswegen auf Defizite in ihrer Beweglichkeit getestet. Anhand von sieben Übungen erheben die Trainer Daten - auf deren Grundlage starten die Glonner Nachwuchs-Fahrer ins Sommertraining. Dann arbeiten sie an den Defiziten - gestärkt für den nächsten Rennwinter.

In den Räumen der Glonner Sportwelt erinnert der Verein mehr an die Vorstufe zu etwas Größerem, als an einen Hobbyklub. "64 kleine Rennläufer der Jahrgänge 2015 bis 2009 hatten sich zur Finkenhöhe aufgemacht, um etwas Weltcupluft zu schnuppern und wie Mikaela Shiffrin um die (...) Tore zu carven", heißt es im Vereinsbericht vom "Zwergerlrennen" vor einer Woche. Es beginnt eben früh im Skisport, das Gewinnen und Verlieren, nicht nur beim WSV. Für die Buben und Mädchen geht es aber auch darum, den Umgang zu lernen. Mit den Siegen - und Niederlagen.

Lea Schindler ist mittlerweile 17, damals galt als eine der Fleißigsten und Fittesten, gerade auch beim Krafttraining in der Halle, mit Medizinbällen, Langhanteln oder beim Athletiktraining. Und doch passierte es auch ihr. "Vielleicht war es besser so", sagt sie, ganz unverbittert. Wer weiß, wie viele Rückschläge so eine Rennläufer-Karriere noch gebracht hätte.

Am Sonntag, 17. März, findet der große Regionalcup in Ochsalm-Kirchberg statt. Zum Saisonfinale treten die besten Fahrer aller Landkreise in und um München gegeneinander an. Glonn hat im Vorjahr gewonnen und ist demnach Ausrichter.

© SZ vom 26.01.2019
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